Ausgabe ___ | March 29 2017
25. September 2017
Nordamerika Nachrichten
Dieser Newsletter informiert deutschsprachige Leser über aktuelle Entwicklungen und Trends im Hochschulwesen der USA und Kanada.
Themen dieser Woche:

  • Freie Meinungsäußerung an Hochschulen
  • Gute Nachrichten von der University of Texas in Austin
  • Zahlen zu PhD-Programmen der University of Michigan
  • Kurznachrichten
Liebe Leserinnen und Leser,

in dieser Ausgabe befassen wir uns mit der zuletzt an den Hochschulen in den USA stark an Intensität gewonnen habenden Debatte um die Grenzen des Rechts auf freie Meinungsäußerung und mit bemerkenswerten Erfolgen an der University of Texas in Austin im Hinblick auf den Studienerfolg. Wir werfen zudem einen Blick auf Zahlen zu PhD-Programmen der University of Michigan und schließlich auf verschiedene Kurznachrichten der Woche.

Ich wünsche Ihnen wie immer eine interessante Lektüre.

Stefan Altevogt
Freie Meinungsäußerung an Hochschulen
Free speech on Campus ist derzeit eines der beherrschenden Themen an US-amerikanischen Hochschulen und das nicht etwa, weil freie Meinungsäußerung dort bedroht wäre. Vielmehr sind sehen sich viele Hochschulen derzeit der Herausforderung ausgesetzt, auf Provokation zielende Auftritte politisch im extrem rechten Spektrum angesiedelter Redner auf dem Campus entweder zu verbieten (und dafür dann tragfähige Gründe zu nennen), oder aber sie zu erlauben und dann den provozierten Protest noch im Rahmen akademischer Debattenkultur zu halten (wobei freilich die Provokationen gar nicht als ein Beitrag zu einer Debatte, sondern eben nur als Provokationen gemeint sind).

Die Brookings Institution hat aus diesem Anlass jetzt die Ergebnisse einer Umfrage unter Studierenden zu Umfang und Grenzen freier Meinungsäußerung veröffentlicht, aus denen nach Meinung der Autoren ein Ergebnis als besonders bedenklich herausragt: „A surprisingly large fraction of students believe it is acceptable to act – including resorting to violence – to shut down expression they consider offensive.”
Der Beitrag zu den Umfrageergebnissen bemüht sich daher, erst einmal Umfang und Grenzen des im First Amendment zur US Constitution hinterlegten Rechts auf freie Meinungsäußerung im Lichte gültiger Rechtssprechung zu klären. Es heißt: „The First Amendment is very broad. There are, however, some exceptions. Under the 1969 Brandenburg v. Ohio decision, speech that ‘is directed to inciting or producing imminent lawless action and is likely to incite or produce such action’ is outside First Amendment protection. ‘True threats’ are also unprotected (see the 1969 Watts v. United States decision; see also the 2003 ruling in Virginia v. Black). There are other exceptions as well; for example, obscenity can fall outside the scope of First Amendment protection.”

Methodisch hat man sich in der Umfrage von klareren Fällen zu umstritteneren vorgetastet und zunächst einmal gefragt, ob nach Meinung der Befragten das First Amendment das Recht auf sogenannte „hate speech” gewährleiste. 16% wussten dies nicht, 39% bejahten die Frage und 44% waren in Übereinstimmung mit der gültigen Rechtssprechung, dass nein.

Fast geteilter Meinung (51% ja vs. 49% nein) waren die Befragten hinsichtlich des oben angesprochenen Szenarios, ob Studierende das Recht hätten, den Vortrag einer ihnen nicht gefallenden Meinung so zu stören, dass man diese Meinungsäußerung nicht mehr hören könne. Unter sich den Demokraten näher fühlenden Studierenden seien es gar 62%. Mit Gewalt die Äußerung einer für schlecht befundenen Meinung zu verhindern, sähen sich insgesamt 19% der Studierenden legal ermächtigt und sogar 30% der männlichen Studierenden. (Männer – insofern überraschen die Umfrageergebnisse nicht – sind deutlich überzeugter von ihren Ansichten bzw. überzeugter davon, etwas zu „wissen”, und entsprechend auch zu handeln geneigter.

