Ausgabe ___ | March 29 2017
27. November 2017
Nordamerika Nachrichten
Dieser Newsletter informiert deutschsprachige Leser über aktuelle Entwicklungen und Trends im Hochschulwesen der USA und Kanada.
Themen dieser Woche:

  • APLU Jahrestagung
  • Adjunct, Pseudo Tenure und Tenure: Beschäftigungsverhältnisse an US-Universitäten
  • Schlechte Zeiten für Geisteswissenschaftler
  • Kurznachrichten
Liebe Leserinnen und Leser,

in dieser Ausgabe befassen wir uns noch einmal mit der letzten Jahrestagung der Association of Public & Land-Grant Universities (APLU) und zwei dazu vorgelegten Berichten und mit einem Bericht des US Government Accountability Office zu professoralen Beschäftigungsverhältnissen an amerikanischen Hochschulen. Wir werfen zudem einen Blick auf die schlechter gewordenen beruflichen Aussichten für Akademiker in Geisteswissenschaften und schließlich auf verschiedene Kurznachrichten der Woche.

Ich wünsche Ihnen wie immer eine interessante Lektüre.

Stefan Altevogt
APLU Jahrestagung
Die vom 12. bis 14. November in Washington, DC durchgeführte Jahrestagung der Association of Public & Land-Grant Universities (APLU) strukturierte sich entlang der Gliederung des Verbands. Er zählt neun Councils (darunter der Council of Presidents, der Council on Governmental Affairs, der Council on Research und der Council on Student Affairs) und sieben Commissions (darunter die Commission on Innovation, Competitiveness, & Economic Prosperity, die Commission on Information, Measurement, & Analysis und die Commission on International Initiatives). Darüber hinaus gab es noch eine Handvoll „General Sessions”, etwa das Lunch des Council of Presidents, zu dem Bob Woodward von der Washington Post die Rede hielt.

Als Rednerin der „Keynote Session” war Regina Duncan eingeladen, die von ihrer Perspektive als President of Engineering der Firma Facebook und zuvor als Direktorin der Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA) Rolle und Verantwortung öffentlicher Hochschulen für die Innovationskraft des Landes in „The Age of Disruption” beleuchtete. Sie nutzte dabei einen Louis Pasteur zugeschriebenen Quadranten, der die von Anwendung inspirierte Wissensbildung als eine der zentralen Aufgaben öffentlich finanzierter Hochschulen an Hand eines Schaubilds illustriert. Das Schaubild hat die beiden Achsen „quest for fundamental understanding” und „considerations of use” und Duncan warnte davor, dass sich Hochschulen im Quadranten unten links wiederfinden könnten, wo man weder das eine noch das andere Ziel verfolge.

Eine von Michael Crow (Präsident der Arizona State University) geleitete Diskussionsveranstaltung zum Thema „Disruption and Response: Where is Presidential Leadership Taking the American Public University?” versammelte Mitch Daniels (Präsident der Purdue University), Kristina Johnson (Chancellor der State University of New York, SUNY), Lou Anna Simon (Präsidentin der Michigan State University) und David Wilson (Präsident der Morgan State University) auf dem Podium und adressierte als eines der Themen ein Crows Ansicht nach fehlendes Krisenbewusstsein an den Hochschulen. Er nannte dabei die Tatsache, dass bislang mehr als die Hälfte aller Empfänger von Stipendien des Pell Grant Programms ihr Studium ohne Abschluss oder Zertifikat abbrechen würde, ein „social trainwreck, und er rechnete vor, dass seit den 1980’er Jahren mehr als eine halbe Billionen an Steuermitteln in dieses Stipendienprogramm geflossen seien. Die erwähnten Studienabbrecher seien eine Verschwendung öffentlicher Ressourcen und man komme auch nicht um das Problem herum, wenn man – wie es die hochselektiven Hochschulen des Landes täten – akademisch problematisch scheinende Studienbewerber gar nicht erst zulassen würde, insbesondere dann nicht, wenn ehrgeizigere Ziele von Hochschulpartizipation verfolgt werden sollten. (Als eine mögliche Strategie zu mehr Abschlüssen schlug Daniels ein bereits an Purdue praktiziertes Modell eines dreijährigen Bachelor vor, räumte aber auch ein, dass dies kaum der Regelfall werden könne, ohne den Gehalt eines Bachelor Degrees zu mindern.)
Johnson pflichtete Crow bei, verwies auf die Zielbeschreibung der Lumina Foundation von einer angestrebten Partizipationsrate von 60% bzw. 16 Mio. zusätzlichen Hochschulabschlüssen bis 2025 und rechnete vor, wie schwer dies unter den gegebenen Umständen umzusetzen sei, selbst wenn das Rezept denkbar einfach klinge: „Get them [Students] in, retain them and follow the outcome!” Nach außen, also im Wesentlichen der Politik und den Geldgeber gegenüber, müsse man die Vision der Hochschulen deutlich besser kommunizieren, nach Innen heiße die Losung „create ownership!”, denn: „Denial [on campus] is compounded by a sense of entitlement.” Diese Widerstände zu überwinden, hatte Johnson zweierlei Ratschläge. Zum einen ließen sich moderne technische Hilfsmittel viel leichter an Hochschulen einführen, wenn man herausstreiche, sie verbesserten das Lernen der Studierenden und nicht etwa die Lehre der Lehrenden. Zum anderen habe auch das Tempo von Veränderungen einen „sweet spot”, jenseits dessen man notwendige Kooperation verliere: „You can make everyone hate you or love you. You just have to miss or match their pace. (…) Aversion to speed is sometimes confused with aversion to risk or more broadly, change.”

