Ausgabe ___ | March 29 2017
5. September 2017
Nordamerika Nachrichten
Dieser Newsletter informiert deutschsprachige Leser über aktuelle Entwicklungen und Trends im Hochschulwesen der USA und Kanada.
Themen dieser Woche:

  • Chronicle Almanac: Höhen und Tiefen der US-Hochschullandschaft
  • Wieviel ist zu viel?
  • Institutional Research: Datenanalyse zur Prozessoptimierung
  • Kurznachrichten
Liebe Leserinnen und Leser,

in dieser Ausgabe befassen wir uns noch einmal mit Zahlen aus der jüngsten Almanach-Ausgabe des Chronicle of Higher Education und dem kanadischen Umgang mit dem Thema Bildungsschulden. Wir werfen zudem einen Blick auf die Rolle, die Datenanalyse in der Lenkung von Hochschulen idealerweise spielen sollte, und schließlich auf verschiedene Kurznachrichten der Woche.

Ich wünsche Ihnen wie immer eine interessante Lektüre.

Stefan Altevogt
Chronicle Almanac: Höhen und Tiefen der US-Hochschullandschaft
In der vergangenen Ausgaben hatten wir uns an Hand der jüngsten Almanach-Ausgabe des Chronicle of Higher Education einen Eindruck von der gesamten US-Hochschullandschaft verschafft und dann die gut 300 von insgesamt mehr als 4.500 Einrichtungen in den Fokus genommen, die aus deutscher Perspektive relevant sind. Die Daten der Almanach-Ausgabe geben durch ihre Aufarbeitung nach Bundesstaaten darüber hinaus noch Auskunft über die mitunter erheblichen Unterschiede zwischen den einzelnen Landschaften.

Als ein Bezugspunkt bietet sich dabei die Situation in Kalifornien an, dem mit knapp 40 Mio. Einwohnern bevölkerungsreichsten Bundesstaat der USA. Kalifornien rangiert mit einem pro-Kopf-Einkommen von $31.000 pro Jahr im oberen Mittelfeld der USA (Rang 16 von 51), führt deutlich im Hinblick auf den Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund (45% sprechen zu Hause eine andere Sprache als Englisch) und hat mit 47% der 18-24-Jährigen an den Hochschulen eine überdurchschnittliche Partizipation an terziärer Bildung (der landesweite Durchschnitt liegt hier bei 42%).

Der aus öffentlichen Mitteln finanzierte Bereich der Hochschullandschaft besteht aus den zehn Campi der forschungsbezogenen University of California (UC), 24 Standorten der eher berufsbezogenen California State University (CalState) und 116 zweijährigen Community Colleges. An letztgenannten Colleges sind derzeit fast 1,5 Mio. Studierende eingeschrieben, an CalState und UC zusammen noch einmal 730.000. Die kalifornische Regierung in Sacramento stattete diese Hochschulen zuletzt mit einer Grundfinanzierung in Höhe von 13,6 Mrd. aus, was bei einer gleichmäßigen Verteilung der Mittel knapp $6.200 pro Studierendem ergeben würde. In diesem Bereich von durchschnittlichen $6.000 Grundausstattung pro Studierendem an öffentlichen Hochschulen finden sich auch die nächst-bevölkerungsreichen Texas (27 Mio.) und Florida (20 Mio.). Landesweit liegt der Wert bei etwa $5.500. Die durchschnittlichen Studiengebühren an CalState und UC betragen (dennoch) für Landeskinder derzeit $9.200 pro Jahr und $1.200 an den Community Colleges. Im landesweiten Durchschnitt liegen an öffentlich finanzierten, vierjährigen Hochschulen die Studiengebühren bei $8.700 und an Community Colleges bei $3.000 pro Jahr.

Hinzu kommen in Kalifornien noch 300.000 Studierende an privaten, gemeinnützigen Hochschulen, unter denen in Deutschland sicherlich Stanford University und das California Institute of Technology als Westküstenpendants zu Harvard und MIT und vielleicht noch die University of Southern California (immerhin 43.000 Studierende) die bekanntesten sind. An ihnen betragen die jährlichen Studiengebühren im Schnitt gut $37.000, was deutlich über dem landesweiten Durchschnitt von $31.000 für Studiengebühren an privaten Colleges liegt.

