Ausgabe ___ | March 29 2017
16. Januar 2018
Nordamerika Nachrichten
Dieser Newsletter informiert deutschsprachige Leser über aktuelle Entwicklungen und Trends im Hochschulwesen der USA und Kanada.
Themen dieser Woche:

  • Soziale Mobilität als Ziel von Hochschulen
  • Wenn fehlende Bildung zur „public-health crisis” wird
  • Your School Should Not Pursue Online Education for the Money
  • Kurznachrichten
Liebe Leserinnen und Leser,

in dieser Ausgabe befassen wir uns mit einem Beitrag zu sozialer Mobilität als zentrales Ziel von Hochschulen
und noch einmal mit dem Zusammenhang zwischen Bildung und Lebensqualität bzw. -erwartung. Wir werfen zudem einen Blick auf einen Appell, Fernstudiengänge nicht aus falschen Motiven anzubieten, und schließlich auf verschiedene Kurznachrichten der Woche.

Ich wünsche Ihnen wie immer eine interessante Lektüre.

Stefan Altevogt
Soziale Mobilität als Ziel von Hochschulen
In einem Beitrag für Inside Higher Education fordert der Präsident der Stony Brook University, Samuel Stanley, eine Neuausrichtung in den Zielen und eine Beurteilung der Leistung von Hochschulen danach, welchen Beitrag sie zur sozialen Mobilität ihrer Absolventen leisten. Er schreibt: „One of the most important of our goals must be social mobility. It is at the very heart of American values that if you work hard and get a good education, you can achieve more than what your parents or their parents dreamed. When economically disadvantaged students receive an excellent education, it doesn’t just enhance their job prospects. It can propel them out of what otherwise might have been a permanent social stratification, affecting generations to come.”

Vor dem Hintergrund einer solchen Neuausrichtung sei es ermutigend, dass mittlerweile vergleichbare Datenbestände wie die Student Achievement Measure oder das Integrated Postsecondary Education Data System entstanden seien und dass Hochschulsysteme wie die University of Texas oder die University of California Daten darüber veröffentlichten, welche Einkommen ihre Absolventen erzielten und wie sie in der Lage seien, angefallene Studienschulden zurückzuzahlen.

Im Hinblick auf die soziale Mobilität als Ergebnis von Hochschulbildung verweist der Beitrag auf eine im Juli vergangenen Jahres veröffentlichte Studie mit dem Titel „Mobility Report Cards: The Role of Colleges in Intergenerational Mobility”, die ein in den vergangenen Jahrzehnten an Bedeutung gewinnendes Problem behandelt: „Inequality in access to colleges – particularly those that offer the best chances of success – could limit or even reverse colleges’ ability to promote intergenerational mobility, especially since college attendance rates differ greatly by parental income.” Aus Gold Gold zu machen, sei also nicht die Herausforderung an hervorragende Hochschulen, selbst wenn dies gleichermaßen naheliegend und einfach zu erreichen sei.

Die Herausforderung müsse sein, aus weniger edlen Metallen Gold zu machen: „We are faced with a clear challenge: How do you provide access to excellence for students who are less able to pay for it? The answer isn’t an easy one.” Aus der Perspektive des Präsidenten der Stony Brook University, also dem Campus der öffentlich finanzierten State University of New York (SUNY), der sich nicht zuletzt dank Spenden des Alumnus James Simons in dreistelliger Millionenhöhe mittlerweile zu einem SUNY-Leuchtturm entwickelt hat und der entsprechend seine Studiengebühren weit über das SUNY-Niveau hinaus und in die Preisklasse einer Elitehochschule hinein angehoben hat, lappt der dann folgende Satz ins Offensichtliche: „Philanthropy is a large part of the puzzle, and producing successful alumni who are motivated to give back certainly helps.”

Aber zurück zur wichtigen Botschaft des Beitrags, dass nämlich die gängigen Hochschulrankings die Hochschulen feiern, die aus Gold Gold zu machen in der Lage seien, es aber viel wichtiger wäre, die Einrichtungen herauszuheben, die soziale Mobilität ermöglichten. „Traditional rankings don’t tell us much about it. Nor do most colleges. In fact, rankings can tell us how many students are graduating on time, but not why some fall short of that goal. We know that economic disadvantage is a large part of the puzzle: The Washington Post recently reported that students whose economic status made them eligible for Pell Grants [vergleichbar dem BaföG] graduated at lower rates than their peers at an astonishing 97 percent of universities surveyed.” Diese Kluft gäbe es an Stony Brook University nicht. Man sei stolz darauf, dass es zwischen Empfängern von Pell Grants und ihren Mitstudierenden keinen Unterschied im Hinblick auf den Studienerfolg gäbe: „Our track record for increasing social mobility was recognized in that Stanford study, in which we were among the top five universities in the country for bottom-to-top quintile mobility.”

Sie finden den Beitrag hier.
 
Sie finden die Studie hier.

