Die neue Industriepolitik der USA unter Trump II 

Jay Morgan,

November 2025

Die Vorstellung, dass ein Staat wie ein Unternehmen agieren sollte, bedeutet in der Regel, dass privatwirtschaftliches Denken auf staatlich geförderte Projekte übertragen wird. Behörden sollen dabei effizient, serviceorientiert und bürgerfreundlich handeln – ähnlich wie Unternehmen gegenüber ihren Kunden.


Die Wirtschaftsdoktrin der zweiten Trump-Regierung geht jedoch einen Schritt weiter: Sie sieht vor, dass der Staat selbst strategische Beteiligungen eingeht und aktiv neue Einnahmequellen erschließt. Beispiele dafür sind Investitionen in Chiphersteller, Stahlproduzenten und Bergbauunternehmen. Diese Engagements beinhalten häufig Aufsichtsratsmandate oder Vereinbarungen über Gewinnbeteiligungen. Präsident Trump und sein Wirtschaftsteam haben angekündigt, weitere solcher Beteiligungen anzustreben.


Damit vollzieht der US-Staat unter Trump einen Paradigmenwechsel – vom ökonomischen Schiedsrichter hin zum Kapitän der eigenen Nationalmannschaft.


Historischer Kontext 

Obwohl Staatsunternehmen oder staatliche Beteiligungen an strategisch oder politisch relevanten Firmen in vielen Ländern der Welt gängige Praxis sind, hat sich der US-Staat historisch gesehen mit direkten Eingriffen in die Wirtschaft eher zurückgehalten. Nur in außergewöhnlichen Notlagen – etwa nach der Finanzkrise von 2008 – übernahm die Regierung vorübergehend Unternehmensanteile, wie im Fall von General Motors, die später wieder an den Markt zurückgegeben wurden.


Bereits in den 1930er Jahren stand der US-Supreme Court dem Ausbau des Wohlfahrtsstaates unter Präsident Franklin D. Roosevelt zunächst kritisch gegenüber, gab seine Blockadehaltung jedoch schließlich auf. In den 1950er Jahren verhinderte das Gericht dann, dass die Truman-Administration während des Koreakriegs ein Stahlunternehmen zeitweise verstaatlichte, da dafür die gesetzliche Grundlage durch den Kongress fehlte.


Abgesehen von einzelnen, begrenzten Initiativen – etwa dem Halbleiterkonsortium SEMATECH in den späten 1980er Jahren – blieb die US-Regierung im gesamten 20. Jahrhundert skeptisch gegenüber einer aktiven Industriepolitik. Seit den 1980er Jahren lag der wirtschaftspolitische Fokus darauf, günstige Rahmenbedingungen für Unternehmen zu schaffen und den Staat weitgehend auf die Rolle eines Dienstleisters zu beschränken.

Unter Präsident Biden änderte sich dieser Kurs grundlegend. Die Bundesregierung leitete eine aktive Industriepolitik ein, wie sie in der jüngeren US-Geschichte beispiellos war. Mit drei zentralen Gesetzespaketen – dem Infrastructure Investment and Jobs Act (IIJA), dem CHIPS and Science Act und dem Inflation Reduction Act (IRA) – schufen die Biden-Administration und der damals von den Demokraten kontrollierte Kongress umfangreiche Steueranreize, Subventionen und staatlich finanzierte Großinfrastrukturprojekte.


Vor allem der CHIPS and Science Act und der IRA förderten Zukunftstechnologien in den Bereichen Halbleiterproduktion und grüne Technologien. Diese Programme sowie die IIJA-Initiativen waren mit klaren Anforderungen zur Stärkung der US-inländischen Wertschöpfung verbunden. Empfänger von CHIPS-Subventionen oder IRA-Steuergutschriften mussten nachweisen, dass sie überdurchschnittliche Löhne zahlten, gewerkschaftlich organisierte Arbeitskräfte beschäftigten oder bestimmte Sozialleistungen – etwa Kinderbetreuung – für ihre Mitarbeiter anboten. Ziel war es nicht nur, die Produktion in kritischen Sektoren zu stärken, sondern zugleich soziale Gerechtigkeit und faire Arbeitsbedingungen zu fördern.


Während Teile der US-Wirtschaft die neue Industriepolitik grundsätzlich begrüßten, stießen die sozialpolitischen Auflagen der Biden-Programme auf Kritik. Viele Unternehmen bewerteten die zusätzlichen Bedingungen als übermäßig bürokratisch und wirtschaftlich ineffizient – insbesondere Vorgaben wie verpflichtende Kindertagesstätten in allen durch den CHIPS Act geförderten Werken.


Mit dem Amtsantritt von Donald Trump in seiner zweiten Präsidentschaft fielen viele dieser sozialpolitischen Anforderungen weg. Die neue Regierung strich in den folgenden Monaten zahlreiche Bundesmittel, insbesondere im Bereich des Klimaschutzes, und verlagerte den Schwerpunkt der Industriepolitik stärker auf Deregulierung und direkte Produktionsförderung.


