24.01.2022
Nordamerika Nachrichten
Dieser Newsletter informiert deutschsprachige Leser über aktuelle Entwicklungen und Trends im Hochschulwesen der USA und Kanada.
Die Themen dieser Woche:
  • Hochschulfinanzierung in Kanada und Bedeutung internationaler Studierender
  • Die US-amerikanische Hochschullandschaft und fünf künftige Realitäten
  • RateMyProfessor: Das besondere Verhältnis zwischen Fakultäten und Studierenden
  • Kurznachrichten
Liebe Leserinnen und Leser,
 
wir befassen uns in dieser Ausgabe mit jüngsten Zahlen zur Hochschulfinanzierung in Kanada und der Bedeutung internationaler Studierender darin und mit einer Prognose zur Veränderung der US-amerikanischen Hochschullandschaft. Wir werfen zudem einen Blick auf das besondere Verhältnis zwischen Fakultäten und Studierenden an nordamerikanischen Hochschulen und – wie immer – auf verschiedene Kurzmeldungen.
 
Ich wünsche Ihnen eine interessante Lektüre, Gesundheit, Geduld und Zuversicht.
 
 
Stefan Altevogt
Hochschulfinanzierung in Kanada und Bedeutung internationaler Studierender
Statistics Canada hat unter der Überschrift „Trends in private and public funding in Canadian colleges, 2019/2020“ Zahlen zur Entwicklung der Einnahmen kanadischer Hochschulen veröffentlicht, die sich im Betrachtungszeitraum in Summe auf Can13,3 Mrd. belaufen hätten. Seit 2008/2009 seien die Einnahmen relativ stabil geblieben und hätten sich etwa im Rahmen der allgemeinen Preisentwicklung bewegt. Einnahmeentwicklungen oberhalb der Inflationsrate habe es mit +3,3% zuletzt in den beiden Hochschuljahren 2001/2002 und 2007/2008 gegeben.
Die Rolle der öffentlichen Hand bei der Hochschulfinanzierung nähme kontinuierlich ab: Zwischen 2008/2009 und 2019/2020 sei dieser Anteil im Landesdurchschnitt von 67% auf 54,7% gesunken, was die öffentliche Hand aber immer noch die wichtigste Finanzquelle für die Hochschulen bleiben ließe. Gleichzeitig seien die Einnahmen aus Studiengebühren in ihrer Bedeutung für die Finanzierung der Hochschulen gestiegen und zwar von knapp 20% im Studienjahr 2008/2009 auf gut 34% im Jahr 2019/2020. Zu diesem Anstieg heißt es: „The share of revenues from student fees (...) was driven mainly by the increase in enrolments of international students in colleges across the country.”
Die Bedeutungszunahme von Studiengebühren internationaler Studierender für die Finanzierung kanadischer Hochschulen lässt sich auch an der ungleichen Entwicklung in den verschiedenen kanadischen Provinzen erkennen: In den Provinzen, in denen es sich die öffentliche Hand dank der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der dortigen Hochschulen den Rückzug aus ihrer Finanzierung „leisten kann“, ist er überdurchschnittlich ausgefallen, nämlich in Ontario zwischen 2001/2002 und 2019/2020 von 52% auf 32% bei den Colleges und von 45% auf 35% bei den Universitäten. In British Columbia lagen die Vergleichszahlen bei 64% auf 49% bzw. 56% auf 45%.
Quebec, das aufgrund seiner frankophonen Hochschullandschaft einen Nachteil bei der Vermarktung von Studienangeboten für eine weitestgehend anglophone „Kundschaft“ hat, ist der öffentliche Finanzierungsanteil bei den Colleges zwischen 2001/2002 und 2019/2020 von 83% auf 86% gestiegen und bei den Universitäten bei etwa 65% fast konstant geblieben.
Etwas überspitzt könnte man also sagen, dass sich die internationale Wettbewerbsfähigkeit von Studienstandorten am Maß ablesen lässt, mit dem sich die öffentliche Hand aus der Hochschulfinanzierung zurückziehen kann, ohne die Hochschulen in den Bankrott zu treiben. So gesehen sind die jüngsten Zahlen von Statistics Canada für einige Provinzen des Landes sehr gute Nachrichten.
 
