Ausgabe ___ | March 29 2017
23. Juli 2018
Nordamerika Nachrichten
Dieser Newsletter informiert deutschsprachige Leser über aktuelle Entwicklungen und Trends im Hochschulwesen der USA und Kanada.
Themen dieser Woche:

  • „Bildungswüsten” in den USA
  • Weiterhin schlechte Aussichten für viele private Colleges in den USA
  • UC Merced: Die Zunkunft vieler öffentlicher Hochschulen in den USA?
  • Kurznachrichten
Liebe Leserinnen und Leser,

in dieser Ausgabe befassen wir uns mit einem Beitrag des Chronicle of Higher Education zu den hinsichtlich von Hochschulbildung unterversorgten Regionen der USA und mit den Ergebnissen einer jüngsten Umfrage unter Finananzverantwortlichen an Hochschulen in den USA. Wir werfen zudem einen Blick auf das jüngste Kind der zehnköpfigen Familie namens University of California und schließlich auf verschiedene Kurznachrichten der Woche.

Ich wünsche Ihnen wie immer eine interessante Lektüre.

Stefan Altevogt
„Bildungswüsten” in den USA
Fast 40% aller traditionellen und vollzeitig Studierenden in den USA, so ein Beitrag im Chronicle of Higher Education, schrieben sich derzeit an Hochschulen im Umkreis von bis zu 50 Meilen von ihren jeweiligen Elternhäusern ein und dieser Anteil sei seit Beginn der 1980er Jahre stabil geblieben. Bei nicht-traditionellen Studierenden – mittlerweile etwa ein Viertel aller Hochschulbesucher – sei das Bedürfnis, unweit des Wohnorts studieren zu können aus naheliegenden Gründen (Familie, Job) sogar noch größer. Die Frage stelle sich, wo in den USA eine Versorgung mit Hochschulbildung nahe des Wohnorts gewährleistet werden kann und welche Gegenden als „Bildungswüsten” gelten müssten, Gegenden also, in denen keine Hochschule im Umkreis von 60 Fahrminuten vom Wohnort entfernt zu finden sei.

Die Untersuchung des Chronicle bezog etwa 1.500 öffentlich finanzierte zwei- und vierjährige Hochschulen ein und schloss Einrichtungen mit einer Zulassungsquote von unter 30% der Bewerber aus der Betrachtung aus, weil: „These colleges wouldn’t be considered viable options by many local students.” Um die Standorte der betrachteten Hochschulen zog man dann Kreise von 60 Fahrminuten, legte die entstehende Karte dann über die Karte mit Zensus-Daten und bekam die US-Amerikaner in den Blick, denen keine für sie geeignete Hochschule im Umkreis von 60 Fahrminuten um ihre jeweiligen Wohnorte herum zur Verfügung stünden. Es heißt: „The Chronicle’s analysis found that 11.2-million adults, or 3.5 percent of the adult population, live more than a 60-minute drive from a public college.”

In den am dünnsten besiedelten und großflächigsten Bundesstaaten (Alaska, Wyoming, North Dakota und Montana) sei das Problem erwartungsgemäß am häufigsten anzutreffen und beträfe in ihnen zwischen 40% und 50% der Bevölkerung, doch auch in Staaten wie Maine, West-Virginia oder Mississippi seien immer noch zwischen 30% und 40% der Bevölkerung betroffen. Der Beitrag erklärt am Beispiel Montana, warum das so sei: „Although the state has a host of public four-year and community colleges serving most of its major cities and towns, the distances between population centers in Big Sky Country leaves one in three Montanans more than a 60-minute drive from a college.”

Landesweit, so die demografische Aufschlüsselung der Bewohner von „Bildungswüsten”, seien die Betroffenen überproportional Weiß, nämlich in mehr als 75% der Fälle (der Anteil der Weißen an der Gesamtbevölkerung lag 2016 bei 62%). Einzig den amerikanischen Ureinwohnern ginge es (nicht nur diesbezüglich) noch schlechter: „Compared with white Americans, Native American adults are more than five times more likely to live in an education desert.”