Ein Beispiel für überdurchschnittliches Engagement bei der Finanzierung durch den jeweiligen Bundesstaat ist North Carolina, das bei einer Bevölkerung von 10 Mio. zuletzt knapp $4 Mrd. in die Grundausstattung der öffentlichen Hochschulen fließen ließ. Das öffentlich finanzierte Hochschulsystem besteht aus 17 vierjährigen Campi der University of North Carolina (mit dem Standort Chapel Hill als Flaggschiff) und 59 Community Colleges. An den vierjährigen Einrichtungen sind insgesamt 225.000 Studierende eingeschrieben, an den Community Colleges etwa noch einmal so viel, so dass sich rechnerisch ein Engagement der öffentlichen Hand in Höhe von $8.000 pro Studierendem ergibt. Die Studiengebühren betragen an öffentlich finanzierten, vierjährigen Hochschulen knapp $7.000 und an Community Colleges $2.400 pro Jahr.

Deutlich geringere Priorität genießt die Grundausstattung öffentlicher Hochschulen in einigen der Bundesstaaten, die – anders als North Carolina – über eine gut entwickelte privatfinanzierte Hochschullandschaft verfügen. Pennsylvania wäre hier ein negatives Beispiel, denn für die gut 400.000 Studierenden an den öffentlichen Hochschulen im Bundesstaat flossen insgesamt nur $1,7 Mrd. an diese Hochschulen, also rechnerisch etwas über $3.500 pro Studierendem. Ähnlich niedrig liegt der Wert mit $3.600 noch in Vermont.

Während landesweit in zehn Jahren mit einem Minus von 4,4% bei den Kohortengrößen der Oberschulabsolventen gerechnet wird, soll sich diese Zahl in Kalifornien um -8% entwickeln, in Arizona um -9%, in Texas hingegen um +4% und in Idaho gar um +8,4%. Deutlich größere Anstrengungen bei der Kundensuche werden allerdings einige der klassischen Standorte für Hochschulbildung am nördlichen Teil der Ostküste unternehmen müssen. In den Heimatstaaten der Ivy-League (New Hampshire, Massachussets, Rhode Island, Connecticut, New York und New Jersey) erwartet man einen Rückgang der Kohortengrößen der Oberschulabsolventen von (der Reihe nach) 16%, 8%, 7%, 16%, 1% und 9%. Den Ivys (wie auch den besseren und besten der anderen privaten Hochschulen) wird es freilich vergleichsweise egal sein können, denn sie rekrutieren vor allem überregional. Für die öffentlich finanzierten Teile der Hochschullandschaften ist die Entwicklung allerdings von größerer Bedeutung, denn sie dienen vor allem der Versorgung von Landeskindern. In gut ausgestatteten öffentlichen Landschaften wie Kalifornien besuchen immerhin 87% aller Oberschulabsolventen eine Hochschule im Bundesstaat, in North Carolina sind es 88% und landesweit immerhin noch 83%.
 
Sie finden die Daten hier .
Wieviel ist zu viel?
In drei Beiträgen befasst sich der kanadische Globe and Mail zum Semesterbeginn mit der Frage, welches Maß an Studienschulden in Abhängigkeit vom gewählten Studienfach vertretbar sei. Der erste, mit „Student debt should be tied to earning potential after graduation” überschriebene Beitrag unterscheidet sinnvolle Bildungsinvestitionen von weniger sinnvollen, nimmt als Kriterium der Unterscheidung das Verdienstpotenzial im durch das Studium angestrebten Beruf und verweist auf die Faustregel der „three Tens”: „For every $10,000 in student loans, you should be able to earn about $10,000 annually over a base of $10,000, when you graduate, in order to repay those loans in 10 years.”

