Ausgabe ___ | March 29 2017
9. Juli 2018
Nordamerika Nachrichten
Dieser Newsletter informiert deutschsprachige Leser über aktuelle Entwicklungen und Trends im Hochschulwesen der USA und Kanada.
Themen dieser Woche:

  • Geisteswissenschaften an US-amerikanischen Hochschulen
  • Internationale Mobilität kanadischer Studierender: Raum für Wachstum
  • Rechtsprechung und Hochschulen
  • Kurznachrichten
Liebe Leserinnen und Leser,

in dieser Ausgabe befassen wir uns mit einigen Antworten auf die jüngst beim Higher Education Forum der New York Times gestellte Frage „What’s the Biggest Challenge for Colleges and Universities?” und mit den soeben bekannt gewordenen Plänen der US-Regierung, die Ministerien für Bildung und Arbeit zu einem Ressort zu verschmelzen. Wir werfen zudem einen Blick auf die Entwicklung des Tenure-Models in den USA und schließlich auf verschiedene Kurznachrichten der Woche. 

Ich wünsche Ihnen wie immer eine interessante Lektüre.

Stefan Altevogt
Geisteswissenschaften an US-amerikanischen Hochschulen
Ein Beitrag im jüngsten Chronicle of Higher Education ist überschrieben mit „The Humanities as We Know Them Are Doomed. Now What?” Der Beitrag von Eric Hayot, Professor für vergleichende Literaturwissenschaften und Asienstudien an der Pennsylvania State University, war zuvor bereits in einer Veröffentlichung der Modern Language Association (MLA) zu lesen gewesen und er zitiert wesentliche Zahlen zur Entwicklung der Geisteswissenschaften an US-amerikanischen Hochschulen.

Laut National Center for Education Statistics (NCES) sei der Anteil geisteswissenschaftlicher Abschlüsse an der Gesamtzahl der Bachelors zwischen 1970 und 2006 mit einigen Schwankungen beinahe unverändert bei knapp 18% geblieben und selbst der zuletzt zu verzeichnende Rückgang auf derzeit knapp 15% könne als eine der aus der Vergangenheit bekannten Phasen verstanden werden. Durch Veröffentlichungen wie die von Michael Bérubé oder Nate Silver sei zudem die häufig kolportierte Vermutung, Absolventen geisteswissenschaftlicher Fächer machten vor allem bei McDonald’s oder Starbucks „Karriere”, in den Bereich der Mythen verwiesen. Soweit die guten Nachrichten.

Im Hinblick auf die beruflichen Aussichten von PhDs in geisteswissenschaftlichen Fächern nimmt der Autor dann die Zahl der bei der MLA veröffentlichten Stellen in den Blick. Hier zeigt sich trotz aller Fluktuationen über die verschiedenen Krisen der vergangenen Jahrzehnte hinweg ein deutlicher Trend nach unten. Es heißt: „Even if hiring recovers from this recent shock, faculty members in literature and language have reason to be pessimistic about long-term trends.” Was den Autor pessimistisch stimme, sei vor allem, dass mittlerweile der „Kampfgeist” der Geisteswissenschaftler zu erlahmen scheine, der in der Vergangenheit nach Krisen immer wieder für eine Erholung gesorgt habe. Er schreibt: „There’s good reason to believe the humanities aren’t coming back. Without action we humanists stand to lose a great deal. This crisis will define and shape us.”

Das deutlichste Krisenzeichen sei dabei, dass zwar die finanziellen Verluste nach der Wirtschaftskrise von 2008 weitgehend überwunden zu sein scheinen und damit auch eine wichtige ökonomische Grundlage für Geistenswissenschaften an Hochschulen wieder hergestellt sei, dass aber trotzdem seit etwa 2010 die Zahlen der Einschreibungen in diesen Fächern noch wesentlich deutlicher zurückgehe, als man dies aus Krisen der Vergangenheit kenne. Dies führe zwangsläufig auch zu einer Verschlechterung des Arbeitsmarkts für PhDs in geisteswissenschaftlichen Fächern. „The results will be, I fear, devastating, for graduate students as well as for departments and programs.”

Am Beispiel des Fachs Englisch macht der Beitrag das Ausmaß des Rückgangs deutlich. Von den 258 Hochschulen mit Promotionsrecht beklagten 75% einen Rückgang bei der Zahl der Hauptfachstudierenden in Englisch, wobei 125 Einrichtungen mehr als 20% Einbußen verzeichneten und 54 Einrichtungen mehr als 40%. Das Gesamtbild im Vergleich zum Durchschnitt des vergangenen Jahrzehnts: „The number of 2015 English graduates across all doctorate-granting institutions was 79 percent of the 2000-10 average.”