Ob man nun eine Kausalität zwischen schlechteren Bildungschancen und schlechteren Lebensbedingungen behaupten wolle oder nicht, lässt der Beitrag dahingestellt. Deutlich erkennbar sei zumindestens die folgende Korrelation: Innerhalb der „Bildungswüsten” betrage das durchschnittliche Haushaltseinkommen gut $47.000 pro Jahr, außerhalb fast $54.000. Der Anteil der Erwachsenen, die unterhalb der Armutsgrenze lebten, sei schließlich in „Bildungswüsten” ebenfalls höher als außerhalb, wenngleich mit 12,8% zu 11,4% hier der Unterschied nicht ganz so eklatant wäre.

Als Lösung des Problems kämen verschiedene Maßnahmen in Betracht: „Experts say that easier transfer requirements, partnerships between public colleges and selective colleges in underserved areas, more-aggressive rural recruitment, and even shuttle services could help ease the burden on desertbound students.” Schließlich könne auch ein Ausbau von Breitband-Internetverbindungen im Hinblick auf Fernstudienmöglichkeiten hilfreich sein.
 
Sie finden den Beitrag hier.

Der American Council on Education hat eine von Nicholas Hillman und Taylor Weichman (University of Wisconsin-Madison) verfasste Studie mit dem Titel „Education Deserts: The Continued Significance of ‘Place’ in the Twenty-First Century” herausgegeben, deren Fazit lautet: „Place matters, and geography can be destiny when opportunities richly available for some communities are rare or even nonexistent in others. Therefore, policy and research discussions about college choice should prioritize the role geography plays in shaping and constraining educational opportunity.”
 
Sie finden die Studie hier.
Weiterhin schlechte Aussichten für viele private Colleges in den USA
Einmal im Jahr veröffentlicht Inside Higher Education die Ergebnisse einer Umfrage unter Finananzverantwortlichen an Colleges in den USA, den „Survey of Business Officers”. Die jüngste Ausgabe bestätigt dabei den bereits seit einigen Jahren erkennbaren Trend, dass sich die Aussichten für einen erheblichen Teil der US-amerikanischen Landschaft von privatfinanzierten Colleges Jahr für Jahr verschlechtere und man sich zumindestens am Beginn einer Welle von Schließungen und Fusionen befinde.

Neu in das Bild hineingekommen sei allerdings ein breiteres Bewusstsein von den Schwierigkeiten, denen sich vor allem die privaten Hochschulen gegenübersähen, die zum einen über vergleichsweise geringe Rücklagen bzw. Stiftungsvermögen verfügten, auf der anderen Seite aber ihre jeweilige Rekrutierungsstrategien mit Rabatten auf eben jene Studiengebühren verfolgten, auf die sie zum Überleben angewiesen seien. Hierzu heißt es in dem begleitenden Beitrag: „More than two-thirds (68 percent) of financial officers at four-year private colleges now acknowledge that their tuition discount rate is unsustainable, markedly higher than last year’s 59 percent and 47 percent in 2015. (It was at 60 percent in 2016.)” Folglich verstärkten sich an diesen Hochschulen auch die Diskussionen um mögliche Alternativen, namentlich Zusammenschlüsse mit anderen Hochschulen, die mittlerweile an fast einem Viertel der befragten Einrichtungen ernsthaft diskutiert und von weiteren 26% als Ausweg aus der Krise empfohlen würden.

Hinsichtlich der Frage, wann man mit konkreten, flurbereinigenden Maßnahmen zu rechnen habe, unterscheiden sich dann allerdings die verantwortlichen Chief Business Officers (CBOs) kleiner, privater Colleges nur wenig von ihren Peers an öffentlichen Hochschulen. Auf die Frage „How likely is your institution to merge with another college or university in the next three years” antworteten 57% der Verantwortlichen privater Colleges mit „not likely at all”, bei den öffentlich finanzierten, vierjährigen Hochschulen waren es 55%, verglichen mit 79% bei den öffentlichen Forschungshochschulen.

