Ausgabe ___ | March 29 2017
12. Februar 2018
Nordamerika Nachrichten
Dieser Newsletter informiert deutschsprachige Leser über aktuelle Entwicklungen und Trends im Hochschulwesen der USA und Kanada.
Themen dieser Woche:

  • Bryan Caplan: „Higher Education is Largely Useless”
  • Was die Western Governors University richtig macht
  • Hochschulen und Alkohol
  • Kurznachrichten
Liebe Leserinnen und Leser,

in dieser Ausgabe befassen wir uns mit einem Interview des Chronicle of Higher Education mit Bryan Caplan, Autor des soeben erschienenen Buchs „The Case Against Education: Why the Education System Is a Waste of Time and Money”, und mit den Ergebnissen einer Umfrage, die im Hinblick auf Studierendenerfahrung und -betreuung ein sehr gutes Licht auf die Western Governors University wirft. Wir werfen zudem einen Blick auf ein anderes Element studentischer Erfahrungen und schließlich auf verschiedene Kurznachrichten der Woche.

Ich wünsche Ihnen wie immer eine interessante Lektüre.

Stefan Altevogt
Bryan Caplan: „Higher Education is Largely Useless”
Die Diskussion um den Wert höherer Bildung verlässt gelegentlich die Fachpresse und taucht in internationalen Magazinen wie dem Economist auf. Während im Oktober 1997 ein Beitrag mit dem Titel „All must have degrees“ noch die Probleme bei der Bewältigung der in vielen Ländern rasant gestiegenen Studierendenzahlen erörterte, fragt ein Beitrag in der jüngsten Ausgabe unter dem gleichen Titel nach dem „Marktwert“ eines Studienabschlusses und zieht folgendes Resümee: „Going to university is more important than ever for young people. But the financial returns are falling.“

Ein Anlass des Beitrags ist die jüngste Veröffentlichung des Buchs von Bryan Caplan, Ökonom an der George Mason University, mit dem Titel „The Case Against Education: Why the Education System Is a Waste of Time and Money” (Princeton University Press). Eine seiner zentralen Thesen ist, dass der ökonomische Nutzen eines Studiums sehr ungleich über die Absolventen und entlang der sehr unterschiedlichen Qualitätsstrata des Bildungssystems in den USA verteilt ist. Es heißt: „The return on a four-year degree in America ranges from 6.5% for excellent students to just 1% for the weakest ones.” Bei einem Return of Investment (ROI) von 1% frage sich zumindestens jeder Ökonom, ob das Geld nicht profitabler angelegt werden könne.

Sie finden den Beitrag hier.

Der Chronicle of Higher Education nimmt das Erscheinen des Buchs zum Anlass für ein Interview mit dem Autor, der sich für die Einladung sogleich in der Antwort auf die erste Frage mit dem erwarteten Paukenschlag bedankt. Seine Antwort auf die Frage, ob Bildung brauchbar sein müsse, um wertvoll zu sein, lautet: „No, but it needs to be either useful or enjoyable. And for most students, these subjects [die im Studium verbindlichen Kurse] are neither, unfortunately.” Caplan legt dann mit einem „most kids are philistines – they are that way deep in their souls” nach und zitiert eine von Steven Pinker gemachte Beobachtung. Pinker ist Psychologe an Harvard und vielfach für seine Lehrveranstaltungen ausgezeichnet: „He looks at his classroom a couple of weeks into the semester and sees that half the students aren’t there.” Wenn diese Beobachtung zutreffe und typisch sei, müsse man sich in der Tat fragen: „How can it be that these are the best students in the world, with the best teacher, at arguably the best school in the world, and half the students don’t think it’s worth their while?”

Das Narrativ von Hochschulbildung werde von den einigen wenigen aus der Hälfte dominiert, die auch in der dritten Semesterwoche den Spaß noch nicht verloren gehabt hätten. Die Mehrheit – und dies werde durch einen Blick in die Gesichter von Studierenden deutlich – seien gelangweilt und allenfalls mittelglücklich. Als Absolventen würden sie dann aber doch gerne von Arbeitgebern eingestellt, die scheinbar Wert auf die wohl-gerundete Ausbildung einer Liberal Arts Education legten. In Wirklichkeit sei der Studienabschluss für Arbeitgeber aber lediglich ein Auswahlkriterium bezüglich der Arbeitshaltung: „Once they’re on the job, who cares if they really like high culture or anything else?”