Wenn fehlende Bildung zur „public-health crisis” wird
Der in der vergangenen Ausgabe in den Kurznachrichten angesprochene Beitrag des Chronicle of Higher Education zum Zusammenhang zwischen Bildung auf der einen Seite und gesunder Lebensführung und entsprechend hoher Lebenserwartung auf der anderen verweist auf einen weiteren Beitrag, der in einer bewegenden Mischung von Statistik und Anekdote das Problem der Bildungs- und damit Chancenferne in ländlichen Regionen der USA ausleuchtet.

Der Beitrag, überschrieben mit „A Dying Town. Here in a corner of Missouri and across America, the lack of college education has become a public-health crisis”, nimmt mit Dunklin County einen Landkreis im Südwesten von Missouri unter die Lupe und vergleicht die statistischen Werte zu Bildung, Einkommen und Lebenserwartung. In Dunklin County haben lediglich 12% der Bevölkerung mindestens einen Bachelor’s Degree, der Einkommensmedian für Haushalte liegt bei $32.000 pro Jahr und die Lebenserwartung im Durchschnitt bei etwas unter 73 Jahren. Im Bundesstaat Missouri haben insgesamt 29% der Bevölkerung mindestens einen Bachelor’s Degree, der Einkommensmedian für Haushalte liegt bei $50.000 pro Jahr und die Lebenserwartung im Durchschnitt bei 78 Jahren. Im Durchschnitt der gesamten USA haben dagegen 32% der Bevölkerung mindestens einen Bachelor’s Degree, der Einkommensmedian für Haushalte liegt bei $59.000 pro Jahr und die Lebenserwartung im Durchschnitt bei 79 Jahren.

In Dunklin County leben mit Annie Walters, Jim Anderson und Abdullah Arshad drei Protagonisten des Beitrags. Arshad ist der Landarzt, zu dem es heißt: „Dr. Arshad, came to [Dunklin County] 15 years ago. The region doesn’t produce many of its own doctors (…) so [it] imports its physicians, Dr. Arshad included. A federal program offers medical-school graduates a deal: Work for two years in certain rural and underserved areas and get much of your debt forgiven. For Dr. Arshad, two years became three, and then it was six, 10, 15. (…) Many doctors closed their practices and left the area. Dr. Arshad stayed.”
Dr. Arshad ist der Arzt von Annie Walters. Zu ihrer Lebensgeschichte heißt es: „College wasn’t in the cards for Annie. Now 66, she had a baby at 14 and dropped out of school.” Sie leidet unter einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung in fortgeschrittenem Stadium, ist zeitweilig auf einen Rollstuhl und ständig auf die Zufuhr von Sauerstoff angewiesen und sie wird von ihrem Lebenspartner Jim Anderson als ihrem „primary caregiver” gepflegt. Jim ist selbst 63 Jahre, hatte vor fünf Jahren eine Bypass-Operation und seither auch einige Stents in den Coronargefäßen. Zu ihm heißt es weiter: „Jim did have a chance to go to college. Though his parents didn’t have the money, a farmer he worked for offered to pay for him to get a two-year degree. But Jim was sick of school, couldn’t imagine being in the classroom any longer. The offer, the farmer told him, was open-ended, but somehow, Jim says, he just never got around to it.” Für den weitaus längsten Teil des 20 Jahrhunderts sei das Fehlen höherer Bildung kein Problem gewesen, denn man habe auch mit Oberschulabschluss oder sogar ohne Oberschulabschluss ein freilich bescheidenes Auskommen haben können. „It used to be easier to get by, to earn a steady paycheck. The jobs that once went to folks around here, they say, are now being done by robots or Mexicans or some combination of the two.”

Zuletzt habe dann noch – wie in vielen ländlichen Gebieten der USA – die „Opioid Crisis” auch in Missouri eingeschlagen: „The Centers for Disease Control and Prevention reports that last year, 163 opioid prescriptions were written for every 100 Dunklin County residents.” Wie dies über bereits seit langem bestehende Probleme mit Alkohol und Crystal Meth hinaus Familien zerstört, wird aus der Perspektive von Phillip M. Britt geschildert, einem Commissioner am Dunklin County Family Treatment Court. Er wird mit den Worten zitiert: „Drugs are people’s way of coping. Lots of the time that’s why they use in the first place. They can’t deal with life on life’s terms.” Die Fälle, denen Britt begegnet, sind zum Teil drastisch: „That’s the case for Sherry. The drug that cost her her children was meth, though she says she hadn’t been using for long. When social services took her kids away, her youngest child was just a month old. Her oldest was 10.”

Die zahlreichen, sich gegenseitig zum Teil bedingenden und verstärkenden Ungunstfaktoren führten zu einer Vergleich zum Landesdurchschnitt erschreckend hohen Säuglingssterblichkeit und zu Fällen, denen Dr. Arshad begegne, die er aber in der Gegenwart für eigentlich nicht möglich halte: „Not long ago a young boy came into the emergency room (…) with a severe asthma attack. His mother didn’t know how to use the inhaler properly. She hesitated before seeking help, and she drove him to the hospital herself rather than pay for an ambulance. The boy died.”

