02.11.2020
Nordamerika Nachrichten
Dieser Newsletter informiert deutschsprachige Leser über aktuelle Entwicklungen und Trends im Hochschulwesen der USA und Kanada.
Die Themen dieser Woche:

  • Wahltag in den USA: Was für die Hochschullandschaft auf dem Spiel steht
  • Politisierung höherer Bildung
  • Covid-19 und Hochschulen
  • Kurznachrichten
Liebe Leserinnen und Leser,

in dieser Ausgabe befassen wir uns mit dem anstehenden Wahltag in den USA und mit der Politisierung der Aufsichtsgremien öffentlich finanzierter Hochschulsysteme. Wir werfen zudem wieder einen Blick auf das Thema Covid-19 und Hochschulen und schließlich auf verschiedene Kurznachrichten der Woche.

Ich wünsche Ihnen wie immer eine interessante Lektüre, und in diesen Wochen zudem Gesundheit, Geduld und Zuversicht.

Stefan Altevogt
Wahltag in den USA: Was für die Hochschullandschaft auf dem Spiel steht
Am 3. November stehen in den USA der Präsident zur Wahl, ein Drittel der Senatoren und alle Abgeordneten im Repräsentantenhaus. Angesichts der mittlerweile tiefen Spaltung des Landes und bedrohlichen Szenarien für den Fall eines knappen oder gar unentschiedenen Ausgangs vor allem der Präsidentschaftswahl sprechen beide Lager von einer Schicksals-Wahl bzw. einem Kampf um die Seele der Nation.
Im Schatten dieser „ganz großen“ Themen widmen sich eine Reihe von Fachleuten im Chronicle of Higher Education der Frage „What’s at Stake for Higher Ed in the Election?“, anmoderiert von der Bemerkung, dass die Wahl von Donald Trump vor vier Jahren ein kaum zu übersehendes Zeichen für den Triumph von Werten gewesen sei, für die Hochschulen eben nicht stünden. In den Worten des Soziologen Eric Klinenberg: „It’s hard not to see Trump’s triumph as a repudiation of everything that universities stand for: free speech, open inquiry, inclusion, and civility; logic, reason, and the relentless pursuit of truth and wisdom.” Zudem habe Trump eine erstaunliche Affinität zu „the poorly educated“ und das keinesfalls, weil er aufklären wolle.
Patrick J. Deneen, Politikwissenschaftler an der University of Notre Dame, warnt eindringlich davor, einen Wahlsieg von Joe Biden und die damit verbundene Hoffnung auf Revision der hochschulpolitischen Weichenstellungen der vergangenen vier Jahre als einen Sieg der Vernunft zu begrüßen, denn zu akademisch liberal und selbstgefällig habe sich über die vergangenen Jahrzehnte das Klima an den Hochschulen entwickelt und entsprechend vom Rest des Landes entfremdet. Er schreibt: „As a result, the American people’s views of universities have been colored by highly partisan lenses. According to a 2019 Pew Research poll, 18 percent of Democratic-leaning respondents believed that universities had a negative effect on the U.S., while 59 percent of Republican-leaning respondents held this view. Universities went from having 67 percent and 53 percent support by these respective respondents in 2012, to 67 percent and 33 percent over that same time frame.”
Harvey J. Kaye, Professor of Democracy and Justice Studies an der University of Wisconsin-Green Bay, sieht die Hochschullandschaft als Teil des politischen Ganzen und warnt: „If Donald Trump wins re-election and the Republicans continue to hold the Senate, the class and culture wars of the past 45 years, the authoritarian initiatives of the past four years, and the tragic deaths and devastation wrought by the pandemic will intensify, alongside the further corporatization and corruption of higher education.”
Nandita Sharma, Soziologie-Professorin an der University of Hawaii-Manoa, warnt gemeinsam mit ihrer Doktorandin, Nathalie Rita, vor möglicherweise verheerenden Folgen einer Wiederwahl von Trump auf die internationale Attraktivität des Studien- und Forschungsstandorts USA. Sie schreiben: „For international students and for colleges, the future is at stake this November. The re-election of Donald Trump may be the death knell for a globally focused university system in the United States.”
Adom Getachew, Politikwissenschaftler an der University of Chicago, hofft bei einem Wahlsieg Joe Bidens auf einen „New Deal for Higher Education“, einer Art neuen Gesellschaftsvertrags, in dem sich die öffentliche Hand zur auskömmlichen Finanzierung von Hochschulbildung und zur Entlastung von Bildungsschulden verpflichte.
Für Mitchell A. Orenstein, Professor of Russian and East European Studies an der University of Pennsylvania, ist die anstehende Wahl keine Übung, die auf die leichte Schulter zu nehmen wäre, sondern ein Kampf um fundamentale demokratische Rechte, aus der sich die Hochschulen nicht raushalten dürften. Er mahnt: „Colleges are no mere observers to democracy. Their functioning and business models depend on America being a democracy in which the free flow of information is a basic right. Academic freedom can only exist in a society that protects political freedom.”
Renata Salecl, Juraprofessorin an der University of London, sieht die gesamte (internationale) Hochschullandschaft in der Pflicht, gegen Trump vorzugehen, denn er fördere und nutze Ignoranz für seine politischen Zwecke. Sie arbeitet mit dem von ihr geschaffenen Begriff der „Ikeaization of society” und meint, so wie die Firma Ikea jeden Kunden zum Möbelbaumeister befördere, so entwerteten die als „Trump University“ vermarkteten Immobilienkurse die Maßstäbe von akademischer Leistung. Sie schreibt: „Knowledge is regarded as something one can come to without training; it is also perceived as a matter of personal choice. Online, a scientific study and an influencer’s opinion have equal power to shape opinion. Trump makes ignorance strategic. His disregard for knowledge, and his lack of shame for his ignorance, appeases his followers for their own ignorance.”
Anthony Carnevale, Professor am und Direktor des Georgetown University Center on Education and the Workforce, setzt sich schließlich mit dem hochschulpolitischen Wahlprogramm von Joe Biden auseinander und kalkuliert, dass die von ihm vorgeschlagene Befreiung eines grundständigen Studiums von Studiengebühren an öffentlich finanzierten Hochschulen für Kinder aus Haushalten mit Jahreseinkommen bis zu $125.000 über ein Mehr an Steuereinnahmen durchaus finanzierbar sei. Er schreibt: „The plan would cost $49.6 billion in its first year and another $683.1 billion over the subsequent 10 years. Still, the increased tax revenue it would generate from the better-educated, better-paid workers that would result make up for the spending. The Biden plan would increase college attainment enough to yield a total of $371.4 billion in additional federal and state tax revenue, along with private after-tax earnings gains of $866.7 billion, in the program’s first 11 years. By the end of this period, the additional annual tax revenue would exceed the program’s annual cost.”