Auf die Frage, was man denn besser machen könne, antwortet Caplan rigoros. Man solle vor allen Dingen erst mal damit aufhören, Geld zum Fenster raus zu werfen und sich dann zusammensetzen, um über Reformschritte zu diskutieren. Er illustriert seinen Punkt mit dem Hinweis auf einen von ihm betriebenen Blog zu Effektivität verschiedenster pädagogischer Ansätze. Seine Erfahrung bislang lautet: „What’s striking is how the methods that work are used so rarely, while lots of methods that have proven to be ineffective are popular. For example, highlighting is totally ineffective, yet it’s used all over the world. That’s the problem: It’s a dysfunctional system where people don’t seem to be interested in improving it.”

Wie denn eine bessere Welt aussehen würde, so die abschließende Frage im Interview. Seine Antwort sieht im Wesentlichen zwei Dinge vor. Zum einen müsse der beruflichen Ausbildung ein deutlich höherer Stellenwert eingeräumt werden, zum anderen könne man die derzeit noch auf einen kurzen Zeitraum vor dem Berufseintritt konzentrierten Bildungsinvestitionen ein wenig mehr über die Lebensspannen strecken. Man könne sich schließlich auch des virulenten „social-desirability bias” bewusst werden und vielleicht entledigen, wonach bestimmte Inhalte sozial höher eingeschätzt und entsprechend mit öffentlichen Mitteln gefördert würden als andere. Es heißt: „Why is it that comic books don’t get government support but poetry does? In terms of artistic merits, I think there’s a lot more going on today in comics than in poetry. But poetry is high status.”

S ie finden diesen Beitrag hi er.

Aus der Perspektive der ehemaligen Studierenden stellt sich die Situation freilich derzeit noch anders dar. Ein Beitrag im Chronicle of Higher Education fasst „a number of surveys and reports“ der jüngeren Vergangenheit zu Einkommenssituation und beruflicher Zufriedenheit von Absolventen geisteswissenschaftlicher Fächer im Vergleich zu ihren „peers“ in natur- und ingenieurwissenschaftlichen Fächern zusammen. Die aus geisteswissenschaftlicher Perspektive gute Nachricht sei: „Bachelor’s-degree graduates in engineering and the sciences earn roughly $10,000 to $30,000 more, but humanities majors catch up over time – and humanities majors more effectively close the pay gap between younger and older workers. What’s more, the college debt that humanities graduates carry is about the same compared to other majors.“

Sie finden diesen Beitrag hier.
Was die Western Governors University richtig macht
Selbst Hochschulbildungsexperten in Deutschland würde der Name der Western Governors University (WGU) – ansässig im US-Bundesstaat Utah und 1997 als Fern-Uni von 19 Gouverneuren westlicher Bundesstaaten gegründet – bei einer Aufzählung nennenwerter US-Hochschulen vermutlich nicht in den ersten Minuten über die Lippen oder in den Sinn kommen. Nach Meinung des Chronicle of Higher Education sei dies allerdings ein Fehler, denn in wenigstens einem Hinblick rage WGU aus der US-amerikanischen Hochschullandschaft hervor. Sie produziere nämlich durch ein sehr gut funktionierendes Tutorenprogramm überdurchschnittlich zufriedene Alumni. Weil zufriedene Alumni der zentrale Schlüssel für ein erfolgreiches Spendensammeln seien, lohne sich der Blick. Es heißt: „Having a mentor in college is linked to academic success, and even predicts well-being later in life.”

Man könne also vermuten, so der Beitrag weiter, dass an kleinen Campus-Hochschulen dafür die besten Voraussetzungen gegeben seien. Doch die Zahlen des „Gallup-Purdue Index Inaugural National Report” sprächen eine andere Sprache. Die Umfrage unter mehr als 30.000 Ehemaligen von mehr als 100 Colleges habe keine Korrelation zwischen Hochschultyp und Mentorenaktivität ergeben. Noch erstaunlicher sei, dass mit WGU hier eine Hochschule weit in Front läge, die ihre derzeit 67.000 Studierenden allesamt online unterrichte: „Sixty-nine percent of the university’s recent graduates indicated they’d had a mentor in college – more than double the share of young alumni nationally, according to Gallup polling.”