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Ein Beitrag in den University Affairs mahnt allerdings, dass internationale Studierende noch etwas Anderes seien als nur „cash cows“, also „Milchkühe“ für die Hochschulen, und dass der zeitweilige Rückgang der Zahlen internationaler Studierender in Kanada infolge von Covid-19 noch einmal ihre Bedeutung hat deutlich werden lassen. Der Beitrag zitiert dabei Zahlen von Statistics Canada, denen zufolge die durchschnittlichen Studiengebühren für internationale Undergraduates in Kanada im laufenden Studienjahr bei knapp $34.000 lägen, und er zitiert die Worte: „Increasingly, postsecondary institutions have relied on income from international students as part of their revenue stream.“
Über ihre Deckungsbeiträge zu den Hochschulkosten hinaus repräsentierten internationale Studierende ein sehr großes Potential für die kanadische Volkswirtschaft insgesamt und sollten entsprechend noch besser behandelt werden, etwa durch besseren Zugang zu aus öffentlichen Mitteln finanzierten Förderprogrammen und durch „pathways to permanent residency“, also erkennbare Verfahrenswege, im Land bleiben und arbeiten zu können. Dies sei in den Internationalisierungsstratregien der kanadischen Regierung und in den sehr professionellen Bemühungen um Rekrutierung internationaler Studierender sehr gut zu erkennen, aber bei den entsprechenden Weichen- und Hilfestellungen für die bereits aus dem Ausland rekrutierten Studierenden paradoxerweise noch nicht so klar ersichtlich. Es heißt: „while universities are becoming increasingly dependent on the financial contribution of international students, by not supporting them in a more robust way, the country as a whole may be missing out on much more.”
 
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Die Brock University in der kanadischen Provinz Ontario möchte mit einer planbareren Struktur ihrer Studiengebühren das Studium für internationale Studierende erschwinglicher machen und verspricht gleich zu Studienbeginn verlässliche Auskunft darüber, was die Studienjahre zwei bis vier und notfalls auch fünf kosten werden. Es heißt auf der Webseite der Universität: „To provide greater budget certainty for a Brock education for students around the world, the University is introducing a new tuition structure that will see international students pay the same amount as their first-year tuition through their whole undergraduate studies.”
 
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Die US-amerikanische Hochschullandschaft und fünf künftige Realitäten
In einem Beitrag für Inside Higher Education prognostizieren Arthur Levine (Hochschulforscher an der New York University) und Scott Van Pelt (Wharton School of Economics der University of Pennsylvania), dass sich die Veränderungen der US-amerikanischen Hochschullandschaft (und damit vermutlich auch die Hochschulbildung außerhalb der USA) vor allem erst einmal an deren Rändern abspielen werde und dass man sich künftig auf die folgenden fünf Realitäten einzustellen habe, „none of which are higher education‘s own making”:
 
  1. Neue Anbieter und „Distributors“ von Hochschulbildung würden sich auf dem Bildungsmarkt zeigen, den Wettbewerb zwischen den Anbietern und damit die Marktmacht der Nachfrager erhöhen, was dann Druck auf die Preise ausüben würde. Diese neuen Marktteilnehmer „will emphasize digital technologies, reject time- and place-based education, create low-cost degrees, offer competency- or outcome-based education, and award nontraditional credentials. (...) They are also cheaper and more agile than traditional colleges and universities, which are more likely to experience contractions and closings.”
  2. Mit der steigenden Marktmacht der Nachfrager nach Hochschulbildung werde die institutionelle Macht von Hochschulen schwinden, vor allem in den Bereichen, in denen eine international aufgestellte Wissens- und Informationsgesellschaft eine Vielzahl neuer Quellen von Informationsangeboten erzeuge. Auf Hochschulbildung übertragen bedeute dies: „The digital revolution will put more power in the hands of the learner who will have greater choice about all aspects of their own education.”
  3. Mit der Entwicklung des Internets und den Plattformen der Konsumenten gehe in der Unterhaltungs- und Informationsindustrie eine „Ent-Bündelung“ der Angebote einher. Ähnliches werde auch in der Bildungslandschaft stattfinden, nämlich: „College and universities will increasingly have to unbundle their programs and services so students can purchase at affordable prices only what they need or want to buy.”
  4. Wissensbasierte Gesellschaften würden zunehmend Wert auf die konkreten Resultate von Bildung legen und weniger auf den Prozess der Wissensvermittlung: „In the future, higher education will focus on the outcomes we want students to achieve – what we want them to learn – not how long we want them to be taught.”
  5. Entsprechend würde schließlich die Bedeutung von Bildungsabschlüssen nachlassen, die nach der für sie benötigten Zeit bemessen und eher mit „just-in-case“ als mit einer konkreten Berufsqualifikation begründet würden. An die Stelle eines „just-in-case“ würde ein „just-in-time“ treten, eine Ausbildung entlang beruflicher Anforderungen im Sinne eines „life-long learning“. Es heißt: „The increasing need for upskilling and reskilling caused by automation, the knowledge explosion, and the pandemic will tilt the balance toward more educational programs that are closely aligned with the labor market and provide certificates, micro-credentials, and badges – not degrees.”