Unter den 438 Hochschulen mit Master’s Degree als höchstem Abschluss zählten 178 Einrichtungen Verluste von 20% und darüber und 95 von mehr als 40%. Auch hier war das Niveau der Abschlusszahlen zuletzt auf 87% des Durchschnitts der Jahre 2000 bis 2010 abgesunken. Und schließlich noch auf der Ebene der Colleges, wo 70% der Einrichtungen einen Rückgang zu verzeichnen hatten: „The number of 2015 English graduates across all bachelor’s-degree-granting institutions was 80 percent of the 2000-10 average.”

Der Beitrag endet in einem Appell: „It is time to be creative, time to look for new ways to connect with our students, and help them love what the humanities can do for them.”
 
Sie finden den Beitrag hier.
Internationale Mobilität kanadischer Studierender: Raum für Wachstum
Das Canadian Bureau for International Education (CBIE) liefert regelmäßig Zahlen zur Internationalisierung kanadischer Hochschulen, darunter auch die Zahl ihrer Studierenden, die einen anrechenbaren Zeitraum im Ausland verbracht haben. Im Jahr 2016 waren dies 2,6%, ein Grund, warum derartige Übersichten mit „Canada’s Performance and Potential in International Education” überschrieben sind. Als der wichtigste Grund für die vergleichsweise geringe internationale Mobilität kanadischer Studierender werden die hohen Kosten für einen Auslandsaufenthalt genannt.
Auf der anderen Seite scheint die Zufriedenheit der Wenigen, die es während des Studiums ins Ausland geschafft hatten, sehr hoch und entsprechend sind Zitate bezüglich der weiteren Entwicklung, etwa: „I was recently hired for my first job with a company in Quebec - my cross cultural experience and French language experience definitely helped me get noticed and land this amazing position.”

Sie finden Zahlen und Zitat hier.

Ein Beitrag im Globe and Mail hatte bereits vor einiger Zeit bemerkt, dass die Entwicklung internationaler Mobilität kanadischer Studierender das Land nicht nur schlecht im Vergleich zu anderen Ländern der OECD aussehen lässt, sondern dass die Zahlen zuletzt auch noch entgegen des internationalen Trends rückläufig gewesen seien. Hier sei vor allem auch die kanadische Bundesregierung gefragt, denn: „For several years, Australia, the United States and Britain have increased funding for study-abroad programs and are also working to make it possible for lower-income students to participate.”
 
Sie finden den Beitrag hier.

Die Provinzregierung im kanadischen Ontario, so eine Meldung der Professionals in International Education (PIE), hat den dortigen öffentlich finanzierten Hochschulen jetzt konkrete Vorgaben zu Fortschritten bei ihren jeweiligen Internationalisierungsbemühungen gemacht. Eine dazu jetzt vorgelegte „International Postsecondary Education Strategy 2018” verweist dabei nicht nur auf den nennenswerten intellektuellen und ökonomischen Nutzen der internationalen Studierenden, die nach Kanada kommen, sondern sieht auch die Notwendigkeit, kanadische Studierende vermehrt zu internationalen Erfahrungen zu verhelfen. Als Maßstab dienen dabei unter anderem die USA. Es heißt: „Today about 10 per cent of Canadian students study outside the country at some point in their education (...). By comparison, the U.S. sees 15 per cent of postsecondary learners study abroad (...). We need to do better.”
 
Sie finden diesen Beitrag hier.

Sie finden die International Postsecondary Education Strategy 2018 hier.
Rechtsprechung und Hochschulen
Die Bestätigung des von der Regierung Trump verfügten Einreiseverbots von Staatsangehörigen aus acht Ländern durch den US Supreme Court stößt in den akademischen Verbänden des Landes auf Enttäuschung und Unverständnis. Rush Holt von der American Association for the Advancement of Science (AAAS) wird in einer Erklärung mit den Worten zitiert: „We are disappointed that the Supreme Court has decided to uphold the Trump administration’s travel ban. Recent White House statements and visa policies are discouraging many of the best and brightest international students, scholars, and scientists from choosing the United States to study and work. Scientific progress depends on openness, transparency, and the free flow of ideas; these principles have helped the United States to attract and richly benefit from international scientific talent.“
 
Sie finden die Erklärung hier.
 
Die Präsidentin der Association of American Universities (AAU), Mary Sue Coleman, lässt sich in einer Presseerklärung mit den Worten zitieren: „Though we are deeply disappointed in the Supreme Court’s decision, we will continue working closely with our federal partners to ensure the visa system prevents entry by those who wish our nation harm, while maintaining the inflow of global talent that has contributed so much to our nation.“

Sie finden die Presseerklärung hier.

In einer weiteren Entscheidung hat der US Supreme Court entschieden, dass öffentliche Angestellte nicht zu Beitragszahlungen für ihre jeweils zuständigen Gewerkschaften verpflichtet werden können, selbst wenn Letztere Tarifverträge auch für Erstere aushandelten.