Schließlich macht der Beitrag noch auf einen vermutlich für die Alumni-Erfahrung wesentlichen Unterschied aufmerksam und wirft dabei eine weiterführende Frage auf. Es heißt: „Proponents of mentorship take pains to distinguish it from advising. Mentorship, they say, is relational, while advising is transactional. Still, it’s worth remembering that many colleges wrestle with the best way to provide even transactional support. At some colleges, advising is the work of faculty members; at others, designated professionals. Which approach works best is the subject of continued debate. Either way, some students never meet with an adviser at all, and many others have only quick, superficial conversations about meeting their degree requirements. And while some colleges dig into student data to intervene proactively when students hit an obstacle, that has yet to become common practice.”

Sie finden den Beitrag hier.

Die zitierte Umfrage folgt der leicht nachvollziehbaren Prämisse „Life in College Matters for Life After College” und bietet in der Fragerubrik „Support” einen Einblick in das, was Undergraduates an Hochschulen glücklich zu machen in der Lage ist. 63% fanden es überaus wichtig, wenigstens einen Professor im Studium gehabt zu haben, „who made me excited about learning”. 27% fanden sich als Personen wahrgenommen und entsprechend umsorgt und lediglich 22% gaben an: „I had a mentor who encouraged me to pursue my goals and dreams.”

Als „Bottom Line” heben die Autoren der Untersuchung hervor: „As far as future worker engagement and well-being are concerned, the answers [auf die Frage, auf was sich Hochschulen hinsichtlich ihrer Undergraduates konzentrieren sollten] could lie as much in thinking about aspects that last longer than the selectivity of an institution or any of the traditional measures of college. Instead, the answers may lie in what students are doing in college and how they are experiencing it. Those elements – more than many others measured – have a profound relationship to a graduate's life and career. Yet too few are experiencing them.”

Sie finden die Ergebnisse der Umfrage hier.

An WGU ist man nachvollziehbarerweise stolz auf die Ergebnisse und arbeitet noch einmal heraus: „More than one in three WGU alumni (35%) are emotionally attached to WGU, which is nearly double the national average (19%) and easily outdistances other institutions. Given these findings, it is not surprising that WGU alumni are more likely to report being unable to imagine a world without their alma mater than graduates of other types of institutions.”

Wesentlichen Anteil an diesem Erfolg habe ein laut 69% der Befragten ein zielführendes Mentoren-Programm der Hochschule, das von Studienbeginn an den Studierenden das Gefühl „of a human element” vermittele, „that many students in traditional universities also crave”.

Aus der Perspektive von Hochschulen allgemein ist schließlich eine Grafik des WGU-Berichts ermutigend, die – in Abhängigkeit von Hochschultyp die Antworten von Ehemaligen auf die (manchen in Deutschland vielleicht etwas pathetisch vorkommende) Frage zusammenfasst, ob sie sich ein Leben ohne die Erfahrungen an ihren jeweiligen Hochschulen vorstellen können. 35% der WGU-Alumni hätten das mit Nachdruck betont, im landesweiten Durchschnitt 25%, etwas überdurchschnittlich bei 28% Alumni von privaten Hochschulen und deutlicher unterdurchschnittlich mit 15% nur Alumi von For-Profits.

Sie finden den Bericht der WGU hier.

Hochschulen und Alkohol
Unter dem Titel „A River of Booze. Inside one college town’s uneasy embrace of drinking” brachte der Chronicle of Higher Education vor einigen Jahren einen Beitrag aus Athen im Bundesstaat Georgia, der sich der Rolle von Alkohol im studentischen „über-die-Stränge-schlagen” widmet, einem Aspekt des studentischen Lebens, der sich als „having a great time” häufiger positiv als einem lieb sein sollte in den Erinnerungen von Alumni niederschlägt. Der Beitrag berichtet vom Flaggschiff-Campus der University of Georgia, macht aber sogleich klar, dass Athens durchaus typisch für die zahlreichen US-amerikanischen Städtchen sei, in denen Hochschulen dominierten. Es heißt: „This college town, like many others, celebrates touchdowns [College Fooball], serves early-morning cheeseburgers [Katerfrühstück], and pours many flavors of vodka. When the sun goes down, some students get hammered, just as they do in Chapel Hill, Ann Arbor, and Eugene.”