Die Ansicht vieler Studierender, Hochschulen müssten ein geistiger Schonraum sein, findet schließlich auch Niederschlag in den Antworten auf eine freilich von den Autoren der Untersuchung ziemlich hinterlistig gestellte Frage. Man schlug alternativ zwei Beschreibungen der Aufgaben einer Hochschule zur Abstimmung vor: 1) „create a positive learning environment for all students by prohibiting certain speech or expression of viewpoints that are offensive or biased against certain groups of people” und 2) „create an open learning environment where students are exposed to all types of speech and viewpoints, even if it means allowing speech that is offensive or biased against certain groups of people?” Auf den „Leim” des „positive learning environment for all students” gingen dann auch 53% aller und 61% der sich den Demokraten zugehörig fühlenden Befragten. Der Beitrag gibt folglich auch der Hoffnung Ausdruck, „that results such as these can help spur faculty members and university administrators to think about the importance of creating a campus environment in which students are exposed to a broad range of views, including some that students may find disagreeable.”

Sie finden die Untersuchung hier.

Ein Beitrag im Chronicle of Higher Education macht auf die tiefe Meinungskluft zwischen Studierenden und Fakultätsmitgliedern im Hinblick auf Umfang und Grenzen von Meinungsfreiheit aufmerksam. Es heißt: „Young people today are overly sensitive and doctrinaire (…) demanding protection from viewpoints they find offensive. Contrast that with the free-speech movement of the 1960s, when students resisted authority rather than demanding protection by it.”

Der Beitrag verweist auf drei diese Ansicht belegende Untersuchungen der vergangenen beiden Jahre und nennt als einen Grund: „Many students come to college far more supervised than previous generations were. Authority is not their enemy.” Im Gegenteil, Studierende sehnten sich eher nach Autorität, etwa nach Einrichtung von „bias response teams”, einer Art Sittenpolizei politischer Korrektheit, selbst wenn dies zu nur noch schwer auflösbaren Konflikten wie in der folgenden, hypothetischen Situation führe: „A Muslim student and a gay student get into an argument. The Muslim student tells the gay student his lifestyle is sinful; the gay student tells the Muslim student his religion is prejudiced.”

Wenn derartige Konflikte nach mehrheitlicher Ansicht der Studierenden nicht mehr in der Diskussion gelöst werden wollten, sondern durch Autorität zu lösen gewünscht würden, dann erfülle die Hochschule nach vorherrschender Meinung der Fakultätsmitglieder ihre Aufgabe nicht richtig. Heutige Studierende sähen dies dezidiert anders. Dies sei für sich genommen noch kein Problem, würde allerdings eines, wenn man diese Haltung einfach so hinnehmen würde. Eine Professorin wird dazu mit den Worten zitiert: „These students are adults, voters, citizens. They should be free to take any position they want. But they do not have the right to go unchallenged. None of us do.”

Sie finden den Beitrag hier.

Ein weiterer Beitrag befasst sich im Chronicle of Higher Education mit der gegenwärtigen Situation an der University of California in Berkeley, wo eine Gruppe von Studierenden im Rahmen der Berkeley Free Speech Week mit Bannon, Coulter und Yiannopoulos drei der zur Zeit prominentesten Provokateure habe zu Wort kommen lassen wollen. Nachdem Bannon und Coulter nun abgesagt hätten, sei nun auch Yiannopoulos fraglich, der es sich allerdings nicht nehmen lassen werde, auch einen Nicht-Auftritt mit seinem erklärten Ziel theatralisch zu inszenieren. Er lasse sich mit den Worten zitieren: „It’s time to reclaim free speech at UC Berkeley and send shockwaves through the American education system to every other college under liberal tyranny.”

Sie finden diesen Beitrag hier.

Auf Inside Higher Education findet sich schließlich ein Beitrag zum selben Thema, allerdings mit leicht vertauschten Rollen. Eneale Pickett, ein Student der University of Wisconsin (UW), versuche danach, Kleidung mit der Aufschrift „Fuck the police, they the biggest gang in AmeriKKKa” auf dem Campus beliebt zu machen und zu verkaufen. Vor allem konservative Poliker seien der Meinung, die Hochschule müsse hiergegen einschreiten. Zur Haltung der Hochschule heißt es: „While UW Madison criticized Pickett’s clothing collection, it also said that it was protected by the First Amendment.” Das ist – siehe oben – wahrscheinlich eine der schwächeren Verteidigungslinien gegen Vorbehalte gegenüber dem zitierten Aufdruck, denn aus welchen anderen Gründen als dem Inhalt des Aufdrucks – es bieten sich vor allem ästhetische, orthografische und grammatikalische Gründe an – würde die UW sonst die „clothing collection” kritisieren?