Hinsichtlich der Frage nach möglichen Effizienzsteigerungen durch Zusammenlegung administrativer Aufgaben und Betrieb gemeinsamer zentraler Einrichtungen ist man bei den kleinen Privaten allerdings deutlich zögerlicher als bei den öffentlich finanzierten Hochschulen. „How likely is your institution to share administrative functions with another college or university in the next three years” wurde demnach von nur 10% der Verantwortlichen privater Colleges mit Nachdruck bejaht, während es bei öffentlich finanzierten Colleges immerhin 21% waren.

Das Gesamtbild habe sich allerdings gegenüber den vergangenen drei Jahren erkennbar aufgehellt und es heißt im Hinblick auf die kommenden fünf Jahre: „Sixty-three percent of [all] CBOs are confident about their institution’s financial outlook over the next five years, up from 56 percent last year and back to 2015-16 levels.” Gegen diesen Trend entwickele sich aber die Stimmung bei den privaten Colleges, sobald man den Zeithorizont auf zehn Jahre erweitere: „44 percent of chief financial officers at four-year baccalaureate colleges say they are confident their college will be financially stable over the next 10 years, down from 52 percent a year ago and 54 percent in 2016.”

Sie finden den Survey hier.

Sie finden den Beitrag hier.

UC Merced: Die Zunkunft vieler öffentlicher Hochschulen in den USA?
In zwei Beiträgen widmete sich die New York Times in der vergangenen Woche mit einem kaum zu übersehenden Zeichen einer demografischen Entwicklung in Teilen der USA, nämlich dem vor allem in Bundesstaaten wie Kalifornien, Texas, Florida, Arizona oder New Mexico stark gewachsenen Anteil der Bewohner mit lateinamerikanischem Migrationshintergrund.

Der erste Beitrag ist mit „You’ve Heard of Berkeley. Is Merced the Future of the University of California?” überschrieben und spielt auf den verglichen mit ihren neun älteren Geschwistern noch recht unbekannten Campus der University of California an, den 2005 gegründeten Standort in Merced im überwiegend landwirtschaftlich genutzten Central Valley. Dort entspräche der Anteil der Latinos mit 53% in etwa dem demografischen Anteil in der unmittelbaren Umgebung und läge deutlich über dem an anderen Campi des Systems (Los Angeles 21%, Berkeley 13%). Mit einer Acceptance Rate von 70% sei der Standort deutlich weniger wählerisch als etwa UCLA (16%) und nach vier Jahren hätten in Merced nur 45% der Studierenden einen Bachelor-Abschluss erreicht, während es in Berkeley 76% seien. Es heißt weiter: „Still, many Latino students are attracted to the campus, and many professors and administrators in the system are working to ensure their success.”

An dem mit fast 480.000 Studierenden an 23 Standorten und acht Learning Centers noch deutlich größere System der California State University studierten derzeit knapp 40% Latinos und weiter heißt es: „Latinos make up the majority of students at (...) two dozen four-year public colleges nationally, including the University of Texas at El Paso and Florida International University in Miami.”

Einer der Gründe, warum Merced einen vergleichsweise hohen Anteil von Latino-Studierenden habe, sei laut Beitrag auch im Versprechen der University of California angelegt, den besten 9% aus den Oberschulen des Bundesstaats einen Platz im System zu garantieren, allerdings nicht auch einen Platz an den kompetitivsten Standorten wie Los Angeles, Berkeley oder San Diego. Es heißt: „Often, students who are rejected elsewhere are sent to less-sought-after campuses such as Santa Cruz, Riverside, and Merced, all of which have the highest percentages of Latino students.”
 
Sie finden den Beitrag hier.

