Ausgabe ___ | March 29 2017
16. Mai 2018
Nordamerika Nachrichten
Dieser Newsletter informiert deutschsprachige Leser über aktuelle Entwicklungen und Trends im Hochschulwesen der USA und Kanada.
Themen dieser Woche:

  • Hochschulen der Zukunft: Die Sicht an Georgia Tech 
  • Probleme auf der Zielgeraden
  • Verschärfen herkömmliche Unterrichtsmethoden Ungleichheiten?
  • Kurznachrichten
Liebe Leserinnen und Leser,

in dieser Ausgabe befassen wir uns mit einem ersten Bericht der Commission on Creating the Next in Education (CNE) am Georgia Institute of Technology und mit den Problemen vieler US-amerikanischer Studierender, die „letzten Meter” auf dem Weg zum Studienabschluss zu bewältigen. Wir werfen zudem einen Blick auf Versuche, durch innovative Unterrichtsmethoden ungleiche Lernvoraussetzungen überbrücken zu helfen, und schließlich schauen wir noch auf verschiedene Kurznachrichten der Woche. 

Ich wünsche Ihnen wie immer eine interessante Lektüre.

Stefan Altevogt
Hochschulen der Zukunft: Die Sicht an Georgia Tech
Der Chronicle of Higher Education befasst sich in dieser Woche mit dem Center for 21st Century Universities am Georgia Institute of Technology, einer nach Einschätzung Vieler seher innovativen unter den US-amerikanischen Hochschulen von internationalem Ruf. 
Vor drei Jahren hatte das Office of the Provost an „Georgia Tech” einer dafür ins Leben gerufenen Commission on Creating the Next in Education (CNE) die Frage vorgelegt, wie eine öffentlich finanzierte Forschungshochschule im Jahr 2040 und darüber hinaus aussehen würde. Das CNE hat nun einen entsprechenden Bericht vorgelegt, der nach Einschätzung des Chronicle „a number of provocative ideas” enthalte, darunter „new credentials that recognize continuous learning, a subscription fee model instead of tuition, ‘education stations’ that bring services and experiences to students, and worldwide networks of advisers and coaches for life.”
Aus Anlass des CNE-Berichts führte der Chronicle ein Gespräch mit Rafael L. Bras, dem Provost an Georgia Tech. Bras gibt vorweg zu bedenken, dass die im Bericht formulierten Ideen vielleicht radikal erscheinen mögen, bei näherer Betrachtung seien sie allerdings für eine öffentlich finanzierte und exzellente Forschungshochschule unvermeidbar: „This is something that demands and need will call for.” Der Grund dafür sei leicht nachzuvollziehen, denn Georgia Tech bewege sich innerhalb eines „iron triangle” der gleichzeitigen Forderungen nach „affordability, accessibility, and excellence”.
Im Zentrum der Vision einer erfolgreichen Forschungshochschule der Zukunft sei dabei der Abschied von konventionellen Berührungspunkten der Studierenden mit der Universität, an ihren Grenzen markiert durch Einschreibung und Examen. Statt dessen solle die Hochschule lebensbegleitender und integraler Bestandteile von Karrieren werden: „It is quite evident to us that, after graduation, students and learners everywhere will probably have 10 jobs, 10 professions.”
Die Universität solle zudem verstärkt zu Unternehmensgründungen beitragen und auch hier klingen die Ziele von Georgia Tech ehrgeizig: „Our goal is to spin out in the reasonably near future no less than 100 companies of students a year. They are beginning to commingle their education with their work, with their job, with their profession.”

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Sie finden die Zusammenfassung des CNE-Berichts hier .

Im Hinblick auf die Lehre sehen die Pläne von Georgia Tech eine starke Einbindung von künstlicher Intelligenz bei Entwicklung und Vermittlung drastisch individualisierter Lernprozesse vor. In der „Initiative 4” des CNE-Berichts heißt es: „The ‘Jill Watson’ experiment used the IBM Watson system as the basis for an artificially intelligent teaching assistant and was widely hailed as a breakthrough in both AI and educational technology. The opportunity now exists to augment ‘Jill’s’ skills to handle other tasks that are associated with personalized learning. A multifunction virtual tutor can be deployed to advisors, coaches, and even mentors located at distributed Georgia Tech locations around the world.”
Studierendenseitig, so ein Bericht auf Inside Higher Education, gäbe es derzeit allerdings auch eine Tendenz, Elektronik aus Hörsälen und Seminarräumen zu verbannen, um Ergebnisse in der Lehre zu verbessern. Es heißt: „Trevon Logan, a professor of economics at Ohio State [University], posted on Twitter this week that he had banned all electronics from his courses, with positive results.” Logan sei zu diesem Versuch durch einen Beitrag von Susan Dynarski in der New York Times angeregt worden, die entsprechende Forschungsergebnisse mit den Worten zusammengefasst hatte: „A growing body of evidence shows that over all, college students learn less when they use computers or tablets during lectures. They also tend to earn worse grades.”

