Ausgabe ___ | March 29 2017
30. Oktober 2017
Nordamerika Nachrichten
Dieser Newsletter informiert deutschsprachige Leser über aktuelle Entwicklungen und Trends im Hochschulwesen der USA und Kanada.
Themen dieser Woche:

  • Rolle öffentlicher Hochschulen in sozialer Mobilität
  • Dilemma öffentlich finanzierter Hochschulen
  • Informatik-Ausbildung an US-amerikanischen Hochschulen
  • Kurznachrichten
Liebe Leserinnen und Leser,

in dieser Ausgabe befassen wir uns mit einem Bericht, der die Rolle von hochkompetitiven, öffentlichen Hochschulen im Hinblick auf die soziale Mobilität hinterfragt, und mit einem Dilemma an öffentlich finanzierten Hochschulen, die sich im Wettbewerb um Studierende oft einem „Wettrüsten” nicht entziehen können. Wir werfen zudem einen Blick auf einem Bericht zur Informatik-Ausbildung an US-amerikanischen Hochschulen und schließlich auf verschiedene Kurznachrichten der Woche.

Ich wünsche Ihnen wie immer eine interessante Lektüre.

Stefan Altevogt
Rolle öffentlicher Hochschulen in sozialer Mobilität
Der Think Tank New hat die im Januar veröffentlichten Daten des Equality of Opportunity Projects
(„Mobility Report Cards: The Role of Colleges in Intergenerational Mobility”) unter dem Gesichtspunkt aufgearbeitet, wie sich die soziale Zusammensetzung der Studierenden an den besten der öffentlich finanzierten Hochschulen des Landes über die vergangenen Jahre entwickelt hat. Eine Mehrheit der kompetitivsten unter den öffentlich finanzierten Hochschulen sei damnach für die einkommensschwächsten Schichten des Landes seit Beginn dieses Jahrhunderts weniger zugänglich geworden und gleichzeitig sei der Anteil von Kinder aus den einkommensstärksten Schichten an diesen Hochschulen stetig gewachsen. Es heißt: „Most notably, at more than half of selective public institutions, the increase in affluent students came at the direct expense of low-income ones. In other words, these schools increased the share of students in the top 20 percent at the same time that they reduced the share from the bottom 40 percent.”

Als ein Beispiel führt der Bericht Stony Brook University auf, die Teil des State University of New York (SUNY) Systems ist, die sich aber – auch Dank der Initiative ihres größten Spenders, Jamens Simons – eher an den großen Forschungshochschulen mit nationaler Strahlkraft messen lassen möchte. An Stony Brook werden dem Bericht zufolge die Zweischneidigkeit einer Entwicklung zu immer größerer Wettbewerbsfähigkeit deutlich. Auf der einen Seite sei die Hochschule in ihren Bemühungen um soziale Mobilität ausgesprochen erfolgreich: „A little more than half of the lowest-income students – coming from families earning less than $20,000 yearly – who attended the school in the late 1990s made it into the top 20 percent (with annual salaries of at least $110,000) by their mid-30s. And nearly 8 in 10 of these students reached at least the middle class.” Dieser Erfolg habe auf der anderen Seite allerdings einen Preis: „The bad news is that Stony Brook, like many of the public universities at the top of the Mobility Report Cards, has become less accessible for low-income students in recent years. In fact, the share of Stony Brook students coming from families in the bottom 40 percent (those with annual incomes below $37,000) has dropped by 8.5 percentage points since the late 1990s.” Gleichzeitig sei der Anteil von Studierenden aus den obersten 20% der Einkommensverteilung bis 2013 auf fast 40% angestiegen, wobei hier Studierende aus den obersten 10% sogar noch den größeren Anteil gehabt hätten.

Sie finden den Bericht hier.

