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Auf Inside Higher Education warnt der Präsident der Temple University, Jason Wingard, mit eindringlichen Worten vor einer Krise der US-Hochschullandschaft und überschreibt seinen Beitrag mit: „Higher Ed Must Change or Die“. Er nimmt ein 2011 verfasstes Memo des damaligen CEO der finnischen Telekommunikationsfirma Nokia, Stephen Elop, an alle Mitarbeiter der Firma zur Vorlage des Krisenbilds einer brennenden Förderplattform, bei der die Alternative nur noch sei, zu verbrennen oder 35 Meter hinunter in die kalte Nordsee zu springen. Wir erinnern uns: Nokia, Ende der 1990er Jahre weltweit noch dominant auf dem Markt für Handys und später Smartphones, war durch eine Mischung aus Selbstzufriedenheit und fehlenden Zukunftsvisionen in eine Krise geraten und musste seine Mobilphone-Sparte 2014 an die Firma Microsoft verkaufen, musste – um im Bild zu bleiben – also in die Nordsee springen, um nicht zu verbrennen.
Diese Mischung aus Selbstzufriedenheit und fehlenden Zukunftsvisionen sieht Wingard auch in der US-Hochschullandschaft und möchte mit seinem Beitrag einen entsprechenden Weckruf verbreiten. Er schreibt: „I hope that every university and college president and administrator, across the country, sees this op-ed as my version of a burning platform memo.“ Dass es wirklich brennt, belegt Wingard mit den folgenden Zahlen: Zwischen Frühjahr 2021 und Frühjahr 2022 sei die Zahl der an US-Hochschulen eingeschriebenen Studierenden um 4,1% zurückgegangen, verglichen mit dem Frühjahr 2020 sogar um 7,4%, umgerechnet also 1,3 Mio. Studierende weniger. Für jede Firma sei ein Kundenverlust in solchem Umfang existenzbedrohend.
Ja, Covid und die allgemeine demografische Entwicklung hätten wohl eine Rolle gespielt, doch solle man sich nicht darüber hinwegtäuschen, dass eine viel bedeutsamere Entwicklung die eigentliche Gefahr für die Hochschulen darstelle, nämlich die deutlich sinkende Wertschätzung eines Hochschulabschlusses insgesamt. Er schreibt mit Verweis auf sein jüngstes Buch (The College Devaluation Crisis: Market Disruption, Diminishing ROI, and an Alternative Future of Learning, Stanford University Press): „In 2017, while serving as dean of Columbia University’s School of Professional Studies, I noticed a startling trend. Top employers in the New York City metropolitan area were no longer recruiting our undergraduate and graduate students with the same vigor and frequency. Rather, they were after students in Columbia University’s high school program.”
Wenn Arbeitgeber schon keinen Wert mehr auf einen Hochschulabschluss als Einstellungsvoraussetzung legten und statt dessen lieber Oberschulabsolventen zu deutlich geringeren Kosten einstellten und ihnen die fehlenden „Skills“ mit eigener Ausbildung oder professionellen Mikro-Zertifikaten vermittelten, warum sollten dann junge Menschen noch einsehen, sich für einen zwei- oder vierjährigen Hochschulabschluss zu verschulden?
Wingard hebt an dieser Stelle hervor, dass er persönlich als Nachkomme ehemaliger Sklaven nicht vom Wert von Bildung allgemein überzeugt werden müsse, ja, dass für ihn eine möglichst breite Bildung als Königsweg sozialer und persönlicher Erfüllung selbstverständlich sei. Er fährt fort: „But, despite this, I truly do worry that we are standing on a burning platform.“
Dann weicht er allerdings vom Bild des Nokia-CEOs ab, indem er eine Handlungsalternative zu „Verbrennen vs. in die Nordsee springen“ entwickelt, nämlich die Löschung des bedrohlichen Feuers. Diese Löschmaßnahmen müssten sich vor allem auf die Wiederherstellung eines allgemeinen Konsenses konzentrieren, dass Hochschulbildung und nur Hochschulbildung das Ticket für ein ökonomisch und menschlich erfülltes Leben sei. Das erfordere kontinuierliche Arbeit: „The key to retaining the value of a degree from your own institution is ensuring your graduates have the skills to change with any market. This means that we must tweak and adapt our curriculum at least every single year.“
Die andere wesentliche Löschmaßnahme betreffe die Erschwinglichkeit eines Studiums und hier sollten die Hochschulen endlich aufhören, mit dem Finger auf die Politik zu zeigen und von ihr zu fordern, dass sie für mehr Erschwinglichkeit sorge. Hochschulen müssten es selber tun, so wie es zum Beispiel Rutgers University mit ihrem Programm „Scarlet Guarantee“ tue, das geeignete Studienbewerber aus Familien mit Jahreseinkommen von unter $65.000 von Studiengebühren befreit. Statt darauf zu pochen, die Sätze der Pell Grants zu erhöhen, müssten sich Hochschulen darum bemühen, ein Studium mit den bestehenden Sätzen der Pell Grants auch für einkommensschwache Studierende zu ermöglichen. Das sei derzeit noch bei weitem nicht der Fall: „Just 23 percent of four-year public colleges are affordable for a student with an average-sized Pell Grant, according to the National College Attainment Network’s analysis; do you think that number will go up or down in the years to come?“
Wenn sich diese Zahl dank der Bemühungen der Hochschulen in die richtige Richtung bewege, würde dem Feuer auf der Plattform die Nahrung genommen. Er räumt allerdings ein: „Solving the challenges ahead will not be easy. (...) Only then will the heat of this burning platform start to subside.“
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