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Ein Beitrag auf Inside Higher Education erinnert daran, dass es mit der christlich-fundamentalistischen Liberty University zu mindestens eine Hochschule in den USA gäbe, an der für einen Wahlsieg Trumps sogar gebetet würde. Dies sei in der Deutlichkeit überraschend, denn in der Regel hielten sich Hochschulen mit direkter politischer Werbung zurück. Ein Marketing-Experte wird dazu mit den Worten zitiert: „Most institutions are very skittish about playing too closely in the political realm. The country is so strongly divided that you can easily offend a number of your target audiences by taking positions.”

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Politisierung höherer Bildung
Am Beispiel der Entwicklungen in North Carolina in den vergangenen zehn Jahren macht ein mit „The New Order“ überschriebener Beitrag im Chronicle of Higher Education deutlich, wie sich eine Veränderung der politischen Mehrheitsverhältnisse auf die „Governance“ des Hochschulsystems University of North Carolina ausgewirkt habe. Der Bundesstaat, der 2008 noch Barack Obama zum Präsidenten gewählt habe, sei 2010 auf bundesstaatlicher Ebene mehrheitlich republikanisch geworden und habe auch unter dem Einfluss der anti-liberalen Tea-Party-Bewegung streng konservative Gesetze wie das Verbot gleichgeschlechtlicher Ehen oder die ominöse „bathroom bill“ auf den Weg gebracht, mit der eine binäre Geschlechtszuordnung per Toilettenschilder habe zementiert werden sollen.
Beide Vorhaben seien zwar von Gerichten einkassiert worden, doch illustrierten sie gut die neue Windrichtung, die sich dann mittels der Besetzung des 32-köpfigen Board of Governors der University of North Carolina an öffentlich finanzierten Hochschulen auszuwirken begonnen habe. Es heißt: „They set tuition, hire and fire presidents, and approve strategic plans. Beyond that, though, they have tremendous latitude in setting their own agendas.” Wie auch in anderen Bundesstaaten, in denen republikanische Regierungen über die Aufsichtsgremien in die Hochschulen hineinwirkten, so seien in North Carolina derzeit für Republikaner typische Themen oben auf den Tagesordnungen gelandet, Themen wie freie Meinungsäußerung (wobei hier vor allem gemeint ist, dass auch extremen bis absurden Standpunkten an Hochschulen stets eine Bühne bereitgehalten werden müsse), Curricula (das Thema entzündet sich derzeit immer wieder an der Frage, wie man mit Traditionen derjenigen umgehen sollen, die – oft auch mit dem eigenen Leben – für Ziele eingetreten sind, die sich historisch mittlerweile als ganz und gar nicht erstrebenswert herausgestellt haben), das Tenure Modell (Republikanern derzeit mehr ein Dorn im Auge als Demokraten) und „Collective Bargaining“, also die Frage, ob Angestellten an öffentlich finanzierten Einrichtungen das Recht auf gewerkschaftliche Organisation zugestanden werden solle.
Die bessere Durchsetzung von Standpunkten der Republikaner an den Hochschulen sei dabei allerdings kein Selbstzweck, denn man rechne durchaus mit Auswirkungen eines veränderten Klimas in der Hochschullandschaft zurück in die breitere Gesellschaft hinein: „Such issues (...) make public universities ideal staging grounds for waging broader political warfare.“