Ein Beitrag auf Inside Higher Education bemerkt, dass die im Januar veröffentlichten Daten mit der Erkenntnis für Aufsehen gesorgt hätten, dass an den führenden öffentlichen Hochschulen des Landes mittlerweile mehr Studierende aus den obersten 1% der Einkommensverteilung studierten als aus den untersten 60%. New America würde mit einer Reihe von Blogs der Frage nachgehen, welche Auswirkungen diese Entwicklung für die Funktion von Hochschulen hätte, soziale Mobilität in einer meritokratischen Gesellschaft zu gewährleisten. Stephen Burd von New America wird dazu mit den Worten zitiert: „These data should raise alarm bells throughout higher education and among policy makers. They need to consider whether the cult of enrollment management, which has encouraged public and private colleges and universities to cater to affluent students, has gone too far and left low-income students in the lurch.”

Ein anderes Beispiel, das der Beitrag aus dem Bericht hervorhebt, ist das der University of Alabama at Tuscaloosa. Die Hochschule habe im Studienjahr 2014/15 mehr als $100 Mio. für sogenannte „non-need-based aid” ausgegeben, Mittel also, mit denen man gezielt und abseits von wirtschaftlichen Bedürfnissen der Studierenden Rekrutierungen unterstützt. 15 Jahre zuvor habe dieser Aufwand inflationsbereinigt gerade mal bei $12 Mio. gelegen. Das Ergebnis könne sich aus der Perspektive von Fundraisern der Hochschule durchaus sehen lassen: „The average annual income for a family with a student enrolled at the University of Alabama increased from $152,000 in the class entering in 1999 to almost $230,000 for the class graduating in 2013.”

Diese Entwicklung sei zwar nicht flächendeckend, beträfe aber bereits zwei Drittel der Flaggschiff-Campi öffentlicher Hochschulsysteme: “[They[ increased their shares of wealthy students while cutting their percentages of low-income students since the late 1990s. Just three flagships – the Universities of Michigan, Nevada and Texas at Austin – did the opposite.”

Sie finden den Beitrag hier.

Dilemma öffentlich finanzierter Hochschulen
Ein Beitrag im Chronicle of Higher Education beschreibt das Dilemma öffentlich finanzierter Hochschulen in den USA, die im Kampf um die Gunst von Studierenden ihre Prioritäten nicht immer nur um die beiden Kernaufgaben von Forschung und Lehre herum gruppierten. Als Beispiel dient ein neues und $85 Mio. teures „Recreation Center” an der Louisiana State University (LSU). Es heißt: „The leaders of cash-strapped institutions feel obliged to service the whims and desires of tuition-paying students, whose satisfaction has become ever more crucial as state support wanes.“

Im Wettbewerb um Studierende spielten Einrichtungen zur Steigerung körperliche Fitness und zur Entspannung (die Grenzen scheinen da fließend zu sein) eine immer wichtigeren Rolle. Schwimmbecken ließen dabei sich prima allen Bedürfnissen in diesem Spektrum anpassen, von klassischen Becken für das wettbewerbliche Bahnenschwimmen über Erlebnispools mit viel Spielzeug bis hin zu sog. „lazy rivers”, also mit lauwarmen Wasser gefüllten, länglichen Parcours, auf denen man sich als ansonsten gestresster Studierender einfach mal so treiben lassen dürfe. Diese „lazy rivers” seien zwar noch kein flächendeckendes Phänomen, doch bereits an einigen Hochschulen anzutreffen: „You’ll find them at the Universities of Alabama, Iowa, and Missouri and at Texas Tech. The University of Central Florida has plans to build a lazy river just for athletes, as part of a ‘Recovery Cove’ that will also include miniature golf and beach-volleyball courts.”

Um den naheliegenden Anschein von Frivolität gar nicht erst aufkommen zu lassen, würde seitens von Hochschulleitungen im Zusammenhang mit Planung und Errichtung derartiger Freizeiteinrichtungen für Studierende auf ein im Sinne der Hochschulen durchaus wünschenswertes Ziel hingewiesen: Man wolle vor allem den Studierenden auf dem Campus so viel bieten, dass sie gar nicht erst auf den Gedanken kämen, außerhalb des Campus nach Abwechslung vom Studium zu suchen. Der Präsident der LSU, F. King Alexander, wird denn auch mit den folgenden Worten aus seiner Rede zur Eröffnung der neuesten Freizeiteinrichtungen mit den Worten zitiert: „Quite frankly, I don’t want you to leave the campus ever. So whatever we need to do to keep you here, we’ll keep you safe here. We’re here to give you everything you need.” (Um dies zu erreichen, müsste man vermutlich Alkohol erlauben, auch für Studierende unter 21).

