22.08.2022

Nordamerika Nachrichten
Dieser Newsletter informiert deutschsprachige Leser über aktuelle Entwicklungen und Trends im Hochschulwesen der USA und Kanada.

Die Themen dieser Woche:

  • Kassandraruf eines Hochschulpräsidenten
  • Hochschulzugang für undokumentierte Oberschulabsolventen?
  • Studierendenmobilität und wachsendes Emissionsbewusstsein
  • Kurznachrichten

Liebe Leserinnen und Leser,

 

wir befassen uns in dieser Ausgabe mit der eindringlichen Warnung eines Hochschulpräsidenten vor einer aufziehenden Krise der US-amerikanischen Hochschulen und mit undokumentierten Oberschulabsolventen als mögliche Rekrutierungsquelle für US-Hochschulen. Wir werfen zudem einen Blick auf internationale Studierendenmobilität im Zeitalter wachsenden Emissionsbewusstseins und – wie immer – auf verschiedene Kurzmeldungen.

 

 

Ich wünsche Ihnen eine interessante Lektüre, Gesundheit, Geduld und Zuversicht.

 

 

Stefan Altevogt

Kassandraruf eines Hochschulpräsidenten

Auf Inside Higher Education warnt der Präsident der Temple University, Jason Wingard, mit eindringlichen Worten vor einer Krise der US-Hochschullandschaft und überschreibt seinen Beitrag mit: „Higher Ed Must Change or Die“. Er nimmt ein 2011 verfasstes Memo des damaligen CEO der finnischen Telekommunikationsfirma Nokia, Stephen Elop, an alle Mitarbeiter der Firma zur Vorlage des Krisenbilds einer brennenden Förderplattform, bei der die Alternative nur noch sei, zu verbrennen oder 35 Meter hinunter in die kalte Nordsee zu springen. Wir erinnern uns: Nokia, Ende der 1990er Jahre weltweit noch dominant auf dem Markt für Handys und später Smartphones, war durch eine Mischung aus Selbstzufriedenheit und fehlenden Zukunftsvisionen in eine Krise geraten und musste seine Mobilphone-Sparte 2014 an die Firma Microsoft verkaufen, musste – um im Bild zu bleiben – also in die Nordsee springen, um nicht zu verbrennen.

Diese Mischung aus Selbstzufriedenheit und fehlenden Zukunftsvisionen sieht Wingard auch in der US-Hochschullandschaft und möchte mit seinem Beitrag einen entsprechenden Weckruf verbreiten. Er schreibt: „I hope that every university and college president and administrator, across the country, sees this op-ed as my version of a burning platform memo.“ Dass es wirklich brennt, belegt Wingard mit den folgenden Zahlen: Zwischen Frühjahr 2021 und Frühjahr 2022 sei die Zahl der an US-Hochschulen eingeschriebenen Studierenden um 4,1% zurückgegangen, verglichen mit dem Frühjahr 2020 sogar um 7,4%, umgerechnet also 1,3 Mio. Studierende weniger. Für jede Firma sei ein Kundenverlust in solchem Umfang existenzbedrohend.

Ja, Covid und die allgemeine demografische Entwicklung hätten wohl eine Rolle gespielt, doch solle man sich nicht darüber hinwegtäuschen, dass eine viel bedeutsamere Entwicklung die eigentliche Gefahr für die Hochschulen darstelle, nämlich die deutlich sinkende Wertschätzung eines Hochschulabschlusses insgesamt. Er schreibt mit Verweis auf sein jüngstes Buch (The College Devaluation Crisis: Market Disruption, Diminishing ROI, and an Alternative Future of Learning, Stanford University Press): „In 2017, while serving as dean of Columbia University’s School of Professional Studies, I noticed a startling trend. Top employers in the New York City metropolitan area were no longer recruiting our undergraduate and graduate students with the same vigor and frequency. Rather, they were after students in Columbia University’s high school program.”

Wenn Arbeitgeber schon keinen Wert mehr auf einen Hochschulabschluss als Einstellungsvoraussetzung legten und statt dessen lieber Oberschulabsolventen zu deutlich geringeren Kosten einstellten und ihnen die fehlenden „Skills“ mit eigener Ausbildung oder professionellen Mikro-Zertifikaten vermittelten, warum sollten dann junge Menschen noch einsehen, sich für einen zwei- oder vierjährigen Hochschulabschluss zu verschulden?