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Covid-19 und Hochschulen
Der Covid-Ticker des Chronicle of Higher Education meldet die Schließung des El-Paso-Campus der University of Texas (UTEP) bei gleichzeitiger Fortsetzung des Sportprogramms und zitiert die Hochschulpräsidentin mit den Worten: „UTEP athletic teams competing in their championship season will continue to practice and compete under the NCAA and Conference USA stringent testing protocols.“
Der Ticker zitiert einen Bericht des Investitionsberaters Moody’s, wonach die meisten US-amerikanischen Hochschulen (bei den kleinen, privaten Colleges gar mit 87% die allermeisten) für das kommende Haushaltsjahr mit geringeren Einnahmen aus Studiengebühren rechneten, auch infolge eines erwarteten Rückgangs internationaler Studierender an US-Hochschulen.

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CBC meldet, dass gegen 83 internationale Studierende Bußgelder von je Can$ 1.000 verhängt worden seien, die an einer großen Party in Chelsea in der Provinz Quebec teilgenommen und damit gegen Bestimmungen zum Schutz vor der Verbreitung von Covid-19 verstoße hätten. Es heißt: „The students came from colleges and universities in cities across Quebec and Ontario including Montreal, Ottawa and Trois-Rivières, and said some were from the University of Ottawa. They will be receiving tickets [so heißen Buß- und Verwarngeldbescheide in Nordamerika] in the mail in coming days.”

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Ein Beitrag in der New York Times befasst sich mit den Maßnahmen an Hochschulen zur Bewältigung der ökonomischen Folgen von Covid-19 und schreibt: „Liberal arts departments, graduate student aid and even tenured teaching positions are targets as the coronavirus causes shortfalls.“

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Ein Beitrag setzt sich auf Inside Higher Education mit der Frage auseinander, wie Hochschulen auf derzeit noch wenig diskutierte Langzeitfolgen von Covid-19 reagieren könnten. Selbst wenn akute Folgen einer Infektion in der typischen Altersgruppe der Studierenden bei weitem nicht so gravierend seien wie in Risikogruppen, so müsse man doch beachten, dass sich nach jüngsten Erkenntnissen etwa ein Viertel der Betroffenen im Alter zwischen 18 und 34 mit längerfristigen Symptomen auseinanderzusetzen hätten, darunter neurologische Symptome („brain fog“). Es heißt: „Several accounts from healthy and in-shape young adults have described being weakened by the virus and needing to take steps such as dropping out of college.”

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Kurznachrichten
Universities Canada meldet die Aufnahme von Capilano University als 96. Mitglied des Hochschulverbands und schreibt: „Named after Chief Joe Capilano, an important leader of the Squamish (...) Nation of the Coast Salish people, the university was founded by the school boards and residents of North Vancouver, West Vancouver and Howe Sound through a referendum in 1968. Capilano University enrolls approximately 12,700 students each year, including some 2,500 international students.”

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Der Nachrichtenticker der kanadischen Academica Group zitiert einen kostenpflichtigen Beitrag von Bruce Macfarlane in Times Higher Education, in dem Macfarlane bemängele, dass etablierte Fakultätsmitglieder auf der einen Seite Bevorzugungen und Vetternwirtschaft verachteten, auf der anderen Seite aber häufig Karrieren in ihren eigenen Netzwerken förderten. Es heißt: „Macfarlane writes that the consequences of patronage are not understood [and] says that awareness of the problem needs to be raised and that institutions need to review how much this is occurring.”

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Das Canadian Information Centre for International Credentials (CICIC) meldet die Veröffentlichung eines Berichts zur Implementierung von Leitlinien der Lisbon Recognition Convention (LRC) von 1997 in Kanada, der besagt, dass das Land vorbildlich bei der Umsetzung der Leitlinien sei, wenngleich es in einigen Bereichen noch Optimierungsbedarf gäbe. Es heißt im Bericht: „Canada appears to be ready for the Global Convention, as all assessment services and competent recognition authorities already apply the principles of the LRC to internationally educated applicants from all regions of the world.”

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