Ausgabe ___ |  March 29 2017
24. Juli 2017
Nordamerika Nachrichten
Dieser Newsletter informiert deutschsprachige Leser über aktuelle Entwicklungen und Trends im Hochschulwesen der USA und Kanada.
Themen dieser Woche:

  • Neue Zahlen zur US-Hochschullandschaft
  • Lernziele an Hochschulen
  • Fundraising
  • Kurznachrichten

Liebe Leserinnen und Leser,

in dieser Ausgabe befassen wir uns mit neuen Zahlen zur US-Hochschullandschaft und mit der kanadischen Perspektive auf Lernziele in der Hochschulbildung und deren Erreichung. Wir werfen zudem einen Blick auf das Thema Fundraising und schließlich auf verschiedene Kurznachrichten der Woche.

Ich wünsche Ihnen wie immer eine interessante Lektüre.

Stefan Altevogt

Neue Zahlen zur US-Hochschullandschaft
Das National Center for Education Statistics (NCES) hat in einem „First Look” vorläufige Daten zum Studienjahr 2016/17 vorgelegt, die einen Blick auf die Größe der US-amerikanischen Hochschullandschaft, die Einschreibungs- und Abschlusszahlen und die Studiengebühren erlauben.
Danach galten im abgelaufenen akademischen Jahr 6.760 als „Title IV Institutions”, also als Einrichtungen der terziären Bildungslandschaft, für deren Besuch Studierende laut den United States Education Amendments of 1972 aus öffentlichen Mitteln finanzierte Studienbeihilfen beantragen können. (Zum Vergleich und zur Klarstellung, dass der Begriff der „post secondary education” in den USA mit ihren 321 Mio. Einwohnern deutlich weiter gefasst ist als etwa in Deutschland mit seinen 81 Mio. Einwohnern: Die Hochschulrektorenkonferenz umfasst derzeit 268 Mitgliedshochschulen und deckt damit 94% aller Studierenden in Deutschland ab.) In der Gesamtzahl der Title IV Institutions werden gut 2.900 Einrichtungen mit vierjährigen Abschlüssen gezählt und knapp 2.000 mit zweijährigen Abschlüssen. Die verbleibenden gut 1.800 Einrichtungen werden als „less-than-2-year institutions” geführt.

In der gesamten US-Hochschullandschaft wurden zuletzt 23,1 Mio. Undergraduates und 3,2 Mio. Graduate Students gezählt, an die im vergangenen Studienjahr 4,9 Mio. „awards” verliehen wurden, also alles Zählbare im Bereich vom Certificate bis hin zum Degree. In dieser Gesamtzahl finden sich 3,3 Mio. „degrees or certificates” an vierjährigen Einrichtungen, von denen wiederum etwas über die Hälfte Bachelor Degrees waren.

Die direkten Kosten für ein Studium, also „tuition and required fees”, werden in den jüngsten Daten inflationsbereinigt für die beiden Jahre 2014/15 und 2016/17 angegeben, so dass auch die aktuelle Steigerungsrate abgelesen werden kann. Danach verteuerte sich das Studium an öffentlichen, vierjährigen Einrichtungen für Landeskinder zuletzt noch um 4,5% von $7.824 auf $8.173 und für Out-of-Staters und internationale Studierende von $17.639 auf $18.415. An privaten gemeinnützigen Hochschulen stiegen die direkten Kosten um 5,2% von $25.916 auf $27.276 und an den For-Profits um 1,4% von $15.797 auf $16.011. Für „Room and Board” wurden an öffentlichen Einrichtungen nach einer Steigerung um 4,6% zuletzt $9.814 fällig, an privaten gemeinnützigen Hochschulen $10.145 und an For-Profits $10.076.

Sie finden die Zahlen  hier.