Wie sich durch die Zuhilfenahme von Daten das Bildungsergebnis einer Hochschule drastisch verbessern lasse, davon handelte die Sesssion „A Perfect Marriage, Data and Money: Leveraging Institutional Data for the Allocation of Critical Financial Resources”, die als Fallbeispiel die diesbezüglichen Erfolge an Morgan State University hatte. In einem „High Risk Environment” (fast ausschließlich Kinder aus unterpriviligierten und bildungsfernen Schichten mit entsprechend geringer akademischer Eignung und fehlender Unterstützung) hat man dort mit drei Maßnahmen das Ergebnis der Hochschule deutlich verbessern können: Case Management, Reclaiming Dropouts und First Year Advising. Dies koste freilich Geld, derzeit noch von Bill & Melinda Gates und der Lumina Foundation eingeworben, doch sei der Präsident der Hochschule auch willens, hier eigene Mittel einzusetzen, weil sich Investitionen in Datensystemen zur genauen Kontrolle der Bildungsfortschritte sehr gut ammortisierten. Die Leiterin der Association for Institutional Research (AIR), Christine Keller, unterstrich die Allgemeingültigkeit der an Morgan State gemachten Erfahrungen und verwies auf einen für März kommenden Jahres geplanten Gipfel zur besseren Nutzung von Daten für den Hochschulerfolg, den AIR gemeinsam mit der National Association of College and University Business Officers (NACUBO) und Educause durchführen werde.
 
Sie finden das Programm der Tagung hier.
 
Mit „All In: Increasing Degree Completion through Campus-Wide Engagement” legte APLU zur Tagung einen Bericht des von ihr gemeinsam mit der American Association of State Colleges and Universities (AASCU) initiierten Project Degree Completion (PDC) vor, in dem sich fast 500 öffentlich finanzierte Hochschulen des Landes zu einer Steigerung der an ihnen vergebenen Abschlüsse um 3,8 Mio. bis 2025 verpflichtet haben. Auch hier zeigt sich, dass Datenerhebung eines der zentralen Werkzeuge bei der Umsetzung der Pläne angesehen wird. Es heißt: „Three areas seemed to form a structural foundation for success: Institutional Research, Information Technologies, and Business Offices. We hypothesize that there are two reasons for this: First, these offices represent three capacities essential for making these programs work. The collaboration of leaders from these offices is necessary for practical reasons (i.e., funding, collecting, storing, and analyzing the data necessary to understand complex issues as well as monitor the effects of implemented strategies). Second, each of these functional areas have subcultures which provide a unique lens to explore complex issues and that taken together provide senior leaders with a power framework to meaningful decisions that are people-oriented and data-driven.”

Sie finden den Bericht hier.

Mit „Pervasive Internationalization: A Call for Renewed Leadership” liegt schließlich ein Bericht zum Fragekomplex vor: „What is the immediate future for international student mobility, and how will institutions develop global campus efforts and internationalization at home? As global research connections expand and become more complex, how will universities develop interdisciplinary teams to tackle broader global topics?”

