Dieser Newsletter informiert deutschsprachige Leser über aktuelle Entwicklungen und Trends im Hochschulwesen der USA und Kanada. | |
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Die Themen dieser Woche:
- Hochschulfinanzen
- Verzicht auf Hochschulabschluss als Einstellungsvoraussetzung?
- Kein Licht am Ende des Tunnels
- Kurznachrichten
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Liebe Leserinnen und Leser,
wir befassen uns dieser Ausgabe mit den vor allem in den Niederungen der US-amerikanischen Hochschullandschaft nicht immer einfachen Finanzen und mit der Forderung, einen Hochschulabschluss als Einstellungsvoraussetzung bei vielen Stellen zu überdenken und möglicherweise darauf zu verzichten. Wir werfen zudem einen Blick auf neue Einschreibungszahlen an US-Hochschulen und Afrika als einem noch weitgehend ungenutzten „Markt“ für internationale Studienangebote und – wie immer – auf verschiedene Kurzmeldungen.
Ich wünsche eine interessante Lektüre.
Herzliche Grüße,
Stefan Altevogt
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In einem Bericht zu den Auswirkungen des „Higher Education Emergency Relief Fund (HEERF)“ fasst das US-amerikanische Bildungsministerium den Umfang der staatlichen Beihilfen für Studierende während der Pandemie zusammen und schreibt: „Nearly half of all students who were enrolled at HEERF-eligible institutions received emergency financial aid. (...) In 2021, institutions distributed a total of $19.5 billion in Emergency Financial Aid Grants to 12.7 million students.“
Ohne die öffentliche Unterstützung hätten viele der Hochschulen im Frühjahr 2020 weder die technischen Voraussetzungen für den Umstieg auf virtuelle Unterrichtsformate finanziell stemmen können, noch die Voraussetzungen dafür schaffen können, schrittweise wieder in Präsenzformate zu wechseln. Viele der Studierenden, vor allem Empfänger einkommensabhängiger Beihilfen wie Pell Grants, hätten ohne HEERF-Mittel ihr Studium nicht weiter finanzieren können und an 1.400 Hochschulen seien insgesamt knapp $1,5 Mrd. zu Stundung nicht bezahlter Studiengebühren ausgegeben worden. Es heißt: „The overwhelming majority of institutions indicated that HEERF helped students stay enrolled by providing emergency aid and access to technology needed for distance learning, made it possible to keep costs for students at pre-pandemic levels, and helped institutions invest in necessary safety precautions such as testing and vaccines.“
Sie finden den Bericht hier.
Der Chronicle of Higher Edcuation fragt, was passieren werde, wenn die Covid-Sondermittel des Bundes für die Hochschulen spätestens im Juli dieses Jahres auslaufen würden, und ob sich die Hochschulen dann noch viele der Programme würden leisten können, mit denen Studierende in den vergangenen zweieinhalb Jahren hätten immatrikuliert gehalten werden können. Der Beitrag beziffert die Gesamtsumme der föderalen Covid-Hilfen für die Hochschulen und für über 18 Mio. Studierende auf $76 Mrd. Es heißt: „For more than one-third of colleges, Covid-relief funding accounted for over 4 percent, or millions of dollars in adjusted operating revenue in the 2021 fiscal year, according to a report by S&P Global Ratings.“
Sie finden den Beitrag hier.
Gute Nachrichten kommen unterdessen von der State Higher Education Executive Officers Association (SHEEO), die in ihrem jüngsten Bericht zum finanziellen Engagement der US-Bundesstaaten in der Hochschulbildung vermelden kann, dass in Summe der von Bundesstaaten aufgewandten Mittel für Hochschulen im laufenden Fiskaljahr 2023 um 6,6% gegenüber dem Vorjahr auf nun $112,3 Mrd. angewachsen seien. Es heißt: „It’s the second time state support for higher education has topped $100 billion.“
Knapp die Hälfte der Mittel seien an vierjährige Einrichtungen geflossen, 22% an zweijährige Hochschulen, 13,2% seien für Studienförderung ausgegeben worden und die verbliebenen 11,4% für Forschung und Betrieb von Medical Schools. Abweichend von diesen Durchschnittszahlen seien in 14 Bundesstaaten die Zuwächse zweistellig gewesen, darunter Mississippi (+26,6%), New Mexico (+23.5%), Tennessee (+22,1%) und Arizona (+19,8%), aber in fünf Bundesstaaten habe es auch Einschnitte gegeben, etwa in Connecticut um 9,2%.
Sie finden die Zahlen hier.
Auf Inside Higher Education sieht man in den jüngsten Zahlen ein Zeichen wieder stabilisierter Haushalte der Bundesstaaten und einem entsprechend stabilen Engagement für ihre öffentlich finanzierten Hochschulen. Es heißt: „Taking these most recent data into account, state support has increased 27.5 percent nationally in the past five years, without accounting for inflation.“
Sie finden die Meldung hier.
