Ausgabe ___ | March 29 2017
5. März 2018
Nordamerika Nachrichten
Dieser Newsletter informiert deutschsprachige Leser über aktuelle Entwicklungen und Trends im Hochschulwesen der USA und Kanada.
Themen dieser Woche:

  • Gesamtwirtschaftliches Gefährdungspotenzial von Studienschulden
  • Schlechte Prognosen für öffentliche Hochschulen in Neuengland
  • Zahlen zur Entwicklung von Hochschulvermögen
  • Kurznachrichten
Liebe Leserinnen und Leser,

in dieser Ausgabe befassen wir uns mit einer Abschätzung zum Gefährdungspotenzial von Studienschulden für die US-amerikanische Volkswirtschaft und mit den Aussichten für öffentlich finanzierte Hochschulen im nördliche Teil der US-amerikanischen Ostküste. Wir werfen zudem einen Blick auf jüngste Zahlen zur Entwicklung der Hochschulvermögen in den USA und schließlich auf verschiedene Kurznachrichten der Woche.

Ich wünsche Ihnen wie immer eine interessante Lektüre.

Stefan Altevogt
Gesamtwirtschaftliches Gefährdungspotenzial von Studienschulden
Nachdem vor einigen Jahren die Summe aller Studienschulden in den USA die Summe der Kreditkartenschulden überstiegen hatte und diesbezüglich über Zahlen deutlich oberhalb der Grenze von $1 Bio. gesprochen werden musste, mehrten sich die Bedenken, dass Studienschulden zu einer Bedrohung für die gesamte Volkswirtschaft werden und ein mögliches Platzen der Schuldenblase ähnlich verheerende Auswirkungen nach sich ziehen könnte, wie das Platzen der Immobilien(darlehens)blase in 2008.

Ein Beitrag im Chronicle of Higher Education berichtet in dieser Woche von einer Anhörung des neuen Chairman der US-Bundesbank, Jerome H. Powell, vor dem U.S. Senate Banking Committee und schreibt zum gegenwärtigen Stand der Studienschulden in den USA: „America’s student-debt burden currently sits at $1.38 trillion [immerhin 38% des deutschen BIP im vergangenen Jahr] – dwarfed only by housing and mortgage debt – according to a Fed analysis from last quarter. Nearly 11 percent of that debt is more than 90 days delinquent, compared with 4.7 percent for all types of debt.” Die angesichts dieser Zahlen verständlicherweise besorgte Frage der Senatoren sei gewesen, ob sich dies deutlich negativ auf die Volkswirtschaft auswirken könne, und die Antwort des Chairman habe gelautet: „It absolutely could hold back growth.”

Die Frage nach den Größenordnung derartiger Auswirkungen sei freilich aus verschiedenen Gründen schwierig zu beantworten. Zum einen schwanke in Abhängigkeit von sich verändernden gesetzlich Rahmenbedingungen die Notwendigkeit zur Aufnahme von Studiendarlehen ebenso wie die Fähigkeit zur Rückzahlung. Zum anderen habe der Wirtschaftsbereich, der durch Verschuldung am direktesten betroffen sei, nämlich die Gründung kleinster Unternehmen, im Hinblick auf den Arbeitsmarkt nur eine sehr begrenzte Wirkungstiefe. Es heißt: „Researchers for the Federal Reserve Bank of Philadelphia found that slight increases in student-loan borrowing in a county correlated to fewer small-business firms there. (…) The shallowness of the total pool of employees at these very small firms, however, may explain why a more substantial effect hasn’t been observed in the broader economy. According to an analysis of U.S. Census Bureau data by J.P. Morgan Chase, only 5 percent of all employees in 2014 worked for firms of one to four employees, and that subcategory accounted for just 4.5 percent of jobs created that year.”

Bedenklicher sei dagegen das Aufschieben von Immobilienkäufen durch verschuldete Hochschulabsolventen, weil ihnen schlicht das Geld für den Eigenanteil fehle. Eine von einem Berufsverband von Immobilienmaklern durchgeführte Umfrage habe ergeben, dass 85% derjenigen ohne Immobilienbesitz als Grund angaben, bislang wegen Studienschulden kein „down payment” hätte leisten zu können, und nur 40% der Immobilienbesitzer hätten angegeben, trotz Studienschulden gekauft haben zu können.

Insgesamt scheine man aber der immer noch wachsenden Verschuldung gemessen an deren Umfang gelassen entgegen zu sehen. Dies habe seinen Grund darin, dass sich die Schulden vor allem in Bereichen fortgeschrittener Abschlüsse konzentrierten, also bei Schuldnern, deren Fähigkeit zur Rückzahlung überdurchschnittlich sei. Es heißt: „Most college attendees with large balances of student loan debt are actually graduate-degree holders. Generally, an advanced degree indicates higher earning power. Despite representing just 21 percent of all degree recipients, those with master’s degrees or higher account for 65 percent of those with student-debt burdens of $50,000 or more, according to an analysis of 2012 Education Department data by the Urban Institute. Recent data underline this point. On average, undergraduate student borrowers took out $7,600 in student loans in 2015-16. Compare that with the average student-debt burden of $23,400 for graduate students. Indeed, those seeking professional degrees in fields like medicine or law reported the largest average loan burden: $45,100.”