Sie finden diesen Beitrag hier.
Gute Nachrichten von der University of Texas in Austin
Die Washington Post nimmt die Präsentation jüngster Zahlen zum Studienerfolg von Undergraduates an der University of Texas (UT) at Austin zum Anlass für einen Beitrag über die in den USA landesweit noch sehr unzufriedenstellenden Graduation Rates in vierjährigen Bachelor-Studiengängen. Danach waren im landesweiten Durchschnitt lediglich 40% der Studierenden des Freshmen-Jahrgangs 2009 auch tatsächlich innerhalb der Regelstudienzeit, also bis 2013 fertig geworden, an öffentlich finanzierten Hochschulen gar nur 35%. Es heißt zum Grad der Gewöhnlichkeit dieser schlechten Zahlen: „The prolonging of undergraduate studies is so common that higher education leaders often use six years instead of four as the benchmark for measuring graduation rates.” Die längeren Studiendauern kosteten freilich, trügen also zur ohnehin erheblichen Verschuldung der Absolventen bei und sie gefährdeten zudem den Abschluss. Der Präsident der Organisation Complete College wird dazu mit den Worten zitiert: „Time is the enemy of college completion. The longer it takes, the more life gets in the way, and the more expensive college becomes.”

An der UT-Austin, so die jüngsten Zahlen, habe man die Four Year Graduation Rate von 52% vor vier Jahren auf nun 66% steigern können und dies auch in den demografischen und sozioökonomischen Gruppen, in denen Studienerfolge vergleichsweise schwieriger zu erzielen seien. Es heißt dazu: „The growth spanned racial groups and family income levels, the university said. Students whose finances made them eligible for Pell Grants made especially large gains, narrowing historic gaps in degree attainment.”
Mit mehr als 40.000 Undergraduates sei die UT-Austin einer der größten Flaggschiffe öffentlich finanzierte Hochschulsysteme, etwa die Hälfte der Studierenden kämen aus Minoritäten („Hispanic, Asian, black”) und fast ein Viertel der Studierenden seien zum Bezug einkommensabhängiger Studienförderung berechtigt. Die Kosten für ein Studienjahr beliefen sich für „Landeskinder” auf geschätzte $25.000 („for tuition, fees, housing, food, books and other expenses”), die Kosten für einen Abschluss in der Regelstudienzeit also bei $100.000 und entsprechend wertvoll sei die Einhaltung derselben.

Sie finden den Beitrag hier.

Die Pressemitteilung der UT räumt ein, dass man bei allem Stolz auf die bereits gemachten Fortschritte das 2012 formulierte Ziel, die „four-year graduation rate” innerhalb von fünf Jahren auf 70% zu steigern, noch nicht ganz habe erreichen können. Man sei aber auf dem besten Weg und eine höhere Erfolgsquote sei in wenigstens dreierlei Hinsicht ein Gewinn: „Helping more students graduate on time minimizes student debt, introduces them into the workforce sooner and opens more spots for incoming students.” Die Erfolge seien vor allem einer Strategie der Hochschule zu danken, mit Hilfe von Studierenden-Daten diejenigen zu identifizieren, deren Erfolg am meisten gefährdet sei und ihnen dann mit entsprechenden Ressourcen zu helfen. Provost Maurie McInnis wird dazu mit den Worten zitiert: „Over the past five years, UT has changed the culture around graduation rates on campus, and that has clearly paid off. There is more work to be done, but we are making progress.”

Sie finden diesen Beitrag hier.
Zahlen zu PhD-Programmen der University of Michigan
Der Flaggschiff-Campus der University of Michigan (UM) in Ann Arbor gehört zu den größten und forschungsstärksten Hochschulen des Landes. Mit mehr als 5.200 Studierenden zählt die Rackham Graduate School der Hochschule zu den größten Anbietern von PhD-Programmen in den USA.
Die UM hat jetzt Daten zu diesem Teil ihrer Graduierten-Ausbildung öffentlich zugänglich gemacht. Aus mehr als 15.000 Bewerbungen wurden danach im vergangenen Jahr 2.438 zur Zulassung ausgewählt, von denen sich dann 1.085 tatsächlich zum Studium einschrieben. Im vergangenen Jahr waren an Rackham 35% internationale Studierende eingeschrieben und 57% der Studierenden waren männlich. Mit mehr als 92% waren bei den allermeisten der Studierenden die Studiengebühren und die Lebenshaltungskosten über Fellowships, Assistantships oder ähnliche Programme abgedeckt.