Als Orientierung im Hinblick auf die Frage, wie groß die Verdienstmöglichkeiten nach Studienabschluss in verschiedenen Berufsfeldern sind, zitiert der Beitrag Zahlen einer vor fünf Jahren im Canadian Journal of Higher Education veröffentlichten Untersuchung. Danach betrug der Einkommensmedian zwei Jahre nach Studienabschluss für Absolventen in den Liberal Arts knapp $39.000, $39.200 für Absolventen naturwissenschaftlicher Fächer, $45.000 in Betriebswirtschaft und $52.000 in Ingenieurwissenschaften, Informatik und in medizinischen Fächern. Im Hinblick auf zweijährige Abschlüsse heißt es zudem: „When looking at community college grads, the ranges weren't as big, from median earnings of $31,095 for liberal-arts grads to $38,038 for graduates with diplomas in engineering and computer sciences.”

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Der zweite Beitrag, überschrieben mit „Some postsecondary students and their parents are about to make a $20,000 mistake”, verlegt die Frage der richtigen Berufswahl und somit auch die des Studienfachs in die letzten drei Klassen der Oberschule und schreibt: „Students need to be exposed starting in Grades 10 and 11 to data showing where the jobs are and which programs will prepare them to work in these areas.” Nicht jeder habe freilich das für die meisten STEM-Fächer notwendige mathematisch-naturwissenschaftliche Talent, doch auch hier helfe ein Blick in eine jährlich vom Magazin Canadian Business veröffentlichte Liste der Top 100 Jobs, darunter so spannende Berufe wie: „corporate sales manager, business services manager, economist and policy researcher, marketing and public relations manager, urban planner and financial planner.”
 
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Ein weiterer Beitrag macht auf das Problem aufmerksam, dass in einigen Fächern die „Haltbarkeit” der im Studium erworbenen Fähigkeiten deutlich kürzer sei, als man sich das wünschen würde, und entsprechend zum teil kostspielige Weiter- und Fortbildungsprogramme zu den aufgelaufenen Studienschulden hinzukommen könnten. Es heißt: „A new CIBC poll shows that about three-quarters of postsecondary students believe they will need to supplement their education with more training after graduation. That's despite already spending an average of about $14,000 a year on their current program and owing an average of $30,300 when it's over.” Auf die erwartbaren Schulden und die ebenfalls erwartbaren Kosten für Weiter- und Fortbildung seien kanadische Familien derzeit nur unzureichend vorbereitet: „About two in five students surveyed say they have no savings and two-thirds don't have a registered education savings plan (RESP).”
 
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Institutional Research: Datenanalyse zur Prozessoptimierung
Ein Beitrag im Chronicle of Higher Education beschreibt an einem Beispiel der Indiana University-Purdue University Indianapolis (IUPUI) die wachsende Bedeutung der Analyse von Daten für Entscheidungsfindungen an Hochschulen. Es heißt und dies dürfte in den meisten Ohren beinahe banal klingen: „Institutional researchers can help guide discussions with their data-informed understanding of an issue, rather than simply supply information – often after decisions are made.”

Das erwähnte Beispiel zeigt allerdings, dass derartige Selbstverständlichkeiten bei weitem noch nicht selbstverständlich sind. Man hatte an IUPUI eine Task Force gebildet und herauszufinden beauftragt, warum Latino-Students zwar in steigendem Maße die Hochschule besuchten, aber überdurchschnittlich rasch ihr Studium wieder an den Nagel hängten. Die Task Force sei dabei von der an vielen Hochschulen des Landes zu beobachtende Annahme ausgegangen, dass Latinos auch an IUPUI eine unterdurchschnittliche „one year retention rate” hätten, also den Sprung in das zweite Studienjahr weniger häufig schafften als ihre Kommilitonen. Eine mit den Daten der Hochschule vertraute Mitarbeiterin habe es besser gewusst: „Latino students at IUPUI persist from the first year to the second at slightly higher rates than do students in general. The problem was elsewhere.”