Wingard hebt an dieser Stelle hervor, dass er persönlich als Nachkomme ehemaliger Sklaven nicht vom Wert von Bildung allgemein überzeugt werden müsse, ja, dass für ihn eine möglichst breite Bildung als Königsweg sozialer und persönlicher Erfüllung selbstverständlich sei. Er fährt fort: „But, despite this, I truly do worry that we are standing on a burning platform.“

Dann weicht er allerdings vom Bild des Nokia-CEOs ab, indem er eine Handlungsalternative zu „Verbrennen vs. in die Nordsee springen“ entwickelt, nämlich die Löschung des bedrohlichen Feuers. Diese Löschmaßnahmen müssten sich vor allem auf die Wiederherstellung eines allgemeinen Konsenses konzentrieren, dass Hochschulbildung und nur Hochschulbildung das Ticket für ein ökonomisch und menschlich erfülltes Leben sei. Das erfordere kontinuierliche Arbeit: „The key to retaining the value of a degree from your own institution is ensuring your graduates have the skills to change with any market. This means that we must tweak and adapt our curriculum at least every single year.“

Die andere wesentliche Löschmaßnahme betreffe die Erschwinglichkeit eines Studiums und hier sollten die Hochschulen endlich aufhören, mit dem Finger auf die Politik zu zeigen und von ihr zu fordern, dass sie für mehr Erschwinglichkeit sorge. Hochschulen müssten es selber tun, so wie es zum Beispiel Rutgers University mit ihrem Programm „Scarlet Guarantee“ tue, das geeignete Studienbewerber aus Familien mit Jahreseinkommen von unter $65.000 von Studiengebühren befreit. Statt darauf zu pochen, die Sätze der Pell Grants zu erhöhen, müssten sich Hochschulen darum bemühen, ein Studium mit den bestehenden Sätzen der Pell Grants auch für einkommensschwache Studierende zu ermöglichen. Das sei derzeit noch bei weitem nicht der Fall: „Just 23 percent of four-year public colleges are affordable for a student with an average-sized Pell Grant, according to the National College Attainment Network’s analysis; do you think that number will go up or down in the years to come?“

Wenn sich diese Zahl dank der Bemühungen der Hochschulen in die richtige Richtung bewege, würde dem Feuer auf der Plattform die Nahrung genommen. Er räumt allerdings ein: „Solving the challenges ahead will not be easy. (...) Only then will the heat of this burning platform start to subside.“

 

Sie finden den Beitrag hier.

Hochschulzugang für undokumentierte Oberschulabsolventen?

Ein Beitrag zur Problematik undokumentierter Oberschulabsolventen im Chronicle of Higher Education geht davon aus, dass pro Jahr etwa 100.000 Kinder, die mit ihren Eltern auf illegalem Weg in die USA gekommen waren, den US-Hochschulen prinzipiell als Studienanfängerinnen und -anfänger zur Verfügung stehen könnten, wäre da nicht die Hürde der Finanzierung. Was im primären und sekundären Bildungsbereich noch nicht relevant sei, nämlich der Nachweis eines legalen Aufenthaltsstatus, bilde beim möglichen Eintritt in die tertiäre Bildung eine nur schwer zu überwindende Schranke, denn für den Antrag auf föderale Studienbeihilfen bedarf es eines Legalitätsnachweises. Es heißt: „Though there are some private and institutional scholarships for undocumented students, R. happened upon several scholarships open only to U.S. citizens or residents or those who have a Social Security number.“

Im gegenwärtigen, eher von Xenophobie geprägten politischen Klima in den USA, vor allem in von Republikanern dominierten Bundesstaaten, müsse man allerdings sehr vorsichtig an eine mögliche und für Hochschulen und Undokumentierte gleichermaßen erstrebenswerte Lösung des Problems herangehen, wie es sich in jüngster Vergangenheit auch an der noch immer nicht gelösten Frage des Fortbestands des Programms „Deferred Action for Childhood Arrivals“ (DACA, auch unter „Dreamer-Program“ bekannt) zeige.

 

Sie finden den Beitrag hier.

 

Karin Fischer meldet in ihrem Internationalisierungs-Ticker Latitudes im Chronicle of Higher Education eine Initiative der Presidents’ Alliance on Higher Education and Immigration, die sich mit einem „Amicus Brief in Support of University of North Texas“ in einen derzeit in Texas anhängigen Rechtsstreit eingeschaltet habe. Man unterstütze darin die Hochschule in der Ansicht, dass auch undokumentierte Oberschulabsolventen in Texas an den öffentlich finanzierten Hochschulen in den Genuss des deutlich geringeren Studiengebührensatzes für Landeskinder (in-state tuition) kommen sollten.

 

Sie finden die Meldung hier.

 

Sie finden den Amicus Brief hier.