Alexander scheine sich allerdings im Hinblick auf den neuen „lazy river” an der Hochschule auch im Hinblick auf die politischen Kräfte in Louisiana etwas unwohl gefühlt zu haben. Es heißt: „Mr. Alexander did not mention the lazy river in his speech. No one who talked at the event that day did. But when asked about it later, he wondered what the downside politically could possibly be. What fiscal conservative, who hasn’t turned on LSU already, would finally lose faith in the university over its opulent new water ride?”

Sie finden den Beitrag hier.

Ein weiterer Beitrag befasst sich im Chronicle of Higher Education mit der Strategie des College of the Ozarks im ländliche Missouri, ein sehr spezifisches Alleinstellungsmerkmal zu entwickeln, nämlich als „America’s Most Patriotic College” gelten zu dürfen. Dazu sei jetzt ein für Studienanfänger verbindlicher Grundkurs in patriotischer Erziehung und Körperertüchtigung eingeführt worden. Zu den Inhalten des Kurses heißt es: „Topics in the class (...) include map reading, the formation of American government, and rifle marksmanship.”

Sie finden diesen Beitrag hier.
Informatik-Ausbildung an US-amerikanischen Hochschulen
Die National Academies of Science, Engineering and Medicine haben jetzt einen Bericht zum Stand der Informatik-Ausbildung von Undergraduates an US-amerikanischen Hochschulen herausgegeben und schreiben in den zusammenfassenden Einsichten, dass zwar die „Produktion” von Bachelors in Informatik und angrenzenden Fächern an den gemeinnützigen Hochschulen der USA zwischen 2009 und 2015 um 74% gestiegen sei (im Vergleich zur Steigerung von Bachelor-Abschlüssen insgesamt um 16%), dass aber diese Entwicklung derzeit an die Grenzen der Hochschulen stoßen würde. Es heißt: „With more than half of new CS [Computer Science] Ph.D.s drawn to opportunities in industry, hiring and retaining CS faculty is currently an acute challenge that limits institution’s abilities to respond to increasing CS enrollment. (…) There is a growing sense of an impending crisis in many universities.”

Informatik und angrenzende Fächer hätten zudem immer noch mit einem deutlich unterdurchschnittlichen Interesse von Frauen und Minderheiten zu kämpfen. Es gäbe zwar einige Fortschritte auf diesem Gebiet, doch müsste hier noch mehr Initiative seitens der Hochschulen ergriffen werden: „Institutions should leverage the increasing interest in computer science and computer and information sciences, both among non-majors and intended majors, to engage, recruit, and retain more women and underrepresented minorities into the field to help address the diversity problem proactively.”

Sie finden die Zusammenfassung des Berichts hier.

Inside Higher Education sieht die wichtigste Botschaft des Berichts in den unterschiedlichen Dynamiken von Ausbildung an Hochschulen und Arbeitsmarkt für Informatiker. Es heißt: „Colleges can’t seem to keep up with computers. The growing number of jobs in the computing field far outpaces how many students are earning bachelor’s degrees in computer science and similar fields.”

Sie finden den Beitrag hier.

Kurznachrichten
Metro New York gehört mit einer Auflage von über 300.000 zu den am meisten gelesenen, oder zumindestens durchgeblätterten Zeitungen in New York City und zitierte jüngst einen auf Nerd Wallet erschienenen Beitrag zur Frage: „How do I pay for college?” Wie zu vielen anderen Fragen auch, so gäbe es hierzu zwar kein Patentrezept, aber immerhin einige Prinzipien, die zu beachten sich lohne. Es heißt: „Use the following advice in this order: Fill out the FAFSA [Free Application for Federal Student Aid, eine Art Bafög-Antrag], search for scholarships, choose an affordable school, use grants if you qualify, get a work-study job, tap your savings, take out federal loans if you have to, borrow private loans as a last resort.”

Sie finden den Beitrag hier.