Ein Beitrag auf Inside Higher Education nimmt die aus deutscher Perspektive sicherlich schon extrem hohe Gesamtzahl von „Title IV Institutions” in den Blick, vergleicht sie mit entsprechenden Zahlen aus den Vorjahren und kommt – so der Titel des Beitrags – zum Ergebnis: „The Culling of Higher Ed Begins”. Gegenüber dem Vorjahr sei die Zahl der US-Hochschulen um 5,6% gesunken. Wenngleich auch der weit überwiegende Teil der nicht mehr bestehenden Einrichtungen aus dem Bereich der gewinnorientierten Bildung stamme, sei doch bemerkenswert, dass mehr als 30 private Nonprofits ihren Betrieb haben einstellen müssen.

Es heißt zum Vorausblick auf die kommenden Jahre: „The most extreme predictions envision hundreds and even thousands of colleges and universities closing over a decade or so. But more even-keeled analysts also have foreseen increases in the number of failing institutions: Moody’s Investors Service in 2015, for instance, said closures and mergers of small institutions would triple and double, respectively, in the coming years.”

Sie finden den Beitrag  hier.

Lernziele an Hochschulen
Auf der Webseite des Higher Education Quality Council of Ontario (HEQCO) befasst sich dessen Präsident Harvey P. Weingarten mit der „evolution of learning outcomes” und definiert: „Learning outcomes refers to what students should know and be able to do as a result of the education they get in their postsecondary programs.”

Weingarten überblickt dabei drei Phasen, deren erste etwa 2010 damit begonnen habe, gewünschte Kenntnisse und Fertigkeiten (knowledge and skills) bei Studienabsolventen systematisch zu formulieren und sie in Lernplänen zu verankern. Er beschreibt dies als „exercises which, at times, could appear tedious and resemble activities that appealed more to accountants and bean counters. But this phase was absolutely necessary and it got more interesting and real when it became clear that the generic (or soft or transferable) skills identified as critical were the same ones that employers valued most in their future hires.”

In der zweiten Phase des Prozesses befinde man sich derzeit, nämlich bei der Entwicklung von Evaluationswerkzeugen, die sicherstellen sollen, dass die formulierten Ziele auch erreicht würden. Es heißt: „Different methodologies have been proposed to measure these skills ranging from the development of rubrics to the use of standardized tests (...). Rightfully, there is debate over the reliability and validity of these measurement instruments, their utility and how they could be employed.” Hierzu leiste der HEQCO durch die Unterstützung des Learning Outcomes Assessment Consortium einen wesentlichen Beitrag. Dieses vermesse derzeit in einem 20 Colleges und Universitäten umfassenden Versuch mit dem Besteck des Program for the International Assessment of Adult Competencies (PIAAC) der Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD) die Lernerfolge der Studierenden in den Bereichen „literacy, numeracy and problem-solving skills”.

Richtig spannend werde es dann aber in der dritten Phase, in der per Rückkopplung der Evaluationsergebnisse in den Unterrichts- und Lernvorgang dann die Lehre systematisch verbessert würde, denn: „As educators we are obliged to explore better ways of teaching things that we think are important.” Wenngleich es auch an Hochschulen dauerhaft „Troglodyten”, also Höhlenbewohner geben werde, die von der Lernbarkeit bestimmter Fertigkeiten wie critical thinking oder teamwork nicht überzeugbar seien, so müsse doch die Lehre an Colleges und Universitäten erst einmal ernst genommen werden, so ernst wie etwa die Forschung. Dazu heißt es in einer Nebenbemerkung: „A dean at one of Ontario’s more highly ranked universities told me recently that virtually every day there is a request to grant teaching release to a professor, yet no one has ever asked for release from research.”

Sie finden den Beitrag  hier.

Fundraising
In einer Reihe von Beiträgen widmet sich der Chronicle of Higher Education dem Thema Fundraising und geht dabei deutlich über das verbreitete Bild hinaus, demzufolge für das Einsammeln von Spenden an Hochschulen vor allem deren Präsidenten verantwortlich seien.

Der Beitrag „What Every Dean Needs to Know About Fund Raising: Tips for the academic leader – and those who aspire to be one – on how to cultivate donors” erläutert das Thema an Hand der Geschichte von Phil Bailey, der 1983 mit der Überzeugung Dean des College of Science and Mathematics an der California Polytechnic State University in San Luis Obispo wurde, dass das Geschäft des Fundraising bei potenziellen Spendern als „intrusive and unwanted” empfunden würde.