Was der Beitrag „getting hammered” nennt, ist zwar übertragen gemeint, spielt aber auf den Kopfschmerz als Folge erheblicher Trunkenheit an. „Getting hammered” sei zum einen nicht gesund und zum anderen erreicht unter den „some students” ein erheblicher Anteil das Mindestalter für Alkoholkonsum von 21 Jahren nicht. Dies erzeuge in den meisten Uni-Standorten der USA ein merkwürdiges, wenngleich sehr stabiles Gleichgewicht gegenläufiger Interessen: „There are determined police officers and resourceful entrepreneurs, business owners and health educators, students who reject drinking and alumni who embrace it. As alcohol keeps flowing, each one has something at stake. Each one has a hand on the valve.”
 
Sie finden den Beitrag hier.
 
„Psychology and the Good Life”, so ein Beitrag der New York Times, sei die Bezeichnung eines überaus beliebten Lehrangebots an Yale University, der wenige Tage nach Ankündigung im Vorlesungsverzeichnis bereits mehr als 1.200 Interessenten habe verbuchen können. Dies sei fast ein Viertel der Undergraduates an Yale. Ein solcher Erfolg lasse nach Aussage der Dozentin hoffen, dass sich das sich das Glück der Studierenden auch in einer allgemein besseren Studierendenkultur niederschlagen werde. Sie wird mit den Worten zitiert: „With one in four students at Yale taking it, if we see good habits, things like students showing more gratitude, procrastinating less, increasing social connections, we’re actually seeding change in the school’s culture.”

Sie finden diesen Beitrag hier.

Kurznachrichten
Richmond News in der kanadischen Provinz British Columbia meldet, dass die dortige Kwantlen Polytechnic University (KPU) ihr Bewerbungsportal für internationale Studierende habe schließen müssen, nachdem die Kapazitätsgrenzen der Hochschule erreicht worden seien. Es heißt: „KPU has experienced tremendous growth in applications from international students in the last year. As a result, its international enrolment has grown 41 per cent since last fall, according to the university. Meanwhile, international student applications for the summer semester in 2018 have doubled compared to last year.”

Sie finden die Meldung hier.

Der Schulbezirk Hempstead in Nassau County auf Long Island sei einem Beitrag in der New York Times zufolge „eine Klasse für sich”. In den vergangenen fast 30 Jahren seien die Leistungen der zumeist afro-amerikanischen oder lateinamerikanischen Schüler unterirdisch (wenngleich nicht auf den Zeugnissen ablesbar), die Schulen mittlerweile baufällig und ihre Selbstverwaltungsorgane gleichermaßen korrupt wie diebisch. Der bundesstaatlichen Aufsicht sei dies offenbar lange Zeit weitgehend gleichgültig geblieben und diese Haltung reflektiere ein grundsätzliches Problem in der Fläche des amerikanischen Bildungssystems: „The years of failure in Hempstead show how difficult it can be to effect real educational change given the constraints of local school control and the racial and socioeconomic segregation that compounds challenges.”

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Die Suche nach einem Department Chair, so ein Beitrag im Chronicle of Higher Education, sei vor allem darum nicht einfach, weil sich eine für die Aufgabe entscheidende Eigenschaft nicht so leicht aus den Bewerbungsunterlagen herauslesen ließe. Die Frage, „how well can the candidate mediate the sticky situations that crop up when managing colleagues?” ließe sich am besten durch ein geeignetes Rollenspiel beantworten. In anderen Wirtschaftszweigen seien Simulationen in Bewerbungsverfahren mittlerweile durchaus üblich geworden und auch für den Hochschulbereich gelte inzwischen: „Interviewing is just not enough.”

Sie finden diesen Beitrag hier.

In einem Beitrag für Inside Higher Education warnt die frisch in englischen Literaturwissenschaften promovierte Jessica Estep davor, eine hohe Verschuldung als Folge eines Promotionsstudium als unvermeidlich anzusehen. Dies könne leicht zu einer „self-fulfilling prophecy“ werden, zum Teil der Tatsache geschuldet, dass über Finanzierung des Studiums und ggf. Verschuldung kaum gesprochen werde. Sie schreibt: „We need to start openly interrogating the financial narratives undergirding many liberal arts graduate programs. As a first step, discussions about student loan debt should be integrated into courses – not left as an unspoken taboo. Beyond that first frightening orientation day, the topic was never mentioned again in any of my courses, despite the hours spent scrutinizing feminist and class-based rhetoric and discourses.”

Sie finden diesen Beitrag hier.

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Dr. Nina Lemmens
Stefan Altevogt, Katrin Kempiners, Redaktion

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