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Sie finden den Beitrag von Dynarski hier .

Probleme auf der Zielgeraden
Inside Higher Education befasst sich in dieser Woche mit der Veröffentlichung einer Analyse von 300.000 Studienverläufen an 30 zweijährigen und 23 vierjährigen Hochschulen in den USA durch die Organisation Civitas Learning. In den Zahlen verberge sich eine wichtige Erkenntnis: „Civitas found that on average nearly one in five students who leave college without a degree complete 75 percent or more of the credit threshold for a degree before leaving. And one in 10 dropouts has reached at least 90 percent of the credit threshold.”
Es läge nahe, sich für eine merkliche Steigerung der Erfolgsquote an Hochschulen erst einmal diejenigen näher anzusehen, die reletiv kurz vorm Ziel das Studium abbrechen würden, und hier zitiert der Beitrag ein Beispiel aus Texas. Am Del Mar College in Corpus Christi seien sowohl Anträge zur Abschlussprüfung als auch erfolgreiche Prüfungen selber dramatisch angestiegen, nachdem man dort ein besonderes Augenmerk auf diejenigen gerichtet habe, die bereits 75% der für einen Abschluss notwendigen Studienleistungen erbracht hätten. 
Man sei systematisch vorgegangen und hätte mit einer Software die etwa 2.000 in Frage kommenden Studierenden entlang ihres bis dahin gezeigten Studienengagements in drei Gruppen eingeteilt: high-, middle- und low-persistence. Bei denen mit erkennbar hoher „Studienausdauer” habe ein ermutigendes Schreiben verbunden mit Hinweisen zur Anmeldung zur Prüfung den Zweck regelmäßig erfüllt, bei nur mittlerer Ausdauer seien Graduation Workshops mit einem der Graduation Coaches der Hochschule angeboten worden und bei den am wenigsten ausdauernd erscheinenden Studierenden hätten schließlich Graduation Coaches in Einzelgesprächen herausfinden können, welche Hindernisse auf dem Weg zu einem erfolgreichen Abschluss noch beiseite geräumt werden müssten. 
Die Erkenntnisse aus Corpus Christi seien dann aber auch nicht wirklich neu, denn in den allermeisten Fällen bauten sich im Laufe des Studiums entweder finanzielle, familiäre oder wegetechnische Schwierigkeiten als scheinbar unüberwindbare Hindernisse vor dem Abschluss auf und entsprechend gehe man an einigen Hochschulen vor: „A number of colleges have established emergency aid funding or turned to their foundations to help students come up with the small amounts of money they need to cover other financial, transportation or health issues they may encounter shortly before graduating.”

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Sie finden die Untersuchung hier .

Nach erfolgreichem Abschluss hätten Absolventen eines mit Darlehen finanzierten Bachelor-Studiums in den USA einem Beitrag der New York Times zufolge derzeit durchschnittlich $28.400 Schulden. Dies allein sei zwar noch kein Beinbruch, aber gemeinsam mit der Art und Weise, wie man in den USA Studienschulden zurückzahle, würden diese oft als „soul-crushing debt” empfunden. Das dies nicht so sein müsse, zeigten Beispiele aus anderen Ländern, etwa Australien, wo einkommensabhängig die Rückzahlungsraten gleich mit der Steuer von den Gehältern einbehalten würden. Aus einer Reihe von australischen Beileidsbekundungen für US-Amerikaner zitiert der Beitrag: „As an Australian, it has always confused me how complicated and brutal other countries’ loan repayment systems are. Here, the majority of people don’t even realize they’re paying off their student loan until their tax becomes a little lighter. I even know of a couple of American students who have moved to Australia for study because even as international students, it’s cheaper and simpler.”