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RateMyProfessor: Das besondere Verhältnis zwischen Fakultäten und Studierenden 
Durch hohe Studiengebühren, sei es die auf den Preisschildern vermerkten „sticker prices“ oder die nach Abzug möglicher Rabatte und Förderungen tatsächlich gezahlten „net prices“, bekommt das Verhältnis von Studierenden in den USA und Kanada zu ihren Professorinnen und Professoren verständlicherweise einen auch monetären Aspekt und Studierende betrachten sich – zu Unrecht oder nicht – als Kunden von Dienstleistungen der Hochschulen und ihrer Angestellten. Als Königin bzw. König schätzen sie entsprechend das öffentliche Interesse an ihren jeweiligen Meinungen zur Qualität der erbrachten Dienstleistungen als hoch bis sehr hoch ein und veröffentlichen ihre Meinungen auf Webseiten wie „RateMyProfessor“, nicht, weil sie hohe Ansprüche hätten und gerne nörgeln würden, sondern vor allem um die Qualität der Hochschulen und der Lehre an ihnen zu verbessern und ihre Kommilitonen und künftige Studierende vor schlechten Studienerfahrungen zu bewahren.
In einem Beitrag auf Inside Higher Education räumt die Englischprofessorin Susan Muaddi Darraj ein, dass Fakultätsmitglieder Webseiten wie „RateMyProfessor“ auf der einen Seite verabscheuten und nicht einmal zu ignorieren behaupteten, sich auf der anderen Seite aber dem Einfluss der Webseite kaum entziehen könnten und sich in stiller Stunde die mitunter fundamentalkritischen Kommentare anschauen würden. Darum appelliert sie an die Kritikerinnen und Kritiker, ihre Kritiken möglichst gut zu formulieren und beschreibt die wesentlichen Anforderungen an eine in ihren Augen gute Kritik auf „RateMyProfessor“. So soll vor allem erkennbar werden, warum die Kritik geäußert wird, also in größtmöglicher Prägnanz mit durchgängiger Großschreibung und einer gehörigen Portion Altruismus, also zur Warnung an nachfolgende Studierendengenerationen.
Nicht weniger wichtig sei das Verbergen der Quelle der Kritik. Das sollten Kritikerinnen bzw. Kritiker wirklich ernst nehmen und entsprechend den eigenen Sprachduktus verschleiern. Hinweise auf tatsächlich entstandene Meinungsverschiedenheiten etwa zu Grenzen des Plagiarismus könnten da entlarvend wirken und die Intention der Kritik untergraben.
Professorinnen und Professoren seien eben nicht nur fachliche Vor- und Leitbilder, sondern auch allgemein menschliche, also zum Beispiel modische. So gehörten natürlich Einschätzungen zum Erscheinungsbild mit auf die Scorecards, Bemerkungen wie: „Professor dresses like a weirdo – what’s up with the blazers? Shoulder pads are sooooo ’90s. (...) Hello – the ’70s called and they want their Birkenstocks back.”
Auch sollten die Kritiker positive Einträge auf „RateMyProfessor“ genau studieren und diesen widersprechen, handele es sich bei ihnen ja lediglich um Meinungen. Die gegenteilige Meinung des Kritikers bzw. der Kritikerin bekomme dann vor allem dadurch ein riesiges Gewicht, dass man versichere, wirklich für das Bildungsangebot des Kritisierten gebrannt zu haben und entsprechend grandios enttäuscht worden zu sein.
Damit die Welt künftig eine bessere werde, solle der Kritiker bzw. die Kritikerin mit der Empfehlung schließen, die Professorin bzw. der Professor möge doch bitte seinen Beruf an den Nagel hängen:
„That’ll really burn them up.”
 
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Kurznachrichten
In einem offenen Brief, so eine Meldung des Chronicle of Higher Education, forderten 111 Studierendenvertreter, die eigenen Angaben zufolge 1,4 Mio. Studierende repräsentierten, von US-Präsident Joe Biden die Stundung aller dem Bund geschuldeten Studiendarlehen mittels einer Executive Order. Es heißt: „While Biden has said he would cancel $10,000 in federal student debt for each borrower, more than a year into his term he hasn’t followed through.”
 
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Inside Higher Education meldet Pläne der Thunderbird School of Global Management an der Arizona State University, kostenlose Online-Bildungsangeboten in 40 Sprachen entwickeln und anbieten zu wollen, mit denen man bis 2030 weltweit 100 Mio. Studierende erreichen wolle, 70% davon Frauen. Es heißt: „The program was announced by the university Thursday and will be funded by a $25 million alumni gift matched by in-kind donations from the business school and the university, which will bring the business school at least halfway to the $100 million goal for launching the program across the next two years.”
 
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Die University of Ottawa hat einer Meldung von Nation Talk zufolge Forschungsmittel der LEGO-Stiftung in Höhe von Can$2,7 Mio. erhalten, um Spiele-basiertes Lernen und Lehren noch besser in Bildung zu integrieren. Ziel sei es, „to establish a Canadian network of schools using play-based learning and teaching to advance achievement and improve the well-being of students in high-need populations.”
 
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Inside Higher Education meldet den Rückzug des umstrittenen Entwicklungspsychologen Jordan Peterson von seiner Professur an der University of Toronto und schreibt: „Peterson has gained millions of fans as a YouTube personality, self-help writer and podcaster over the last decade, preaching the patriarchy (...). Many fans also appreciate Peterson’s criticisms of what he calls ‘compelled speech’, such as being expected to use someone’s preferred gender pronoun (...).”
 
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