Auf der Webseite der Michigan State University (MSU) ist ein „Communications Toolkit for Academics” erschienen, der die „Third Mission” von Hochschulen – also allgemein gesprochen ihre Aufgabe, über Forschung und Lehre hinaus noch zur sozioökonomischen Verbesserung der sie finanzierenden Gesellschaft beizutragen – als eine kommunikative Herausforderung im Hinblick auf die Vermittlung vor allem der ersten Aufgabe (Forschung) darstellt. Es heißt: „MSU Provost June Youatt and Stephen Hsu, vice president for research and graduate studies, are encouraging faculty to publicly communicate to help create a more engaged, informed society that will make better personal, policy and funding decisions.”

Sie finden die Webseite hier.

Der Chronicle of Higher Education schreibt zu dieser Initiative: „Legislators and the public are often skeptical that higher-education tax dollars are being put to good use. Colleges see it as more important than ever, then, for academics to be able to explain their research in lively, accessible ways.“

Sie finden diesen Beitrag hier.

Im Hinblick auf die Ausstattung einer Hochschule mit Rechnerleistung, so ein Beitrag im Chronicle of Higher Education, ließen sich zwei verschiedene Strategien verfolgen. Zum einen gäbe es Hochschulen wie die University of Texas in Austin, die sich Super-Computer auf den Campus stellen und sich damit in der Rangliste der weltweit leistungsfähigsten Rechner ganz oben eingruppieren. Zum anderen gäbe es Hochschulen, die auf die Leistungsfähigkeit virtueller Rechner von kommerziellen Anbietern wie Amazon setzen. An der Clemson University habe man jetzt an Hand eines Beispiels einen Vergleich zwischen beiden Strategien gezogen. Das Ergebnis: „For the same equipment-usage costs (…) Amazon appears to have run the test about 40 times as fast as Clemson’s Palmetto2, the nation’s eighth-most-powerful academic computer.”

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Inside Higher Education meldet den Beginn einer auf $5 Mrd. zielenden Fundraising-Kampagne der University of California, San Francisco (UCSF) und schreibt: „The fund-raising effort is unusual both because of the institution undertaking it and because of its scale. (…) The announcement of its $5 billion campaign comes as many other institutions attempt to raise remarkably large sums of money. Recently, the University of North Carolina at Chapel Hill unveiled a $4.25 billion campaign billed as the second largest conducted by a public institution in the country, after a $5 billion University of Washington campaign.”

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Der Globe and Mail hat mit seinem „2018 University Report” jetzt die jüngste Ausgabe seines Wegweisers durch mehr als 70 der prominentesten Einrichtungen in der kanadischen Hochschullandschaft herausgegeben und schreibt in der Einleitung: „In this report, parents and students looking to explore the Canadian university landscape will find profiles of public, secular, degree-granting schools for English-speaking students, as well as snapshots of faith-based universities and francophone schools.” Dabei bedient sich der Bericht sechs verschiedener Beurteilungskriterien, nämlich „cost, financial aid, research, applied learning, library spending and overall student experience” und vergibt grobe Noten (unterhalb des Durchschnitts, Durchschnitt und oberhalb des Durchschnitts) danach, wie die einzelnen Hochschulen im Vergleich zu anderen in derselben Provinz abschneiden.

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Universities Canada meldet, dass sich die kanadischen Hochschulen jetzt auf sieben sogenannte „Inclusive Excellence Principles” verständigt und zur verbesserten Zielerreichung auf die Sammlung und Veröffentlichung entsprechender Daten geeinigt hätten. Es heißt: „These principles and accompanying action plan (...) are designed to advance universities’ efforts to improve the participation and success of under-represented groups within the academic community.”

Sie finden diese Meldung hier.

Der Globe and Mail zitiert Zahlen des Canadian Bureau for International Education, denen zufolge 2010 nur 1,1% der Studierenden an kanadischen Colleges während ihres Studiums Auslandserfahrungen gemacht hätten, obwohl 82% der Hochschulen Programme dazu im Angebot führten.

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Dr. Nina Lemmens
Stefan Altevogt, Katrin Kempiners, Redaktion

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