Sie finden den Beitrag h ier.

Vor zwei Wochen meldete der Chronicle of Higher Education Überlegungen im US Department of Education, die Bestimmungen zur Stundung von aus öffentlichen Mitteln finanzierten Studiendarlehen so zu verändern, dass eine Entlastung von den Schulden mit einem persönlichen Insolvenzverfahren erleichtert würde. Bislang sei das diesbezüglich geforderte Kriterium von „undue hardship” nur schwer zu erreichen gewesen, mit der Folge, dass das Bildungsministerium viel zu häufig hinter Schuldnern hergelaufen sei, die ohnehin nicht zur Rückzahlung imstande seien. Zudem sollten Schuldner in Richtung einkommensabhängiger Rückzahlungsprogramme bewegt werden, was für beide Seiten von Nutzen sei. Hierzu wird Jason Delisle vom American Enterprise Institute mit den Worten zitiert: „ A lot of times when people sort of rail against the tough bankruptcy standards for federal student loans, they’re kind of ignoring the existence of the income-based repayment plan.”

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Schlechte Prognosen für öffentliche Hochschulen in Neuengland
Zu den langfristigen Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008/09 gehöre einem Beitrag im Chronicle of Higher Education zufolge auch ein bemerkenswerter Knick von -13% in der landesweiten Geburtenrate, die in manchen Bundesstaaten eine ohnehin problematische demografische Entwicklung noch verstärkten und in Bundesstaaten wie Maine, New Hampshire und Vermont bis 2029 zu einem Verlust von fast einem Viertel bei den Kohortengrößen führen könne, die Hochschulbildung nachfragten.
Die Schätzungen sind dabei einem neuen Buch des Ökonomen Nathan D. Grawe entnommen (Demographics and the Demand for Higher Education, Johns Hopkins University Press, November 2017), in dessen Klappentext es heißt: „Higher education faces a looming demographic storm. Decades-long patterns in fertility, migration, and immigration persistently nudge the country toward the Hispanic Southwest. As a result, the Northeast and Midwest – traditional higher education strongholds – expect to lose 5 percent of their college-aged populations between now and the mid-2020s. Furthermore, and in response to the Great Recession, child-bearing has plummeted. In 2026, when the front edge of this birth dearth reaches college campuses, the number of college-aged students will drop almost 15 percent in just 5 years.

Der Beitrag konzentriert sich auf Maine als einem „canary in the coal mine”, also einem Indikator für die Qualität der Atemluft im gesamten Bergwerk. Zur dortigen demografischen Situation heißt es: „Every statistic about the state is more worrying than the next, and together they spell looming trouble. Maine’s population of 1.3 million is the oldest in the nation, with a median age of 44.2; the national median is 37.7. It ranks 47th among states in fertility and immigrant population; just 3 percent of residents are foreign-born. Enrollment has already been faltering at most of the state’s four-year public universities for the past decade, and the number of high-school graduates in the state is projected to continue to fall, by about 14 percent through 2032.”

Als Reaktion darauf verringere man die Anzahl der Stellen, konzentriere sich auf die Retention Rate bei klassischen Bildungsangeboten, biete darüber hinaus verstärkt konkret berufsbezogene Programme an und versuche, Studierende aus umliegenden Bundesstaaten für ein Studium in Maine zu begeistern, indem man ihnen dieselben günstigen Konditionen verspricht, die sie an den besten Standorten der Hochschulsysteme in ihren Heimatbundesstaaten hätten (leider richtet sich dieses Angebot nicht an internationale Studierende). Weiter heißt es: „The [University] system and its individual institutions also began developing the One University idea. Some of those early conversations focused on ways that the universities could embrace mission differentiation, which in turn encouraged them to try different tactics. That helped seed a range of approaches to try to bolster enrollments and serve the state’s educational needs.”

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Zahlen zur Entwicklung von Hochschulvermögen
Der Chronicle of Higher Education hat die jüngsten, gemeinsam von der National Association of College and University Business Officers (NACUBO) und dem Commonfund Institute ermittelten Zahlen zur Entwicklung von Hochschulvermögen in den USA vorgelegt und präsentiert nun eine Liste von 95 Hochschulen, die über ein Stiftungsvermögen von wenigstens $1 Mrd. verfügen.

Auf die Erträge eines Stiftungsvermögens nördlich von $10 Mrd. konnten sich zuletzt zehn Einrichtungen stützen, darunter das dafür auch im Ausland bekannte Quartett der privaten Hochschulen Harvard, Yale, Stanford und Princeton mit $36 Mrd, $27 Mrd., $25 Mrd. bzw. $24 Mrd. In der Spitzengruppe rangieren aber auch öffentlich finanzierte Hochschulen bzw. Hochschulsysteme wie die University of Texas mit $27 Mrd. oder die Texas A&M University mit $12 Mrd., dicht gefolgt von der University of Michigan in Ann Arbor, die über ein Vermögen von $11 Mrd. verfügt.

