Ausgabe ___ | March 29 2017
11. September 2017
Nordamerika Nachrichten
Dieser Newsletter informiert deutschsprachige Leser über aktuelle Entwicklungen und Trends im Hochschulwesen der USA und Kanada.
Themen dieser Woche:

  • Affirmative Action: Ernüchternde Bilanz nach 35 Jahren
  • Zahlen zu Professorengehältern an Forschungshochschulen
  • Studienkosten in Kanada
  • Kurznachrichten
Liebe Leserinnen und Leser,

in dieser Ausgabe befassen wir uns mit den Wirkungen von Affirmative Action an den selektivsten Colleges und Universitäten der USA und mit Zahlen des Chronicle of Higher Education zum Einkommen von Fakultätsmitgliedern in den Höhenlagen der US-amerikanischen Hochschullandschaft. Wir werfen zudem einen Blick auf die jüngste Entwicklung von Studienkosten in Kanada und schließlich auf verschiedene Kurznachrichten der Woche.

Ich wünsche Ihnen wie immer eine interessante Lektüre.

Stefan Altevogt
Affirmative Action: Ernüchternde Bilanz nach 35 Jahren
Vor dem Hintergrund einer Anzahl derzeit anhängiger Klagen gegen Affirmative Action zog die New York Times Ende August in einem Beitrag eine Bilanz dieser Technik „positiver Diskriminierung”, die die Folgen gesellschaftlicher Benachteiligung auf dem Weg zum Studienplatz bei der Studienzulassung berücksichtigt und zu der es mittlerweile eine 35-jährige Erfahrung gibt. Es heißt in einer ernüchternden Bilanz: „Even after decades of affirmative action, black and Hispanic students are more underrepresented at the nation’s top colleges and universities than they were 35 years ago, according to a New York Times analysis.”

Die Analyse nimmt die Situation an 100 Einrichtungen in den Blick, darunter die Universitäten der Ivy League, führende Liberal Arts Colleges und die Flaggschiff-Campi der öffentliche finanzierten Hochschulsysteme. Sie bezieht dabei ihre bis 1980 zurückgehenden Daten aus dem Fundus des National Center for Education Statistics. In absoluten Zahlen habe sei danach der Anteil von Afro-Amerikanern an den 100 untersuchten Hochschulen in den vergangenen 35 Jahren mit 6% einigermaßen konstant geblieben, doch weil über den Zeitraum der Anteil der Afro-Amerikaner an der Bevölkerung im Hochschulalter von etwas unter 13% auf jetzt über 15% gestiegen sei, betrage der „Gap” zwischen dem Ist und dem, was man statistisch erwarten könne, nicht mehr sieben Prozentpunkte wie noch vor 35 Jahren, sondern mittlerweile zehn Prozentpunkte.

Bei den Latinos sei die Entwicklung in zweifacher Hinsicht dynamischer, aber ebenfalls nicht auf einem Weg in die richtige Richtung. Es heißt: „More Hispanics are attending elite schools, but the increase has not kept up with the huge growth of young Hispanics in the United States, so the gap between students and the college-age population has widened.” Seien es 1985 noch drei Prozentpunkte gewesen, so komme man mittlerweile auf neun Prozentpunkte.

An den acht Hochschulen der Ivy League habe sich die Unterrepräsentierung von Afro-Amerikanern im Betrachtungszeitraum von fünf Prozentpunkte auf sechs Prozentpunkte und bei Latinos von zwei Prozentpunkte auf sieben Prozentpunkte entwickelt. Zur Entwicklung des Studierendenanteils mit asiatischen Wurzeln heißt es zudem: „At all eight schools, white enrollment declined as Asian enrollment increased. In recent years, the growth of Asian enrollment has slowed at some schools, and some Asian-American students say they are being held to a higher standard.” An den führenden Liberal Arts Colleges habe sich in ähnlicher Weise die Unterrepräsentierung von Afro-Amerikanern im Betrachtungszeitraum von sieben Prozentpunkte auf acht Prozentpunkte und bei Latinos von vier Prozentpunkte auf neun Prozentpunkte entwickelt.