Studierendenmobilität und wachsendes Emissionsbewusstsein

Die London Metropolitan University hat gegen Bezahlung im Chronicle of Higher Education einen Beitrag veröffentlicht, der sich mit einer Abwägung der klimaökonomischen Kosten von Studierendenmobilität gegenüber dem Nutzen von Auslandserfahrungen für Studierende befasst und dabei folgende Zahlen einer von Forschenden der University of Bristol veröffentlichten Untersuchung zitiert: Greenhouse gas emissions associated with international student travel more than doubled between 1999 and 2014 to reach between 14.01 and 38.54 megatons a year, somewhere between the total annual emissions of Jamaica and Croatia.“

Selbst wenn sich durch Steigerung von Effizienz der CO2-Abdruck internationaler Studierendenmobilität ein wenig lindern ließen, so würde die insgesamt noch deutlich stärker als die allgemeinen Emissionswerte steigende internationale Studierendenmobilität das Problem eher noch verschärfen. Es sei allerdings aufgrund fehlender Daten gar nicht deutlich, wie groß das Problem eigentlich sei, und hier müssten den bislang lediglich verfügbaren Daten der UNESCO noch deutlich bessere Entscheidungsgrundlagen an die Seite gestellt werden.

Auf der Nutzen-Seite von Studierendenmobilität könnten Hochschulen ebenfalls noch deutlich mehr tun, vor allem im Hinblick auf Inklusion und Lehrinhalten von Nachhaltigkeit. Hierzu listet die London Metropolitan University die folgenden Alleinstellungsmerkmale: „London Met is one of the most socially inclusive universities in the sector – a total of 96% of our students are from at least one underrepresented group. Based in the heart of real London, the University has over 12,000 students from 126 different nationalities. London Met has been widely recognised for its sustainability improvements – we have reduced our carbon emissions by 42% since 2009.“

 

Sie finden den Beitrag hier.

 

Sie finden die zitierte Untersuchung hier.

Kurznachrichten

Ein Beitrag des Chronicle of Higher Education zitiert eine Untersuchung des National Bureau of Economic Research (NBER) zu den Effekten der Impfpflicht gegen Covid-19 an US-amerikanischen Hochschulen, der zufolge die Maßnahme zu einer Verringerung der Todesfälle um 5% geführt habe, was 7.300 Menschenleben entspreche.

 

Sie finden den Beitrag hier.

 

Sie finden die Untersuchung hier.

 

Mit Blick auf die im November anstehenden Midterm-Elections erinnert Inside Higher Education noch einmal auf die noch ausstehende Einlösung eines Wahlversprechens von Joe Biden, als Präsident zur Lösung des Problems der sich mittlerweile auf $1,7 Bio. summierenden Studienschulden beizutragen, denn es gehe bei den aktuellen und möglichen künftigen Schuldnern auch um einen wichtigen Wählerblock. Daher sei zeitnah mit einer Entscheidung des Weißen Hauses zu rechnen. Es heißt: „Democrats largely favor the Biden administration canceling student loan debt via executive order without any action from Congress. Some experts say that if Biden cancels student debt before the midterms, it could benefit Democrats while helping to address waning faith in the president, which has dropped the most among young, Black and Hispanic voters.“

 

Sie finden diesen Beitrag hier.

 

Inside Higher Education meldet die Trennung von acht Studierendenverbindungen der University of Southern California (USC) von ihrer Hochschule wegen der Versuche letzterer, gegen Auswüchse in den Fraternities vorzugehen. Es heißt: „The move is part of a national trend.“

 

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Der Chronicle of Higher Education meldet das Ende der Zusammenarbeit der University of Arizona mit der Firma Zovio Inc., einem Anbieter von Online-Programmen, und schreibt: „The news marks a precipitous end for the original deal, Arizona acquired Zovio’s Ashford University in 2020 and created the University of Arizona Global Campus, a nonprofit organization affiliated with the traditional public university. The new online mega-university was intended to extend the flagship university’s reach, particularly into the market of working adults.“

 

Sie finden diese Meldung hier.

 

Das US-Außenministerium meldet die Vergabe von Grants an 44 US-amerikanische Hochschulen im Gesamtumfang von fast $1,5 Mio. im Rahmen seines Programms „Increase and Diversify Education Abroad for U.S. Students (IDEAS)“. Es heißt: „Through IDEAS grants, these institutions, which represent both public and private colleges and universities, as well as 10 community colleges and 18 minority serving institutions from 32 states and Puerto Rico, will develop and expand study abroad programs around the world that are aligned with U.S. foreign policy goals and provide international experiences for U.S. students.“

 

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Die aktuelle Ausgabe des Henley Passport Index listet die deutsche Staatsbürgerschaft im Hinblick auf die Leichtigkeit internationalen Reisens gemeinsam mit Spanien auf Rang vier. Inhaber eines deutschen Passes brauchten derzeit für 190 Länder kein Visum. Besser hätten es nur Inhaber von Pässen aus Südkorea, Singapur (je 192 Länder ohne Visumspflicht) und Japan (193). US-Amerikaner könnten ohne Visum in 186 Länder einreisen, Kanadier in 185 und Afghanen derzeit nur in 27.

 

Sie finden den Index hier.

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