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Verschärfen herkömmliche Unterrichtsmethoden Ungleichheiten?
Ein Beitrag des Chronicle of Higher Education befasst sich in dieser Woche mit dem Dilemma von Kelly Hogan, einer Biologieprofessorin an der University of North Carolina at Chapel Hill. Sie habe feststellen müssen, dass die von ihr angewandten traditionellen Lehrmethoden die hintergrundsabhängigen (sozial, ethnisch, ökonomisch und wie auch immer) Leistungsunterschiede bei ihren Studierenden tendenziell eher verschärften statt sie zu beheben. Statt – wie sonst eher üblich – die Unterschiede auf den Deckel unvermeidlicher Lebensumstände zu schreiben, habe sich Hogan des Problems als einem ihrer Unterrichtsmethodik angenommen, vor allem, weil die auch von ihr unterrichteten Einführungskurse zentrale Weichenstellungen in den beruflichen Karrieren ihrer Studierenden bedeuten würden. Es heißt: „She knew that introductory biology, which she taught to majors and nonmajors alike, was a gateway course. Students who got a D or an F in it were awfully unlikely to continue in STEM fields. Suddenly the underrepresentation of minorities in the sciences wasn’t some far-off phenomenon. It was something her own biology course, which she had labored over and taught to some 3,000 students by that point, was contributing to.”
Dank ihrer umfangreichen Lehraufgaben habe Hogan rasch ein Bild der Problematik gewinnen können. Weil sie zudem auch Lehrgänge zu wesentlichen Lerntechniken unterrichte, habe die Schlussfolgerung bald auf der Hand gelegen. Sie nenne es „inclusive teaching” und versuche derzeit vehement, ihre Kolleginnen und Kollegen von den Vorteilen zu überzeugen. „Inclusive teaching has two main components: putting more structure into a course, giving clear instructions so that all students know what to do before, during, and after class; and thoughtfully facilitating class discussion, so that everyone can participate.” Notizblock und Stift statt Textmarker, Engagement auch schüchtener Studierender, Techniken wie der „flipped classroom” (Lesen zu Hause und Einüben des gelesenen Stoffs im Klassenraum) und ein deutlicher Schwerpunkt auf Aktivitäten, Techniken also, die eigentlich nicht neu sind. Was den Ansatz von Hogan ausmache, sei eine vehemente und strukturierte Zusammenfassung erfolgversprechender Elemente zu einer nachvollziehbaren Strategie gegenüber ihren Studierenden. Es heißt: „She emphasized the habits of a successful student and focused on the importance of practice. She broke down the things students could do before, during, and after class to give themselves the best chances of performing well. Then she made those tasks mandatory, and a factor in students’ grades.”
Der Erfolg scheine ihr Recht zu geben: Hätten Latinos am Ende ihres Einführungskurses in Biologie vor der Einführung von „inclusive teaching” noch doppelt so häufig schwache oder ungenügende Noten erhalten wie ihre weißen Mitstudierenden, habe sich der Achievment Gap mittlerweile fast vollständig geschlossen.

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Kurznachrichten
Ein Beitrag auf „The Record” befasst sich mit der jüngst vorgelegten Studie „Reversing the Brain Drain: Where is Canadian STEM Talent Going?”, derzufolge ein Viertel der in Kanada in STEM-Fächern ausgebildeten Menschen ihre Arbeit im Ausland, vorwiegend in den USA fände, in Software Engineering sogar zwei Drittel. Gründe dafür seien die deutlich höheren Gehälter dort und der sehr gute internationale Ruf US-amerikanischer IT-Riesen. In einer Stellungnahme wird die Dekanin der School of Engineering an der University of Waterloo mit den Worten zitiert: „We all know we cannot tell a 23-year-old or 24-year-old where to go. Not even their parents can do that.” Alle Technologie-Zentren dieser Welt würden um dieselbe Gruppe von weltweit mobilem Talent im Wettbewerb stehen. Als solche Zentren nennt sie „London U.K., New York, San Francisco, Detroit, Beijing, Hong Kong und Singapore”.

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Die New York Times meldete am vergangenen Wochenende Spenden in Höhe von insgesamt $8,2 Mio. an verschiedene Einrichtungen in New York City, darunter das Hunter College der City University of New York (CUNY) und ein College Scholarship Fund. Ungewöhnlich sei dabei nicht die Höhe der Spendensumme, sondern deren Herkunft. Es heißt: „It was not donated by some billionaire benefactor, but by a frugal legal secretary from Brooklyn who toiled for the same law firm for 67 years until she retired at age 96 and died not long afterward in 2016.” 