Die öffentlich finanzierte University of California verfügt systemweit über fast $10 Mrd., hinzu kommen über $2 Mrd. am Campus in Los Angeles, $1,8 Mrd. am Campus in Berkeley, $600 Mio. am Campus in San Diego und $400 Mio. am Campus in Davis.

Die Hochschulvermögen sind im vergangenen Jahr allesamt gewachsen, wobei die niedrigste Wachstumsrate immerhin noch 3,1% betragen hatte und die höchste 18,1%. Die Zeiten unmittelbar nach der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09 scheinen in der Erinnerung mittlerweile zu verblassen. Seinerzeit betrug der höchste gemeldete Vermögensverlust 65,3% und der niedrigste immerhin noch 7,9%.

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Kurznachrichten
In einem Beitrag für die Zeitung The Hill plädiert Rachelle Peterson von der konservativen National Association of Scholars (NAS) dafür, die von China finanzierten Confucius Institutes von US-amerikanischen Hochschulen zu verbannen. Sie wirft ihnen Eingriffe in die Meinungsfreiheit und Propaganda im Sinne der chinesischen Regierung vor und schreibt: „Confucius Institutes are an affront to intellectual freedom, national security, and American interests. It is time for them to close, and it is time for the U.S. to act.”

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Der 2018 Inside Higher Ed Survey of College and University Chief Academic Officers fasst Antworten von 516 Provosts zur Fragen nach „akademischer Gesundheit”, Rolle der Liberal Arts Education und
gegenwärtigen Lage von Meinungsfreiheit an US-amerikanischen Hochschulen zusammen. Es heißt: „Most provosts believe that the academic health of their institutions remains strong; that level of confidence hasn't changed much in recent years. Chief academic officers are strong supporters of the liberal arts, but many are pessimistic about the future of liberal arts programs and liberal arts colleges. (…) While a majority of provosts believe that students of all political views feel welcome in classrooms, they are more likely to say that about liberal students and white students.”

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In einer Reaktion auf Bryan Caplans „The Case Against Education: Why the Education System Is a Waste of Time and Money” warnt die ehemalige Bildungsministerin und derzeitige Präsidentin der University of North Carolina, Margaret Spellings, davor, die Axt an die Grundwerte von Hochschulbildung anzulegen. Sie schreibt: „Higher education has thrived not because it is exclusive and elite, but because we’ve worked hard to be less so. Our moments of growth and transformation come when we embrace a changing landscape – when land-grant institutions reinvent teaching and research, when the GI Bill redraws our image of the American college student, when states see their public universities as long-range assets rather than near-term burdens. Today, those ideals demand that we resist the narrow role of a credentialing agency and embrace the broad mission of useful learning in all its forms. That’s our calling.”

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Die New York Times widmet sich der überraschenden Absage von Alberto Carvalho an den New Yorker Bürgermeister Bill de Blasio, die Leitung des landesweit größten Schulsystems zu übernehmen, und schreibt: „New Yorkers – including Mr. de Blasio – grappled with how Mr. Carvalho could have so abruptly changed his mind, turning down one of the most prestigious and high-profile jobs in education more than a week after accepting it.”

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Der Chronicle of Higher Education hat eine Liste mit Herkunftshochschulen der jüngsten Kohorte von Fulbright Scholars und Fulbright Students vorgelegt. Es heißt: „Three research universities [University of Michgan in Ann Arbor, Indiana University at Bloomington und University of Washington in Seattle] had 10 or more Fulbright scholars in the 2017-18 academic year, and 13 research universities [Brown University führt das Feld deutlich mit 39 erfolgreichen Anträgen vor der University of Notre Dame mit 29 an] and two bachelor’s institutions [Bates College und Bowdoin College] had 20 or more students who were awarded Fulbright grants.” Die Liste Fulbright-Stipendien für Studierende nennt auch die Zahlen der Bewerbungen. Gemessen an diesen war zuletzt die University of Colorado in Boulder bemerkenswert erfolgreich, wo auf 24 Bewerbungen 10 Stipendien entfielen. Für die 24 Stipendien für Studierende an Harvard sind dagegen 118 Anträge eingereicht worden.

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In Kanada wurde das Budget für das am 1. April beginnende Haushaltsjahr 2018 vorgestellt. Laut University Affairs soll es eine substantielle Erhöhung öffentlicher Forschungs- und Entwicklungsausgaben geben. Es heißt: „Among many items, the government has committed $1.7 billion over five years to tri-council agencies and research institutes, proposed stable funding for the Canada Foundation for Innovation, expressed support for early-career researchers and made equity a through line in the budget.“ Damit reagiere die Regierung vor allem auf die Forderungen des im vergangenen Jahr veröffentlichten Naylor-Reports.

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Dr. Nina Lemmens
Stefan Altevogt, Katrin Kempiners, Redaktion

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