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Verzicht auf Hochschulabschluss als Einstellungsvoraussetzung? | |
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In einer der reichsten Nationen der Welt habe sich laut New York Times in den letzten Jahrzehnten der Weg in den Mittelstand und entsprechend zu relativem Wohlstand dramatisch vor allem für diejenigen verengt, die keinen Hochschulabschluss hätten. Mehr als 62% der Amerikaner im Alter von über 25 Jahren besäßen danach keinen Bachelor-Abschluss, obgleich die Einkommenskluft zwischen College-Absolventen und Menschen ohne Hochschulabschluss zuletzt mit $22.000 pro Jahr die größte seit Beginn der Erfassung solcher Zahlen durch Federal Reserve Bank of New York im Jahr 1990 gewesen sei. Die Gleichzeitigkeit dieser Kluft mit der schwindenden Erschwinglichkeit eines Studiums habe bei Millionen von Menschen zu Angst, Verbitterung und einem Gefühl der Entfremdung gegenüber einer Wirtschaft geführt, die sie nicht mehr wertschätze.
So wichtig es auch sei, Hochschulbildung wieder erschwinglicher zu machen, so wichtig seien auch andere Strategien, die Einkommenskluft zwischen Bachelor- und Oberschulabschluss wieder zu verringern. Hier habe der Bundesstaat Pennsylvania nun einen Weg beschritten, der ähnlichen Änderungen (im vergangenen Jahr) in Maryland und Utah folge. Per Erlass habe der neue Gouverneur in Pennsylvania, der Demokrat Josh Shapiro, jetzt den Bachelor-Abschluss als Einstellungsvoraussetzung die überwiegende Mehrheit der Stellen im öffentlichen Dienst der Landesregierung abgeschafft.
Der Beitrag räumt ein, dass die Realitäten eines derzeit sehr angespannten Arbeitsmarktes mit einer Arbeitslosigkeit in Pennsylvania von 3,9% und 3,5% im nationalen Durchschnitt Entscheidungen erheblich erleichtern würden, nicht einfach nur auf Abschlusszeugnisse zu schauen, sondern auch berufliche Erfahrungen als Gunstfaktor anzuerkennen. Aus dem Erlass Shapiros werden dazu die Worte zitiert: „In the modern labor market, applicants gain knowledge, skills and abilities through a variety of means, including apprenticeships, on-the-job training, military training and trade schools.”
Der Beitrag geht auch auf die Aktivitäten der 2015 gegründeten Organisation „Opportunity@Work“ ein, wo man schätze, dass rund die Hälfte der US-amerikanischen Erwerbstätigen ihre beruflichen Fähigkeiten nicht über einen Bachelor-Abschluss erworben hätten, sondern auf alternativen Wegen wie Ausbildung, Militärdienst, in Zertifikatsprogrammen und einfach durch Training am Arbeitsplatz. Würden Arbeitgeber diesen Talent-Pool ungenutzt lassen, hätten wie nach Ansicht der Organisation vielleicht eine Strategie, aber allenfalls eine halbe.
Würden die USA keine Wege finden, in größerem Umfang ihre Talente zu nutzen, würde nicht nur die Bewältigung drängender gesellschaftlicher Probleme schwieriger, sondern die Teilung der Gesellschaft noch tiefer, denn mittlerweile sähen viele Amerikaner Gesellschaft und Wirtschaft als zutiefst ungerecht an. Beide seien darauf ausgerichtet, die Bedürfnisse gut vernetzter Eliten zu befriedigen und denjenigen mehr Vorteile zu bieten, die studiert hätten oder wüssten, wie das System funktioniere. Und zu Viele hätten das Gefühl, dass die Politik sich nicht um sie kümmere.
Im privaten Sektor seien bei großen Firmen wie General Motors, Bank of America, Google, Apple und Accenture bereits Schritte in Richtung einer besseren Integration von Menschen ohne Hochschulabschluss (Bachelor) zu erkennen. Wegweisend sei hier die Entscheidung von IBM, für etwa die Hälfte der offenen Stellen in den USA ist keinen vierjährigen Abschluss mehr zu verlangen. Laut eines 2022 veröffentlichten Berichts der Harvard Business School und Emsi Burning Glass, einem Unternehmen für Arbeitsmarktdaten, konzentriere sich dieser Trend auf Stellen mit mittlerem Qualifikationsniveau, die eine gewisse Ausbildung über das Oberschulniveau hinaus erforderten. Solche Arbeitsplätze hätten lange Zeit als ein wichtiges Sprungbrett in die Mittelschicht gedient.
Sie finden den Beitrag hier.
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Kein Licht am Ende des Tunnels | |
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Das National Student Clearinghouse Research Center (NSCRC) hat neue Zahlen zu Einschreibungen an US-amerikanischen Colleges und Universitäten herausgegeben, denen zufolge sich im Herbst 2022 gegenüber dem Vorjahr die Zahl der Neueinschreibungen „nur noch” um 94.000 bzw. 0,6% verringert und die Zahl der Einschreibungen in Undergraduate Programmen insgesamt 0,7% unter der des Vorjahres gelegen habe. In den Graduate Programmen, während der Pandemie noch ein Lichtblick, seien die Einschreibungszahlen um 1,2% gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen. Im Gesamtblick bedeute dies: „Postsecondary enrollment remains well below pre-pandemic levels, down about 1.23 million undergraduates and 1.11 million total enrollment, both undergraduate and graduate, compared to fall 2019.”