In einem Kommentar für den Chronicle of Higher Education vermutet Keith Hoeller, dass sich diese Entscheidung auf das Verhältnis von entfristeten Fakultätsmitgliedern und Adjunct Faculty (Lehrbeauftragte) dergestalt auswirken werde, dass Gewerkschaften an öffentlich finanzierten Hochschulen sich künftig vermehrt um die Belange der Adjuncts („contingent faculty members”) kümmern müssten. Die Argumentation hat die Schrittfolge: Bislang haben die Gewerkschaften an Hochschulen vor allem die Interessen der Festangestellten vertreten, obwohl mittlerweile im landesweiten Durchschnitt an öffentlich finanzierten Hochschulen die Festangestellten in der Minderheit seien. Durch die Entscheidung des Supreme Courts würden die Einnahmen der Gewerkschaften sinken und sie müssten, um dies auszugleichen, für Adjuncts deutlich attraktiver werden. Es heißt: „If the unions truly want to represent contingent faculty members, their eventual aim should be to abolish the two-tier system and ensure full equality for all professors.”

Es bedürfe darüber hinaus allerdings noch einer landesweiten und damit verhandlungsstarken Interessensvertretung für Adjuncts, doch mit „Janus v. AFSCME” (der Name der jüngsten Supreme Court-Entscheidung) seien jetzt die Gewichte verschoben worden.

Sie finden den Kommentar hier.

Ein Beitrag auf Inside Higher Education befasst sich mit der Entscheidung des Wisconsin Supreme Court in der Sache „McAdams vs. Marquette University”, die mit vier zu zwei Stimmen für den Kläger John McAdams ausgefallen ist. Professor McAdams war von der Hochschule entlassen worden, nachdem er eine Studierende in einem Blog namentlich genannt und für die Handhabung einer von ihr geleiteten Unterrichtsveranstaltung kritisiert hatte. Die Hochschule hatte sich bei der Entlassung des entfristeten Professors auf die in seiner Handlung offensichtlich gewordene fehlende professionelle Eignung berufen, der Professor in seiner Klage auf das Recht der freien Meinungsäußerung und dem besonderen diesbezüglichen Schutz für Hochschullehrer.

Der Beitrag bedauert, dass das Gericht die Frage der freien Meinungsäußerung in seiner Entscheidung ausschließlich von der Perspektive des Kläger beurteilt habe und zitiert aus der Stellungnahme von Marquette: „Had the professor published the same blog without the student-teacher’s name or contact information, he would not have been disciplined. Marquette has been, and always will be, committed to academic freedom.”
 
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Kurznachrichten
In einem Beitrag widmet sich der Chronicle of Higher Education der an öffentlich finanzierte Forschungshochschulen in den USA seit einigen Jahren um sich greifenden Praxis, nach Fächern unterschiedlich gestaffelte Studiengebühren zu erheben. Es heißt: „About 52 percent of the nation’s public research universities apply different tuition charges for students based on their academic fields, according to a 2016 study (…). The pricing policies have kept some expensive programs in the black. But they may come with a downside. Some analysts say the higher prices often associated with more-lucrative majors, such as engineering or business, are keeping some low-income and minority students from entering the fields.”
 
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Die New York Times meldet die Entscheidung des Federal District Court in Michigan, nach der das Recht auf fundamentale Bildung wie Lesen und Schreiben in den USA keinen Verfassungsrang genieße. In einer 2016 eingereichten Klage war argumentiert worden, dass die schlechten Schulen in Detroit nicht nur einfach schlecht seien, sondern durch ihren desolaten Zustand auch das Recht auf Bildung insgesamt untergrabe. Es heißt: „Judge Stephen J. Murphy III said that ‘access to literacy’ – which he also referred to as a ‘minimally adequate education’ was not a fundamental right.” Die Kläger hätten darüber hinaus nicht zeigen können, dass der Zustand an den bemängelten Schulen Ergebnis einer systematischen Vernachlässigung entlang ethnischer Grenzen sei.
 
Sie finden die Meldung hier.
 
Im Rahmen einer Neufassung des National Defense Authorization Act (NDAA) droht derzeit die Einschränkung internationaler akademischer Zusammenarbeit zwischen den USA und Ländern, die als Konkurrenz um militärisch-technologische Überlegenheit angesehen werden. Im Mai war eine Ergänzung zur NDAA-Novelle eingebracht worden, die in den USA tätige Wissenschaftler von der Antragsberechtigung um öffentliche Mittel für den Fall ausschließen sollten, dass sie sich an Rekrutierungsprogrammen zugunsten von Ländern wie China, Russland oder Nordkorea beteiligten. Ein Beitrag des American Institute of Physics (AIP) sieht in dem Vorstoß eine Beleg für einen derzeit breiten politischen Konsens, militärisch relevante Forschung in den USA durch Abschottung besser schützen zu wollen.
 
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