Interessant ist auch die Entwicklung der Beschäftigungsfelder in den Jahren nach der Promotion. Sind im ersten Jahr nach der Promotion noch 31% der Kohorte auf Postdoc- oder vergleichbaren Stellen, 18% auf Tenure Track-Stellen und 12% auf Non-Tenure Track-Stellen bzw. als Staff Researcher oder in der Hochschuladministration beschäftigt, haben sich die Anteile sechs Jahre nach der Promotion auf 8%, 34% und 12% verschoben. 45% sind nach sechs Jahren nicht mehr in Academia und 1% überhaupt nicht mehr beschäftigt.

Sie finden die Zahlen hier.

Die Association of American Universities (AAU) will sich einer Meldung auf Inside Higher Education zufolge bei ihren Mitgliedshochschulen darum bemühen, dass eine zur University of Michigan vergleichbare Transparenz der Daten ihrer jeweiligen PhD-Programme erreicht wird. Es heißt: „Such data should include student demographics, average time to finish a degree, financial support and career paths and outcomes both inside and outside academe.”

Sie finden die Meldung hier.
Kurznachrichten
Dem US Department of Education liege einem Beitrag auf Inside Higher Education zufolge eine Empfehlung seines Office of Inspector General vor, die Western Governors University von einer Hochschule zu einem „correspondence-course provider” zurückzustufen. Dies hätte zum einen zur Folge, dass Western Governors $713 Mio. an Studienförderung für ihre Studierenden an die Staatskasse zurückzahlen müsste, zum anderen würde der wachsende Bereich der „competency-based education” einen empfindlichen Rückschlag erleiden. Man denke aber, dass sich die Empfehlung zunächst einmal nicht in administrativem Handeln niederschlagen würde: „Experts said the Trump administration is unlikely to follow through on the inspector general’s recommendations, which the department can reject. The department has signaled that it will be a less aggressive regulator than it was under the Obama administration.”

Sie finden den Beitrag hier.

Ein Beitrag des Chronicle of Higher Education wirft aus aktuellem Anlass (Widerruf einer Ehrung für Chelsea Mannin; wir berichteten in der vergangenen Ausgabe) mit den Verbindungen der Kennedy School of Government an Harvard zur Central Intelligence Agency (CIA). Es heißt: „While that might be a stretch, a forthcoming book, Spy Schools: How the CIA, FBI, and Foreign Intelligence Secretly Exploit America’s Universities (Henry Holt), by Daniel Golden, argues that the Kennedy School has a cozy, longstanding relationship with the CIA that is kept largely under wraps, even in some cases from its own faculty members. The book contends that U.S. intelligence services have ensconced themselves in universities, particularly since September 11, 2001, and that their presence leads to a tension between national security and academic freedom.”

Sie finden diesen Beitrag hier.

Ein Beitrag im kanadischen Globe and Mail argumentiert, dass Steuerpolitik nicht das geeignete Instrument sei, um den Zugang zu Hochschulen unabhängig vom Einkommen der Eltern zu gewährleisten. Steuerliche Vergünstigungen zur Finanzierung eines Hochschulbesuchs, so das Argument, kämen in erster Linie einkommensstärkeren Schichten der Bevölkerung zugute. Es heißt zu der bereits erkennbaren Abkehr von traditionellen Instrumenten der Studienförderung per Steuerpolitik: „What we are witnessing now is the beginnings of a shift in thinking away from tax credits in favour of more direct and targeted support of individuals. When it comes to postsecondary education, this shift is moving us toward treating young people as adults who own Canada’s future and who should have more autonomy now.”

Sie finden diesen Beitrag hier.

Ein Beitrag auf Troy Media fordert, dass die anderen Provinzen Kanadas dem Beispiel Ontarios folgen und ein grundständiges Studium für Angehörige einkommesschwacher Haushalte von Studiengebühren befreien sollten. Es heißt: „Ontario is spending big to provide free post-secondary education to low-income students. The program has already awarded grants to about 185,000 students this semester. That means about a third of all full-time Ontario students attending college or university have qualified for some help. (…) The example Ontario has presented deserves to be emulated around the country.” Dies sei weniger eine Frage sozialer Gerechtigkeit als vielmehr eine der ökonomischen Vernunft vermehrter Bildung: „The average annual income of high school dropouts is 15 per cent less than that of the average high school grad. And the average university graduate earns 50 per cent more. Higher incomes bring more tax revenue to the province. So even though it’s spending big on tuition grants now, the province is expected to easily recover that money over the working lives of the recipients.”

Sie finden diesen Beitrag hier.
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Dr. Nina Lemmens
Stefan Altevogt, Katrin Kempiners, Redaktion

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