Sie finden diesen Bericht hier.
Adjunct, Pseudo Tenure und Tenure: Beschäftigungsverhältnisse an US-Universitäten
Bobby Scott hat als Sprecher der Minderheitsfraktion im Committee on Education and the Workforce des Abgeordnetenhauses im US Congress beim Government Accountability Office (GAO) eine Untersuchung zu Beschäftigungsverhältnissen an US-Universitäten in Auftrag gegeben, die Mitte Oktober unter dem Titel „Contingent Workforce: Size, Characteristics, Compensation, and Work Experiences of Adjunct and Other Non-Tenure-Track Faculty” vorgelegt wurde. Die Untersuchung wirft dabei einen exemplarischen Blick auf die Lage in North Dakota und Ohio und tut dies vor dem Hintergrund von bereits 2015 durch das Bildungsministerium vorgelegten Zahlen, die aussagten: „Contingent faculty – those employed outside of the tenure track – made up about 70 percent of postsecondary instructional positions nationwide (...). In addition, data from three selected states show that contingent faculty teach about 45 to 54 percent of all courses at 4-year public institutions, and higher proportions at 2-year public institutions.”

In North Dakota bekamen danach Adjuncts für ihre Arbeit 60% bzw. 10% weniger Geld als ihre entfristeten bzw. auf Entfristung hin angestellten Kollegen, wenn man neben deren Lehrtätigkeit auch noch andere Verpflichtungen als Fakultätsmitglieder mit einrechne. Betrachte man nur ihre Lehrtätigkeit, wachse der Lohnvorteil auf 70% bzw. 40% gegenüber den Adjuncts, die zudem nur in sehr seltenen Fällen Unterstützung ihrer Arbeitgeber zu Kranken- und Rentenversicherung bekommen.
Zur Entwicklung über die vergangenen 20 Jahre verweist der Bericht auf Zahlen des Integrated Postsecondary Education Data System (IPEDS), die im gesamten Bereich aller 4.500 Hochschulen der USA zwischen 1995 und 2011 einen Anstieg der mit Lehre befassten Stelle um 63% auf 1,5 Mio. verzeichnen. Mit zuletzt 436.000 sei die Zahl der entfristeten (tenure) bzw. auf Entfristung hin ausgerichteten (tenure track) Stellen nur um knapp 10% gewachsen, die der „full-time contingent positions” um 109% auf 331.000 und die der Teilzeiter um 100% auf 770.000. Es heißt zu den Hintergründen: „Some of the increase in the percentage of contingent faculty positions is due to the growth of the for-profit sector and growth among 2-year institutions, which as a whole rely primarily on contingent faculty. For example, the number of positions nationwide across for-profit institutions in 2011 was almost 9 times as many as in 1995. However, the shift towards contingent faculty positions was clear even among only 4-year public and private institutions.”

Sie finden den vollständigen Bericht (112 Seiten) hier.
 
Sie finden die auf eine Seite kondensierten Highlights hier.
 
Der Chronicle of Higher Education gewinnt drei Einsichten aus dem Bericht des GAO. Zum einen sei der strukturelle Nachteil befristeter Anstellungsverhältnisse auf Männer und Frauen mit 47% zu 53% einigermaßen gleichmäßig verteilt, doch ändere sich das Bild mit Blick auf entfristete Professuren drastisch: „Women hold only 38.4 percent of tenured faculty positions, while men hold 61.6 percent of such jobs.” Zweitens sei es für Berufseinsteiger fast schon unmöglich geworden, in Akademia eine entfristete Stelle zu bekommen: „In Ohio, three out of four non-tenure-track positions were held by someone under 40. The dearth of available tenure-track jobs is a likely reason (...).” Und drittens seien zahlreiche befristete Positionen zwar de jure befristet, aber nicht de facto: „In 2015 the GAO found some 225,570 full-time contingent positions with annual or multiyear contracts among the 4,160 institutions it looked at. An additional 33,585 positions were labeled as ‘potentially pseudo tenure.’ Those two groups made up about a quarter of all contingent positions across the board, the report said.”

Sie finden den Beitrag hier.

Inger Mewburn beschreibt in einem Beitrag für Times Higher Education die Auswirkungen der sog. „gig economy” auf die akademische Welt aus der Perspektive einer Person, die noch ihr goldenes Zeitalter miterleben durfte. Verlässliche Karriereperspektiven an Hochschulen seien rar geworden und so sei es kaum verwunderlich, dass die Talentiertesten ihre Laufbahnen verstärkt außerhalb von Academia verfolgten.
 