Bemerkenswert sei auch die Entwicklung an den zehn Standorten der University of California (UC). Dort sei zwar die Unterrepräsentierung von Afro-Amerikanern in den vergangenen 35 Jahren von sechs Prozentpunkte auf vier Prozentpunkte gefallen, doch bei den Latinos von zwölf Prozentpunkte auf 17 Prozentpunkte gestiegen. Der Blick auf Kalifornien sei zudem insofern besonders interessant, weil es hier 1998 ein Verbot von Affirmative Action-Erwägungen bei den Zulassungsentscheidungen gegeben habe. Zu den unmittelbaren Auswirkungen dieser Veränderung heißt es: „The number of Hispanic and black freshmen on the University of California campuses declined immediately after California’s affirmative action ban took effect, especially at the most sought-after campuses.” Die Unterschiede im System könnten größer kaum sein. Seien an der UC Berkeley zuletzt 2% Afroamerikaner und 15% Hispanics in die Freshmen-Klasse zugelassen worden, seien es am jüngsten Campus in Merced zuletzt 4% Afroamerikaner und 58% Hispanics gewesen. In Berkeley hätten mittlerweile 46% der Studienanfänger asiatische Wurzeln, an der UC in San Diego 49%. Entsprechend gesunken sei der Anteil der „Whites” auf 30% bzw. 24%. 

Zu den möglichen Gründen, warum Affirmative Action in den vergangenen Jahrzehnten an den führenden Hochschulen des Landes nicht den gewünschten Effekt gehabt habe, zitiert der Beitrag den Direktor der National Association for College Admission Counseling mit den Worten: „There’s such a distinct disadvantage to begin with. A cascading set of obstacles all seem to contribute to a diminished representation of minority students in highly selective colleges.”

Man wird vermuten können, dass es sich bei den Nachteilen eher um eine Funktion der sozialen Lage als des ethnischen Hintergrunds handelt und man sich – wenn beide Aspekte nicht mehr weitgehend identisch sind – beim Ausgleich von bis zur Studienzulassung akkumulierten Nachteilen eher auf Erstgenanntes konzentrieren sollte. Für bis zur Studienzulassung akkumulierte Vorteile gibt es auf der anderen Seite einige Anekdoten, etwa George W. Bush, der mit dem geistigen Potenzial eines Klipp-Schülers Alumnus von Yale ist, oder Jared Kushner, dessen intellektuelle Brillianz durch ein Studium an Harvard hinreichend bewiesen zu sein scheint.

Sie finden den Beitrag hier.

Zahlen zu Professorengehältern an Forschungshochschulen
Der Chronicle of Higher Education hat seine Zahlen zu Gehältern an US-amerikanischen Hochschulen mit interaktiven Tabellen so aufbereitet, dass man neben landesweiten Durchschnittszahlen auch entsprechende Werte an durch die Carnegie Classification kategorisierten Hochschultypen in den Blick nehmen kann, etwa an den 115 Forschungshochschulen mit sehr hoher Forschungsintensität und den noch einmal 105 mit hoher Forschungsintensität. Mit diesen 220 Universitäten ist im Wesentlichen der Bereich der insgesamt mehr als 4.500 Einrichtungen umfassenden Hochschullandschaft abgedeckt, der in Deutschland (über die Liberal Arts Colleges hinaus) von Interesse ist.

Der Bereich wirkt auf den ersten Blick gemessen an den Gehältern für Professorinnen und Professoren einigermaßen homogen. Professorinnen der Kategorie „Full Professor” beziehen im Durchschnitt an den Forschungsuniversitäten mit höchster Forschungsintensität $138K im Jahr, ihre männlichen Kollegen $152K, so dass sich (es gibt ja immer noch deutlich weniger Professorinnen als Professoren) ein Gesamtdurchschnitt von $148K ergibt. Die sich auf dem Tenure Track befindlichen „Assistant Professors” verdienen an diesen Hochschulen $83K, $79K und $87K (in der Reihenfolge Durchschnitt, weiblich, männlich). Nach der Entfristung und bis zum Status eines Full Professors ist man dann „Associate Professor” und verdient $96K, $92K und $99K. An den Forschungsuniversitäten mit hoher Forschungsintensität sind die Zahlen für Full Professors $105K, $117K und $114K, für Assistant Professors $72K, $69K und $75K und für Associate Professors $83K, $80K und $86K.