Der zweite Beitrag konzentriert sich auf den meritokratischen Anspruch der öffentlich finanzierten Hochschulsysteme in Kalifornien und ihr Versprechen im Hinblick auf soziale Mobilität. Um in dieser Hinsicht „the great equalizer” sein zu können, müssten die Kohorten an den Hochschulen eigentlich die jeweils aktuellen demografischen Tendenzen widerspiegeln, also etwa die Tatsache, dass derzeit mehr als die Hälfte der kalifornischen Oberschüler Latinos seien. Dies sei aber gegenwärtig nur an Merced der Fall, dem Campus, an dem sich die akademisch schwächsten Studierenden des Systems sammelten. Wolle man vermeiden, dass sich der akademische Graben zwischen den „besseren” Campi des Systems und den „schlechteren” noch weiter vertiefe, dann müssten zum einen Investitionen noch mehr in Richtung von Einrichtungen wie Merced gelenkt werden, zum anderen müssten auch die Hochschulbildungsangebote für Latinos noch deutlich ausgeweitet werden. Letzteres sei in Merced bereits auf gutem Weg: „It is in the midst of a $1.1 billion expansion that will double the size of the campus and increase student enrollment by more than 50 percent.”

Sie finden diesen Beitrag hier.

Kurznachrichten
Der Chronicle of Higher Education meldet, dass die Front der akademischen Welt gegenüber Wikipedia in den USA aufzuweichen beginne, und schreibt: „Wiki Education aims to forge stronger bonds between Wikipedia and higher education. The Visiting Scholars program, which began in 2015, pairs academics at colleges with experienced Wikipedia editors. Institutions provide the editors with access to academic journals, research databases, and digital collections, which the editors use to write and expand Wikipedia articles on topics of mutual interest. A dozen institutions, including Rutgers University, Brown University, and the University of Pittsburgh, are participating.”
 
Sie finden die Meldung hier.

Sie finden das Visiting Scholars Programm hier.

Ein Beitrag zur Erfolgsgeschichte von John C. Hitt, der in seiner Amtszeit als Präsident der University of Central Florida seit 1992 die Hochschule von 22.000 Studierende auf 66.000 Studierende vergrößerte, zitiert auch ein Motto von ihm: „If it’s worth doing, it’s worth delegating.”

Sie finden den Beitrag hier.

Das Motto von Toronto laute einem Beitrag in der New York Times zufolge „Diversity Our Strength”. Der Beitrag widmet sich einem Kindergarten im Stadtbezirk Thorncliffe Park, der für die Bewohner der umliegenden Wohnblöcke eingerichtet worden sei und in dessen 24 Klassen die 630 Kinder weit überwiegend aus Migrantenfamilien kämen. Die Folge: „They arrive speaking 40 languages but very little English (…) So teachers wear cords around their necks with little laminated pictures giving basic instructions.”

Sie finden diesen Beitrag hier.
 
Die kanadische Academica Group meldet die Ergebnisse einer Umfrage der University of Calgary, derzufolge nach der Legalisierung von Cannabis-Produkten die Bereitschaft von Studierenden gewachsen sei, über ihren Gebrauch dieser Produkte offen zu sprechen. Es heißt: „38% of the study’s respondents stated that they have replaced their prescription medications with cannabis.” Zur Frage, ob Cannabis über die berauschende Wirkung hinaus auch die intendierten pharmazeutischen Wirkungen entfalte, fehlten freilich noch die wissenschaftlichen Untersuchungen.         
 
Sie finden diese Meldung hier.
 
Schließlich meldet Inside Higher Education die Veröffentlichung einer Untersuchung, derzufolge die Einnahme von Medikamenten zur Behandlung von Attention Deficit Hyperactivity Disorder (ADHD) entgegen vieler Hoffnungen für normale Studierende nicht konzentrations- und damit leistungsfördernd wirke. Es heißt: „In fact, the study finds that when healthy students use these drugs, cognition may not be improved, and, in many cases, it is worsened.”


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Redaktion:
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