Sie finden die Zahlen hier.
Ein Beitrag zu den Zahlen gibt sich im Chronicle of Higher Education denn auch pessimistisch und hält es für unwahrscheinlich, dass das Niveau der Studierendenzahlen von vor der Pandemie wieder erreicht werden könne. Es heißt: „The odds of a bounce-back to pre-pandemic levels are still remote. Since the pandemic began, undergraduate and total enrollment have each dropped by more than a million students.“
Der Beitrag geht auch auf die fachbezogene Entwicklung der Einschreibungszahlen ein und stellt fest, dass von den fünf wichtigsten Hauptfächern an vierjährigen Hochschulen nur BWL ein Wachstum (+1,2%) zu verzeichnen gehabt hätte, während die anderen vier (health professions, liberal arts and sciences, biological and biomedical sciences, engineering) mehr oder weniger rückläufig gewesen seien. Weiter heißt es: „Some of the other majors that saw gains: computer science at 10.7 percent; natural resources and conservation at 3 percent; visual and performing arts at 1.7 percent; agriculture at 1.4 percent; and psychology at 1.1 percent.“
Sie finden den Beitrag hier.
In ihrem Internationalisierungs-Blog „Latitudes” geht Karin Fischer im Chronicle of Higher Education der Frage nach dem Rekrutierungspotenzial für US-amerikanische Hochschulen in Westafrika nach und schreibt: „It’s customary for places like China and India to grab headlines about overseas-student recruitment, but when the Common App released its latest data this month, two of the leading countries for international applicants were in a very different part of the world: West Africa.“
Nigeria und Ghana rangierten bei den Bewerbungen an US-Colleges über Common App nur noch hinter den beiden traditionellen Schwergewichten. Weil Bewerbungen aus China, lange Zeit wichtigster Motor steigender Immatrikulationen internationaler Studierender an US-Hochschulen, zuletzt deutlich rückläufig seien, dränge sich die Frage auf, in welchen Regionen dieser Welt neben Indien noch Entwicklungspotenziale für die Rekrutierung internationaler Studierender an US-Hochschulen bestünden. Könnte es Afrika sein?
Dieser Frage nachgehend habe Fischer im vergangenen Herbst eine Woche lang Rekrutierer von acht öffentlich finanzierten Hochschulen der Southeastern Conference auf einer Reise nach Ghana und Senegal begleitet. Sie beschreibt ihre Eindrücke mit den Worten: „In many ways, Africa holds great promise for American colleges: It is home to more young people than anywhere else in the world, with 60 percent of the continent’s 1.25 billion people under age 25. Education rates have improved significantly; almost half of sub-Saharan teenagers now complete secondary school, up from just a quarter two decades ago. When I asked my travel companions about their impressions, one of their biggest takeaways was how bright and academically ambitious the students we met were.“
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Inside Higher Education meldet die bevorstehende Schließung des Presentation College in South Dakota und schreibt: „The small private institution is closing due to enrollment challenges and other issues exacerbated by COVID-19. Some higher education experts expect more closures to follow.”
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Ein Beitrag auf den Bildungsseiten der New York Times befasst sich mit dem politischen Kalkül hinter den jüngsten Angriffen des Gouverneurs des US-Bundesstaats Florida, Ron DeSantis, auf Bildungsinhalte an öffentlich finanzierten Schulen und Hochschulen und bemerkt, dass es sich bei den Maßnahmen in erster Linie um eine Profilbildung im Hinblick auf seine erwartete Bewerbung um die republikanische Präsidentschaftskandidatur für die Wahl in 2024 handele. Mit Blick auf die jüngsten Gouverneurswahlen in Florida scheine das Kalkül offensichtlich aufzugehen: „His pugilistic approach was rewarded by voters who re-elected him by a 19 percentage-point margin in November.“ Mit Blick auf den bevorstehenden und vor allem mit nationalen Themen geführten Präsidentschaftswahlkampf heißt es: „Not since George W. Bush ran in 2000 to be ‘the education president‘ has a Republican seeking the Oval Office made school reform a central agenda item. That may have been because, for years, Democrats had a double-digit advantage in polling on education.”
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Ein Beitrag auf Inside Higher Education spekuliert darüber, auf welchen Wegen das Student Loan Forgiveness Program der US-Regierung vor dem Supreme Court Bestand haben könne, dann nämlich, wenn den Klägern gegen die angekündigte Stundung von Studienschulden in Höhe von bis zu $20.000 je Schuldnern das Klagerecht abgesprochen würde, weil sie von den Maßnahmen der Bundesregierung nicht maßgeblich betroffen seien. Es heißt: „The Supreme Court will hear oral arguments Feb. 28, and whether the parties have standing to challenge the debt-relief plan will be one of the two questions before the justices. Experts say they will be listening for how much of the questioning focuses on the different theories of standing that have been outlined in court filings as a way to see which way the court is leading.”
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