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Schlechte Zeiten für Geisteswissenschaftler
Inside Higher Education zitiert jüngste Zahlen der Modern Language Association zu den Aussichten von Akademikern in Englisch und anderen modernen Sprachen, an Hochschulen eine unbefristete Anstellung zu finden. Es heißt: „The association’s Job Information List – a proxy for the tenure-track (or otherwise full-time) job market in English and foreign languages – included 851 jobs last year in English, 11 percent (102 jobs) fewer than the year before. The foreign language edition list included 808 jobs, or 12 percent (110 jobs) fewer than the year before. The declines of the past five years bring the number of total jobs advertised to another new low, according to MLA, below the dip seen between 2007-08 and 2009-10.”

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Im Fach Geschichte, so ein Beitrag des Chronicle of Higher Education mit jüngsten Zahlen der American Historical Association, seien die Aussichten auf eine akademische Laufbahn für Promovierte ebenfalls auf einem Tiefpunkt angelangt, den man seit den 1980’er Jahren nicht mehr gesehen habe. Es heißt: „From June 2016 to June 2017, 501 listings for full-time history positions were posted on the site, marking a 12-percent decline from the previous year, a report on the data shows. It’s the lowest number since the 1984-85 hiring season, when the association posted fewer than 500 jobs.

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Kurznachrichten
Inside Higher Education berichtet, dass sich die American Association of University Professors (AAUP) mit einer Stellungnahme in den schwebenden Rechtsstreit zwischen texanischen Hochschulen und der dortigen Regierung eingebracht habe. Es gehe dabei um die Überprüfung eines Gesetzes, das an öffentlichen Hochschulen des Bundesstaats das Mitführen von Schusswaffen auf dem Campus und in Hochschulgebäuden erlaubt. Gemeinsam mit dem Giffords Law Center to Prevent Gun Violence und dem Brady Center to Prevent Gun Violence bringe die AAUP vor, „that the law and corresponding campus policies violate faculty members’ academic freedom, since instructors may fear discussing controversial topics with guns in the classroom.”

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Der Chronicle of Higher Education zitiert einen Beitrag des Wall Street Journal, demzufolge das US-amerikanische Justizministerium Ermittlungen gegen Harvard University wegen möglicher Verletzung desTitle VI im Civil Rights Act aus dem Jahr 1964 eingeleitet habe. Die Bestimmung verbiete die Benachteiligung auf Grund der Zugehörigkeit zu eine Ethnie. Harvard, so die auf eine Beschwerde von zahlreichen Interessensgruppen von Amerikanern mit asiatischem Migrationshintergrund zurückgehende Untersuchung, würde systematisch gegen asiatische Studienbewerber diskriminieren.
 
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Inside Higher Education meldet die Absicht des Kanzlers der City University of New York (CUNY), James B. Milliken, aus gesundheitlichen Gründen von seinem Amt zurücktreten zu wollen, und schreibt: „In a message to CUNY students and faculty members, Milliken said he was proud of the progress of the university system in improving graduation rates and promoting economic mobility for a student body of half a million.”

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Susan D. Blum, Professorin für Anthropologie an der University of Notre Dame, plädiert in einem Beitrag auf Inside Higher Education für die Abschaffung von Noten zur Bewertung und Motivation von Studierenden, um sich so wieder mehr auf das Lernen als das Wesentliche am Studium konzentrieren zu können. Es heißt: „I identified a number of ways that formal education has led to a lack of learning. Colleges promote credentials, obedience and the sorting of haves and have-nots, but not necessarily learning.”

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Ein Beitrag auf Inside Higher Education befasst sich mit Hochschulen, die ihren Studierenden anlässlich des National Cyber Security Awareness Month die inhaltliche Verantwortung einer Kampagne für stärkere Passwörter für den Zugang zu persönlichen Daten übertragen hatten. Sie sollten auf diese Weise besser begreifen (und vermutlich sei dies auch gelungen), dass Namen, die wir unseren Haustieren geben, dafür eher ungeeignet seien. Empfohlen seien vielmehr Kombinationen aus Zahlen, Buchstaben, Sonderzeichen und Groß- und Kleinschreibung (und der Leser fragt sich, ob man Hund oder Katze nicht auch auf ein Passwort taufen könne, das den Standards der National Cyber Security genügt).
 
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Dr. Nina Lemmens
Stefan Altevogt, Katrin Kempiners, Redaktion

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