Der Vollständigkeit halber seien auch noch die Durchschnittsgehälter für „Lecturers” und „Instructors” genannt, die als „Contingent Faculty” ohne feste Anstellungen und somit auch in der Regel ohne Sozialleistungen durch den Arbeitgeber an Hochschulen beschäftigt sind, die allerdings an den forschungsstarken Einrichtungen eine deutlich geringere Rolle spielen als in der Hochschullandschaft insgesamt. Lecturers verdienen an den Forschungshochschulen mit sehr hoher Forschungsintensität durchschnittlich $62K, Instructors $53K und an Forschungshochschulen mit hoher Forschungsintensität $53K bzw. $55K.

Die Zahlen sind weiterhin innerhalb der beiden Gruppen nach einzelnen Hochschulen aufgeschlüsselt und erlauben so einen Blick auf doch erhebliche Unterschiede in den nach Forschungsleistung recht homogen scheinenden Gruppen der Carnegie Classification. So finden wir neun Universitäten, an denen männliche Full Professors im Durchschnitt aller Fächer mehr als $200K pro Jahr verdienen und die Namen dieser Hochschulen sind auch im Ausland ein Begriff: Die Liste reicht von Harvard ($234K) bis Yale ($201K) und enthält dazwischen University of Chicago, Stanford, Columbia, University of Pennsylvania, Princeton, das MIT und New York University. Geht man an das Ende der Tabelle, so findet man vor allem Campi von öffentlich finanzierten Forschungshochschulen, die nicht die Flaggschiffcampi der jeweiligen Systeme sind. Im Falle der University of Wisconsin, wo das Flaggschiff in Madison ankert, ist dies der Campus in Milwaukee, an dem ein Full Professor auf $103K pro Jahr kommt, seine Kollegin auf nur $93K.

Man könnte an Hand der Zahlen des Chronicle einen durchaus noch feinkörnigeren Blick riskieren, doch wird die Datengrundlage bei einer Betrachtung nach einzelnen Fächern gelegentlich so dünn, dass man zwar spektakuläre Zahlenpaare finden kann, sich dabei aber auf statistisch nicht mehr tragfähigem Eis befindet. Nehmen wir hier als Beispiel noch einmal die Gruppe der Professoren (männliche Full Professors) an den Forschungshochschulen mit sehr hoher Forschungsintensität und schauen auf das Fach Chemie, in dem nur zwei von 115 Einrichtungen Werte für die Statistik geliefert haben. An Johns Hopkins University (immerhin die Hochschule mit den mit Abstand höchsten Forschungsausgaben des Landes) verdient ein Chemieprofessor angeblich $750 (im Jahr, nicht in der Stunde), an der soeben schon erwähnten University of Wisconsin in Milwaukee kommt er immerhin auf ein Jahresgehalt von $94K, so dass sich ein Durchschnitt von $47K ergibt. In den Geisteswissenschaften lebt die Statistik von nur einer Angabe, derzufolge ein Professor der Humanities an Syracuse University mit $40K pro Jahr auskommen muss. Ein mit dieser Zahl veröffentlichter Kommentar lautet: „your numbers are wack” und sollte wohl eigentlich heißen „your numbers are out of whack”. Man ahnt aber, was gemeint ist.

Sie finden die Daten hier.

Studienkosten in Kanada
CBC News meldet jüngste Zahlen von Statistics Canada zur Entwicklung der Studiengebühren und schreibt: „University tuition fees have risen an average of 3.1% for undergraduate programs for the 2017-2018 academic year. (…) While the cost of tuition depends on the program of study, average domestic tuition overall has increased to $6,571, and average international student tuition has risen 6.3% to $25,180 last year.“ Eine Vertreterin der Canadian Federation of Students verweist auf die Unabdingbarkeit von Hochschulbildung für die ökonomische Entfaltung von Kanadiern und fordert aus diesem Grund, dass terziäre Bildung zum grundständigen Angebot einer Gesellschaft für ihre Mitglieder gehören solle. Sie wird mit den Worten zitiert: „When post-secondary education is essential to pursue a decent quality of life, it's absurd that people should be denied that opportunity based on costs. Seventy per cent of new jobs in Canada require some form of post-secondary education and it is perpetuating a cycle of poverty to prevent the most marginalized in our communities from accessing education that should be a right.”