Als sich die Task Force darauf hin das „elsewhere” genauer angesehen habe, seien zahlreiche Details aufgedeckt worden, die in Summe hätten erklären können, warum sich Latinos an IUPUI nicht besonders wohl fühlten. Unter anderem sei aufgefallen, dass gegenüber einem Latino-Anteil von 7% unter den Studierenden nur 2% der entfristeten bzw. auf Entfristung hinarbeitenden Hochschullehrer Latinos seien. Entsprechende Lehren hätte die Task Force dann in ihre Empfehlungen einarbeiten können: „These climate factors in mind, the task force’s recommendations on how to recruit and retain more Latino students included creating support groups among entering Latino students since faculty to serve as mentors were few, and providing more scholarships and need-based aid to attract Latino and other underrepresented students.”

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Kurznachrichten
Inside Higher Education befasst sich mit einer im August vom National Bureau of Economic Research veröffentlichten Untersuchung zur Frage, warum sich Frauen während ihres Studiums in größerem Umfang von STEM-Fächern abwendeten als ihre männlichen Mitstudierenden. Zwei bislang für plausibel erachtete Gründe seien dabei von den Daten nicht bestätigt worden. Es heißt: „While other studies have suggested that women came out of high school less prepared, or that increasing female STEM faculty could help provide women mentors, the (...) study didn’t support those findings.”

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University Affairs meldet einen wachsenden Druck seitens Professoren, Hochschulleitungen und Studierenden auf die kanadische Bundesregierung, damit diese die im Naylor Report gemachten Empfehlungen zur Verbesserung der Forschung an Hochschulen nicht einfach bloß zur Kenntnis nehme. Es heißt: „The panel’s recommendations, if fully implemented, would see annual federal spending on research-related activities increase from approximately $3.5 billion to $4.8 billion over four years. (…) Researchers, university administrators, students and science groups across the country have wholeheartedly endorsed the report and are working together in an unprecedented joint effort to ensure the government does not ignore the report’s recommendations.”

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Die Uni-Zeitung der University of British Columbia (UBC) beantwortet zu Semesterbeginn einige Fragen zur stark gewachsenen Attraktivität der Hochschule für internationale Studierende und beziffert deren Anteil in der jüngsten Kohorte von Studienanfängern auf über 31%. Auf die sich stellenden Fragen, ob internationale Studierende den Landeskindern die Studienplätze wegnehmen würden und ob kanadische Steuerzahler dies auch noch subventionierten, antwortet der Beitrag: „Domestic and international undergraduate applicants are considered separately and they do not compete for the same spaces. Domestic applicants compete against each other for the government-funded spaces, while international students compete for spaces that are not government funded. International undergraduate students pay significantly higher tuition fees, unaided by funding from B.C. [British Columbia] taxpayers.”

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Bei Statistics Canada ist im August eine Untersuchung mit dem Titel „International Students, Immigration and Earnings Growth: The Effect of a Pre-immigration Canadian University Education” erschienen, die sich am Beispiel Kanada mit der Einkommensentwicklung von Immigranten mit Hochschulabschluss gegenüber Immigranten befasst, die ihren Hochschulabschluss im Einwanderungsland machen. Es heißt in Bestätigung der Ergebnisse ähnlicher Untersuchungen: „Conditional on the earnings level in Canada before immigration, an extra year of Canadian work or education experience before immigration made little difference to post-immigration earnings for CE [Canadian-educated] immigrants. These results may suggest that what matters to CE immigrants is not the length of Canadian work or study experience, but the realized market value of this experience, as indicated by the earnings level before immigration.”

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Schließlich: In einem Werbeblock für die eigenen Dienstleistungen beschreibt ein Krisenkommunikations-Profi auf Inside Higher Education die Gefahren, die Hochschulen auch dadurch drohten, dass sie größere und auch kleinere Katastrophen des betrieblichen Alltags durch wartendes Zuschauen zu bewältigen versuchten. Es heißt: „Outside help, in the form of legal, PR, budget analysis, forensic investigation, and more, can make the difference between a slow burning crisis and a nonevent. The longer universities wait to see how an incident plays out, the worse it becomes and the harder it is for the outside experts to do their jobs effectively. To add to this, universities increase their risk of litigation by sitting on bad news.”

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Impressum


Dr. Nina Lemmens
Stefan Altevogt, Katrin Kempiners, Redaktion

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