Gut 30 Jahre und zahlreiche Millionenspenden (darunter zuletzt eine in Höhe von $110 Mio.) später könne Bailey auf eine entscheidende und für das Fundraising grundlegende Einsicht in der Motivation potenzieller Spender zurückblicken: „The donors didn’t resent his asking for money. Rather, they were looking for ways to make a difference in the lives of others. Mr. Bailey could help them.”

Einsammeln von Spenden habe traditionell bislang wenig Raum im Anforderungsprofil von akademischem Führungspersonal an Hochschulen eingenommen, doch insgesamt habe Fundraising vor dem Hintergrund schwindender öffentlicher Grundfinanzierung und ausgeschöpfter Spielräume bei den Studiengebühren für Hochschulen enorm an Bedeutung gewonnen, was bedeute: „The expectation that fund raising will be a significant part of deans’ jobs will only grow (...). Now, that expectation is often made clear upfront.”

Die in erster Linie in akademischen Fragen bewanderten Deans würden dabei einer steilen Lernkurve ausgesetzt, denn: „Their professional training has probably not included fund-raising fundamentals: identifying prospective donors, the process of soliciting gifts, or an understanding of the most effective ways to reach donors (for example, spending time making a one-on-one visit to an alumnus versus hosting an alumni event and making small talk with a lot of people).”

Sie finden den Beitrag  hier.

In einem weiteren Beitrag befasst sich der Chronicle of Higher Education mit den Department Chairs als einer weiteren Gruppe von Hochschulangehörigen, die künftig stärker in das Fundraising eingebunden sein würden. Es heißt: „At a time when colleges are relying more and more on philanthropy, it’s all hands on deck. And deans aren’t the only academic leaders being asked to bring in money. Fund-raising consultants say they are conducting more trainings for department chairs about how to solicit private gifts.”

In Consulting-Firmen wie Bentz Whaley Flessner werde hier eine Evolution wahrgenommen, eine Entwicklung, dass Hochschulpräsidenten verstärkt auf die Mithilfe ihrer Dekane beim Spendensammeln zurückgriffen und diese wiederum die Department Chairs um Hilfe bäten. Flessner wird dazu mit den Worten zitiert: „I suspect a decade from now, that transition will be complete, and we’ll have all kinds of people inside the academy, at every level, making their case.”

Sie finden diesen Beitrag hier.

Als ein Beispiel schlechter interner Kooperation einer Hochschule beim Fundraising beschreibt ein weiterer Beitrag im Chronicle of Higher Education die derzeitige Situation am Rensselaer Polytechnic Institute (RPI), wo die Präsidentin Shirley Ann Jackson nach anfänglich bemerkenswerten Erfolgen beim Spendensammeln nun eine schlechte Atmosphäre im für das Fundraising verantwortlichen Advancement Office mit zu verantworten habe. Es heißt: „RPI’s advancement office has weathered turnover, low morale, internal squabbling, complaints of gender discrimination, and a climate of anxiety in which respected employees have been made to feel imminently disposable.”

Sie finden den Beitrag hier.

Kurznachrichten
In einem Beitrag für die New York Times befasst sich die Ökonomin Susan Dynarski mit der Frage, wie sich – aus der Perspektive der Studierenden – Bildungsgerechtigkeit in den USA verbessern ließe und wie sich – aus der Perspektive der US-amerikanischen Volkswirtschaft – besser verhindern ließe, dass akademisches Talent aus einkommensschwächeren Familien unentwickelt bleibe. Sie verweist dabei auf eine von ihr (gemeinsam mit Martha Bailey) 2011 veröffentlichte Untersuchung mit dem Titel „Inequality in Postsecondary Education”, deren Kernaussage war: „A child born into a high-income family is six times as likely to earn a college degree as one who is poor. (…) This gap is largely rooted in disparities in achievement that appear as early as preschool. But even for students who perform well in high school, parents’ income strongly predicts whether they will attend and complete college.” Ein vergleichsweise einfacher Weg aus dem Problem sei, dass alle Oberschüler landesweit kostenlos mit akademischen Eignungstests wie dem SAT oder dem ACT geprüft würden, so wie es in einigen Bundesstaaten bereits praktiziert werde. Derart veränderte Einstellungen des Siebes fördere deutlich mehr akademisches Talent auch aus einkommensschwächeren Familien ans Licht. Es heißt: „For every 1,000 students who took a college exam when it was optional, and scored high enough to attend a selective college, another 230 high scorers appeared once the test was mandatory. For low-income students, the effect was larger: For every 1,000 students who scored well on the optional test, an additional 480 did so on the mandatory test.”