Sie finden den Beitrag h ier.

In der Provinz Nova Scotia seien die Studienkosten einem Beitrag des Guelph Mercury zufolge sogar zuletzt um 5,6% und damit auf nun Can$7.600 überdurchschnittlich stark angestiegen und am Nova Scotia College of Art and Design (NSCAD) sogar um fast 11%. Eine Vertreterin der Canadian Federation of Students in der Provinz führt die überdurchschnittliche Preisentwicklung auf eine Vereinbarung der Hochschulen mit der Provinzregierung zurück, nach der sich letztere schrittweise aus der Grundfinanzierung der Hochschulen zurückziehen und ihnen im Gegenzug die Einführung von „Marktpreisen” gestatten würde. Es heißt zum Ausblick dieser Entwicklung: „The organization said the market adjustment ‘effectively deregulated’ tuition for all Nova Scotia students and will allow universities to increase tuition fees by as much as 40 per cent over the next three years.”

Sie finden diesen Beitrag hier.

Kurznachrichten
Die US-amerikanische Bildungsministerin Betsy DeVos hat einer Meldung im Chronicle of Higher Education zufolge ihr Ministerium jetzt angewiesen, die unter Präsident Barack Obama eingeführten Richtlinien zum Umgang von Hochschulen mit Fällen sexueller Gewalt (Title IX) zurückzuziehen bzw. neu zu formulieren. Sie wird dazu im Beitrag mit den Worten zitiert: „The system established by the prior administration has failed too many students. Survivors, victims of a lack of due process, and campus administrators have all told me that the current approach does a disservice to everyone involved.” Die von DeVos wahrgenommene Einigkeit in der Sache habe laut Chronicle allerdings Grenzen und der Beitrag zitiert den ranghöchsten demokratischen Abgeordneten im Bildungsauschuss des Senats mit Worten: „With an acting assistant secretary for civil rights who blamed sexual assaults on alcohol and regret and a president with his own concerning history on the issue, it’s clear Secretary DeVos could use some suggestions on how to combat the epidemic of campus sexual violence.”

Sie finden den Beitrag hier.

Der kanadische Globe and Mail meldet, dass sich die führenden Hochschulen des Landes auch in der neuesten Ausgabe des Times Higher Education World University Rankings in dessen erstrebenswerten Sphären wiederfinden, warnt aber gleichzeitig vor nachlassenden öffentlichen Investitionen. Es heißt: „The University of Toronto was the highest-ranked Canadian institution in this year’s rankings, coming in at #22 on the list. It was followed by the University of British Columbia (#34), McGill University (#42), McMaster University (#78), University of Montreal (#108), and the University of Alberta (#119). Canadian stakeholders warn, however, that the rankings of the country’s institutions will see a general trend downward if the country does not invest more in research.”
 
Sie finden diesen Beitrag hier.

Gemeinsam mit dem Massachusetts Institute of Technology wolle die Firma IBM die Möglichkeiten und Auswirkungen künstlicher Intelligenz erforschen und habe dazu einer Meldung auf Inside Higher Education zufolge jetzt $240 Mio. in ein Joint Lab investiert. In einer Erklärung heiße es dazu: „The collaboration aims to advance AI hardware, software and algorithms related to deep learning and other areas; increase AI’s impact on industries, such as health care and cybersecurity; and explore the economic and ethical implications of AI on society.”

Sie finden die Meldung hier.

In Erwartung des Hurrikans Irma haben die meisten Hochschulen in Florida ihren Betrieb eingestellt. Auf Inside Higher Education heißt es dazu: „Colleges across the Sunshine State have scheduled closures in the coming days.”

Sie finden diese Meldung hier.

Impressum


Dr. Nina Lemmens
Stefan Altevogt, Katrin Kempiners, Redaktion

Sie erhalten diese Nachricht als Newsletter-Abonnent der DAAD Außenstelle New York.

Copyright © by DAAD New York. Der Inhalt dieses Newsletters ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung des Textes - auch auszugsweise - ohne vorheriges schriftliches Einverständnis von DAAD New York ist nicht gestattet.