Das kanadische Academica Forum bot zum Jahresausklang eine Übersicht über die zehn wichtigsten Themen in der dortigen Hochschullandschaft. Zu diesen Themen – darin macht sich ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber der US-amerikanischen Landschaft bemerkbar – gehört auch ein Komplex zur Inklusion der kanadischen Ureinwohner in die terziäre Bildung als eine Folge des 2015 veröffentlichten Abschlussberichts der 2008 gegründeten Truth and Reconciliation Commission.
Die Auswahl der Themen beruht aus einer Kombination aus Expertenperspektive und Leserverhalten bzw. Zuschriften auf Beiträge des Academica Forums. Auf Rang 1 kam demnach ein „Dauerbrenner”, nämlich die Frage nach der Vermittlung arbeitsmarkttauglicher Fähigkeiten durch die Hochschulen. Hier scheine es – zumindestens in der Provinz Ontario – einen Paradigmenwechsel zu geben, zu dem der Präsident des Higher Education Quality Council of Ontario, Harvey Weingarten, aus seinen Vorsätzen für das neue Jahr mit den Worten zitiert wird: „[to] continue advocating for quality testing programs by determining the knowledge and skill set of graduating students, and replace the term ‘learning outcomes’ with ‘skills measurement.’” Einen enormen Nachhall scheint diesbezüglich auch das Interview mit dem Gründer der Firma Shopify, Tobi Lütke, aus dem September gehabt zu haben (wir berichteten), dessen Erfolgsrezept auch beinhalte, keinen großen Wert auf traditionelle Hochschulabschlüsse zu legen.
Rang 2 belegt the „international student experience”, womit – wie südlich des 49. Breitengrads auch – vor allem gemeint ist, dass das Land zunehmend attraktiver für internationale Studierende geworden ist. Anders als in den USA betone man in Canada allerdings die „experience” internationaler Studierender, denen zum einen die Auswahl Kanadas als Studienstandort durch verschiedene Maßnahmen (z.B. geringere Studiengebühren für Promotionsstudiengänge) attraktiver gemacht, zum anderen auch ein leichterer Verbleib im Land nach Studienabschluss ermöglicht werden solle. Zu letzterem Aspekt heißt es: „One area of growing interest in the international student experience in 2018 was career preparation for international students looking to stay and work in Canada after graduation. On this issue, the Atlantic provinces emerged as national leaders, particularly with the expansion of the Study and Stay Program. The program, which began as a pilot in Nova Scotia, was slated to expand into New Brunswick, Prince Edward Island, and Newfoundland in September.”
Rang 3 belegen diverse, im Kontext des „#MeToo Movements” in die Schlagzeilen geratenen Episoden, in deren Folge die Aufmerksamkeit hinsichtlich der Frage sprunghaft angestiegen ist, wie kanadische Hochschulen mit Vorwürfen sexuellen Fehlverhaltens umgehen.
Auf Rang 4 hat es die Diskussion über mögliche Auswirkungen der neuen, konservativen Provinzregierung in der Provinz Ontario unter Leitung von Doug Ford auf die Hochschullandschaft geschafft. Konkret sei hier die Aufgabe von Plänen zu nennen, drei weitere Hochschulstandorte im Großraum Toronto und eine weitere frankophone Hochschule in Ontario zu eröffnen.
Auf Rang 5 kamen die „Challenges of Indigenization”, also die Herausforderungen der Inklusion kanadischer Ureinwohner in die terziäre Bildung, deren Erfolgsschwelle durch den Präsidenten der University of Saskatchewan, Peter Stoicheff, mit den Worten beschrieben werde: „We will know that we have made headway when Elders, when Indigenous students, when Indigenous leaders and Indigenous communities are telling us that we are.”
Auf Rang 6 kam die Debatte um die Sinnhaftigkeit von Evaluationen der Lehre durch Studierende, die in den USA begonnen habe, aber in Kanada durch eine Entscheidung im Streit zwischen der Ryerson University und der Ryerson Faculty Association die Qualität des Faktischen erreicht habe: „In a precedent-setting ruling, the arbitrator declared that the university could no longer use faculty course surveys (FCS) for the purposes of measuring teaching effectiveness for promotion or tenure due to the evidence of persistent gendered and racial bias. (…) The decision was applauded by faculty from across Canada.”
Die Ränge 6 (Versorgung des fast menschenleeren Norden des Landes mit Hochschulbildung) und 7 (Gehaltsstrukturen in den Führungsetagen von Hochschulen im kanadischen Westen) haben für Leser der DAAD Nordamerika Nachrichten vermutlich geringere Relevanz und sicherlich weniger Unterhaltungswert als Rang 8, der sich den Folgen der Legalisierung von Cannabis-Produkten in Kanada widmet. Es heißt: „The legalization of recreational cannabis in 2018 had a massive impact on the Canadian post-secondary system, as there seemed to be no part of higher ed that wasn’t touched by the legislation and the culture shift it heralded.” (Die Auswirkungen auf die internationale Attraktivität des Studienstandorts Kanada nach der Legalisierung werden allerdings noch nicht diskutiert.)
„The power of place”, also die Attraktivität des physischen Standorts einer Hochschule, schafft es immerhin noch auf Rang 9, was vor allem deshalb überrascht, weil man durch schnellere Internetverbindungen und die Möglichkeiten virtueller Realitäten mit einem rasanten Bedeutsverlust der Physis gerechnet habe. Es heißt: „For years, the promise of worldwide internet connectivity has led some to declare the 21st century a world beyond the limitations of physical place. What 2018 saw, however, was a renewed emphasis in post-secondary education on the power of place to address challenges related to innovation, sustainable communities, and social infrastructure.”
Rang 10 bildet eine Aufzählung der Themen, die 2019 in den Augen der Gäste des Academica Forums als wichtig erachtet würden. 29% nannten dabei die angemessene Vorbereitung von Studierenden auf den Arbeitsmarkt, 23% die finanzielle Ausstattung der Hochschulen mit öffentlichen Mitteln, 16% „Student Wellness”, 12% „Indigenization”, 9% Internationalisierungsstrategien von Hochschulen, 5% Rekrutierung internationaler Studierender und 2% „Cannabis on Campus”.

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