Sie finden die Zahlen  hier
Sie finden das Paper hier.

„To Rank or Not to Rank?” ist die Frage eines Beitrags auf den „Ethik”-Seiten des Chronicle of Higher Education anlässlich der jüngsten Ausgabe des QS World University Rankings, das – wie andere namhafte Rankings auch – unter mehr oder weniger gravierenden methodischen Problemen und im Falle von QS auch unter Interessenskonflikten leide. Die sich daraus stellende Frage, ob man sich als verantwortlich handelnder Akademiker an den Umfragen der Rankings beteiligen solle, beantwortet der Beitrag mit: „The primary reason that informed academics in the United States ought to participate is simple: Young people throughout the world seeking higher education need guidance, so some expert input is better than none. Counting against that consideration is, of course, complicity in the suspect behavior of QS. Balancing doing some good against complicity with unethical practices is a familiar dilemma in many arenas. But here, at least, a kind of compromise is available. Professors can boycott QS but continue to supply expert evaluator input to Times Higher Education – and also lobby the latter to improve its survey practices.”

Sie finden diese Zahlen  hier.
 
Trotz zuletzt stark gewachsener Beliebtheit kanadischer Universitäten bei internationalen Studierenden im Graduate- und Postgraduatebereich, so ein Beitrag der Times Higher Education, seien die Einrichtungen des Landes derzeit noch nicht in der Lage, der gestiegenen Nachfrage ein entsprechendes Angebot gegenüberzustellen. Am Beispiel der University of Toronto verdeutlicht der Autor das Problem: Die Antragszahlen internationaler Studierender für die Graduate-Programme der Hochschule sei zuletzt um 25% gestiegen, doch hätten aus diesem Zuwachs nur knapp 7% eingeschrieben werden können.

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Times Higher Education zitiert Ergebnisse einer internationale Umfrage der Association of MBAs, wonach 20% der Business Schools defizitär betrieben würden. Zu den Gründen, warum man vor allem im Undergraduate-Bereich Verluste in Kauf nehmen würde, heißt es: „They [Undergraduate Programs] reflect well on the school and its postgraduate programmes in general, help to generate closer links to industry, and produce a highly supportive alumni network with high-level connections in the international corporate world.”
 
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Öffentliche Hochschulen, so ein Beitrag im Chronicle of Higher Education, sähen sich gelegentlich dem explosiven Gemisch streitbarer Zeitgenossen mit der Bestimmung gegenüber, dass Akten öffentlicher Einrichtungen per „public-records request” einsehbar gemacht werden müssen. Hintergrund des Beitrags ist der Versuch eines Rechtsanwalts, die University of Florida zur Zahlung von $400.000 zu bewegen, nachdem er sich nun nach mehr als 75 Anfragen zur Akteneinsicht ordentlich gerüstet fühle. Es heißt (und es würde sich bestimmt als Stoff für eine Seifenoper bzw. einem Kapitel im Handbuch zur Hochschulverwaltung eignen): „The thousands of pages of records he obtained reveal numerous unflattering details about the University of Florida, including pornography purchases by a top administrator and improper spending on a new presidential house. The continuing battle provides a rare, behind-the-scenes look at the inner workings of one of the nation’s top public-research universities. It’s also a lesson in the disruption and damage that can occur when someone deeply connected to a university goes rogue.”

Sie finden diesen Beitrag hier.

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Dr. Nina Lemmens
Stefan Altevogt, Katrin Kempiners, Redaktion

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