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Inside Higher Education befasst sich in einem Beitrag mit der „Entdeckung” von wohlhabenden Frauen als möglichen Spenderinnen durch die Fundraiser von Hochschulen und schreibt: „Last month, Dartmouth College announced a fund-raising campaign targeted at women donors. It has a goal of raising $1 million apiece from 100 alumnae. The launch of the gender-specific campaign, which is part of the college’s overall $3 billion fund-raising campaign, reflects the growing ‘influence of women’s philanthropy,’ according to the college. It’s also an example of the increased recognition of a new and still largely untapped pool of money for institutions seeking to expand their donor base.”

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Die New York Times meldet den tausendfachen Protest von Baden-Württembergern gegen die ihrer Meinung nach zu schwierige Englisch-Prüfung im jüngsten Abitur. Allgemeine Beschwerden über zu hohe Leistungsanforderungen gehörten in Deutschland zwar zur Folklore, doch in diesem Fall gab es mit 36.000 Unterschriften sogar 2.000 mehr als im Ländle Abiturienten und sie richteten sich gegen die Verwendung eines Textauszugs aus „Call It Sleep” von Henry Roth aus dem Jahr 1936 mit vermeintlich archaischem Vokabular in der Prüfung. Das zuständige Kultusministerium versuche derzeit, die Gemüter zu beruhigen. Der Beitrag zitiert einen Bildungsexperten mit den Worten: „I urge the pupils to await their results – nobody’s going to get a whacking.”

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In den USA kennt man kein Abitur, doch gehört in jede Bewerbung um einen Studienplatz an einer selektiveren Hochschule der sogenannte „College Application Essay”. Die New York Times zeichnet seit Jahren einige solcher Essays durch eine Veröffentlichung in der Zeitung aus und präsentierte zuletzt fünf Aufsätze, die aus knapp 300 Einsendungen hervorragten. Die Auswahl ist vermutlich auch von einer darzustellenden Bandbreite der Generation von Studienanfängern geprägt, also ziemlich genau hälftig weiblich/männlich (eine Frau aus dem ländlichen Illinois wird mit den Worten eingeführt: „I always assumed my father wished I had been born a boy.”) und mit Migrationshintergründen aus Asien, Afrika und Lateinamerika. Mit einem sehr dankbaren Blick auf die soeben mit Hilfe der Familie in den USA absolvierte Oberschule und das, was ihn nun an Harvard erwartet, schreibt Eric Ngugi Muthondu: „The rift between high school and college is wide, but it is one I must cross for those who have carried me to this point. The same hope that carried my parents over an ocean of uncertainty is now my fuel for the journey toward my future, and I go forward with the radical idea that I, too, can make it.”

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In der kanadischen Provinz Nova Scotia, so eine Meldung auf CBC News, steige derzeit wegen hoher Studienkosten der Bedarf an Lebensmittelspenden für Studierende über das an den Food Banks der Hochschulen bestehende Angebot hinaus. Es heißt: „Food has become the necessity that many students can’t afford as their money is used up paying tuition, buying books and covering the cost of housing. It’s a trend that's led to a jump in the number of students using food banks at universities across the province, according to the Canadian Federation of Students.”

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Immer mehr Hochschulpräsidenten in den USA, so ein Beitrag im Chronicle of Higher Education, seien „nontraditional”, also keine akademischen Eigengewächse. Zum Anforderungsprofil heißt es: „A college president’s job (...) demands the zeal of an inspirational leader, the acumen of a corporate executive, the folksy touch of a small-town mayor. It also forces leaders to steer a course tempered by the unruly democracy of shared governance.” Gelegentlich kämen noch weitere, eher extracurriculare Anforderungen hinzu, wie zuletzt Sylvia M. Burwell als neue Präsidentin der American University habe erfahren müssen. Während der Halbzeitpause eines Basketballspiels zwischen den American Eagels und den Bucknell Bisons hätte sie ein paar Freiwürfe verwandeln sollen, was zu erwarten mit Hinblick auf ihren ehemaligen Kabinettsposten in der Obama-Administration zumindestens nicht völlig abwegig gewesen wäre. Sie habe jedoch einräumen müssen: „I didn’t take enough time to practice.”

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Dr. Nina Lemmens
Stefan Altevogt, Katrin Kempiners, Redaktion

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