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Your School Should Not Pursue Online Education for the Money
In der vergangenen Ausgabe berichteten wir über die auf Inside Higher Education zitierten jüngsten Zahlen des National Student Clearinghouse zu von Studierenden in den USA online absolvierten Kursen. In dieser Woche erschien auf Inside Higher Education ein Appell, elektronische Fernstudiengänge nicht nur deswegen anzubieten, weil sie Einkommen für die Hochschule generieren könnten. Es heißt: „Have you been discussing the online learning numbers - Who Is Studying Online (and Where) - with your colleagues? Why should your college or university be in the online learning business? If the answer is ‘to make money’, then I can guarantee that things will not end well.” Geld verdienen zu wollen, dürfe für eine Hochschule kein strategisches Ziel sein. Seien hingegen strategische Ziele definiert, könnten Online-Angebote durchaus eine wichtige Rolle bei der Umsetzung dieser Ziele spielen, aber: „Building an online education program should always come after an institution has figured out where its differentiating strengths lie.”
 
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Die Zahlen finden Sie hier.

Kurznachrichten
James V. Koch ist der ehemalige Präsident der University of Montana und der Old Dominion University und derzeit Mitglied in der Leitung der Organisation Partners for College Affordability and Public Trust. Koch hat in dieser Woche in einem Beitrag auf den Meinungsseiten der New York Times etwas Offensichtliches ausgesprochen, dass nämlich kein Studierender die vielen Luxusangebote wirklich zum Studium brauche, mit denen mittlerweile auch öffentlich finanzierte Hochschulen in den USA um Studienbewerber buhlten. Der Beitrag unter der Überschrift „No College Kid Needs a Water Park to Study” zeigt aber eben auch ein fortgeschrittenes Konsumentenverhältnis zwischen Hochschulen und Studierenden und ein Versagen der Aufsichtsgremien bei der Kontrolle über die Verwendung von Mitteln. Es heißt: „Tuition and fee hikes at public universities don’t come out of nowhere. Each has to be approved by a school’s governing board, whose trustees are typically appointed by the governor. Ensuring affordable, quality education is an essential part of trustees’ responsibility, but unfortunately often not part of their practice.”

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Die Brookings Institution hat einem Beitrag auf Inside Higher Education zufolge im vergangenen Oktober vom U.S. Department of Education veröffentlichte Zahlen zu notleidenden Studiendarlehen analysiert und mittelfristig hochgerechnet. Die Prognose fällt dabei wenig optimistisch aus: „The federal data show that cumulative default rates continue to rise between 12 to 20 years after students begin repaying their loans, the report said, which means that nearly 40 percent of students who took out loans in 2004 may default by 2023.”

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Die Concordia University of Edmonton in der kanadischen Provinz Alberta meldet die Einführung eines zweisprachigen Double Degree Programms und schreibt: „The new three-year program allows students to begin their Bachelor of Arts degree (French) at Concordia University of Edmonton, and complete their final year at Université de Bretagne – Sud in France. This is an incredible new and unique opportunity for post-secondary students and is the first of its kind in Alberta!”

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Inside Higher Education meldet Überlegungen in der US-Regierung und bei einigen republikanischen Abgeordneten, die 2011 abgeschaffte Praxis sog. „Earmarks” wiederzubeleben, in der seinerzeit etwa $2 Mrd. pro Jahr ohne wettbewerbliches Begutachtungsverfahren über zahlreiche, Entscheidungsträgern im Parlament am Herzen liegende Hochschulprojekte verregnet worden seien. Die Hochschullandschaft sei (vermutlich entlang der Grenzen der aus der Praxis gezogenen Vorteile) geteilter Meinung. Es heißt: „Most of that money went toward academic research, including the construction of new research facilities, but higher education leaders have been split about whether earmarks are an appropriate way to fund that activity. Some colleges lobbied actively – and effectively – for the earmarks when they were still allowed.”

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Ein Beitrag der Vancouver Sunday erinnert daran, dass die bessere Eingliederung von Frauen in technische Berufe für die allermeisten hochentwickelten Länder ein noch unzureichend genutzter Schatz sei, mit dessen adäquater Nutzung sich die Standorte zu Beginn der vierten industriellen Revolution einen deutlichen Vorteil verschaffen könnten. Es heißt: „Women are underwhelmingly employed in science, technology, engineering and mathematics (STEM) fields. Not only women themselves, but governments and industries would benefit to realize the value of more women in such fields. The European Commission says that more women in information and communications technology (ICT), a STEM subfield, could increase the European Union’s GDP by nine billion euros per year.” Kanada sei auf diesem Wege leider noch nicht so weit fortgeschritten: „Canada, for its gender-balanced cabinet, only sees 36 per cent of PhDs in science earned by women, while the UK and US see 49 and 46 per cent, respectively. Canada’s science minister thinks that Canadian universities aren’t doing enough to ensure gender parity.”

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MacLean’s hat jetzt ein Ranking zum durchschnittlichen Studienerfolg an kanadischen Hochschulen veröffentlicht, das eine Spanne von fast 90% an der Queen’s University bis hinunter zu 44% an der University of Winnipeg aufweist.
 
Sie finden das Ranking hier.

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Dr. Nina Lemmens
Stefan Altevogt, Katrin Kempiners, Redaktion

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