Neue Entwicklungen unter Trump II 

Die neuen Ziele der US-Industriepolitik unter Präsident Trump richten sich auf einen raschen Ausbau der inländischen Produktion ab – insbesondere in der Schwerindustrie, in verteidigungsrelevanten Sektoren sowie im Bereich der KI-bezogenen Rechenkapazitäten. Unterstützt werden soll dieses Vorhaben durch eine beschleunigte Ausweitung der heimischen Energiegewinnung und der Förderung kritischer Rohstoffe.


Zu diesem Zweck hat die Trump-Administration im Weißen Haus einen sogenannten Energy Dominance Council eingerichtet, der die Deregulierungsagenda zwischen allen relevanten Bundesbehörden koordinieren soll. Zudem hat das US-Handelsministerium einen neuen Investment Accelerator ins Leben gerufen, der Direktinvestitionen für Großprojekte mit einem Volumen von über einer Milliarde US-Dollar beschleunigen soll. Mit einer strikten Zollpolitik will Präsident Trump die lokale Produktion ankurbeln und neue Arbeitsplätze für junge Amerikanerinnen und Amerikaner ohne College-Abschluss schaffen.


Dass ein republikanischer Präsident auf Entbürokratisierung setzt und Zölle als handelspolitisches Instrument nutzt, ist nicht neu. Bereits Ronald Reagan verfolgte während seiner Amtszeit ähnliche Ansätze – wenn auch in deutlich kleinerem Umfang und ohne die flächendeckenden Zölle, die Trumps Politik kennzeichnen. Der zentrale Unterschied zwischen der neuen Trump-Industriepolitik und den Strategien seiner Vorgänger liegt in der aktiven Einmischung des US-Staates in das operative Geschäft privater Unternehmen.


Im Folgenden werden zentrale Beispiele industriepolitischer Maßnahmen der zweiten Trump-Regierung dargestellt, die einzelne Unternehmen direkt betreffen. Sie lassen sich drei Kategorien zuordnen: Schwerindustrie, kritische Rohstoffe und Technologie.


Schwerindustrie 


Nippon Steel  

Das erste Beispiel für die neue Vorgehensweise war die Teilübernahme von US Steel durch Nippon Steel. Die Biden-Administration hatte die vollständige Übernahme aus Sicherheitsgründen blockiert. Nach Einschätzung der Regierung könnte der ausländische Besitz eines der wichtigsten Produzenten der US-Stahlindustrie im Krisenfall die Zusammenarbeit zwischen dieser strategisch bedeutsamen Branche und dem Staat gefährden.


Auch Donald Trump äußerte sich während des Wahlkampfs 2024 kritisch zur geplanten Veräußerung von US Steel. Nach einem Treffen mit dem japanischen Premierminister Ishiba im Februar erklärte er jedoch, einer Teilübernahme offen gegenüberzustehen.


Um mögliche Sicherheitsbedenken auszuräumen, forderte Trump einen sogenannten „goldenen Anteil“ an US Steel. Dieser sichert der US-Regierung Vetorechte bei zentralen Unternehmensentscheidungen – etwa bei Werkschließungen oder Stellenabbau in den USA – ein, ohne dass sie selbst eine Kapitalbeteiligung an US Steel hält.


Kritische Rohstoffe 


MP Materials 

Auf die Vereinbarung mit Nippon Steel folgte eine Investition des US-Verteidigungsministeriums (DOD) in MP Materials, ein Bergbau- und Fertigungsunternehmen für Dauermagnete. Im Rahmen des im Juni 2025 abgeschlossenen Abkommens stellt das DOD MP Materials einen Kredit von mehr als 150 Millionen US-Dollar zur Erweiterung einer Schmelzanlage für Seltene Erden bereit. Zudem verpflichtet sich das Ministerium, Aktien des Unternehmens im Wert von rund 400 Millionen US-Dollar zu erwerben, was einem Anteil von etwa 15 Prozent entspricht.


Damit wird das DOD zum größten Einzelinvestor von MP Materials und verpflichtet sich zugleich, in den kommenden zehn Jahren Produkte des Unternehmens zu einem Mindestpreis von 110 US-Dollar pro Kilogramm abzunehmen. Ziel der Partnerschaft ist es, die langfristige Versorgung des US-Militärs mit Dauermagneten zu sichern und die Wertschöpfungskette für Seltene Erden schrittweise in die Vereinigten Staaten zu verlagern.


Lithium Americas 

Das US-Energieministerium (DOE) hat ein im Oktober 2024 abgeschlossenes Abkommen zwischen dem DOE Loan Programs Office und dem Unternehmen Lithium Americas neu strukturiert. Im Zuge dessen erwarb das DOE eine fünfprozentige Beteiligung an Lithium Americas. Zusätzlich erhält das Ministerium eine weitere Beteiligung von fünf Prozent in Form von Optionsscheinen am Gemeinschaftsunternehmen von Lithium Americas und General Motors.


Die Optionsscheine dienen zugleich als Sicherheit für den DOE-Kredit an Lithium Americas. Durch die neu ausgehandelten Bedingungen fließen dem Unternehmen 100 Millionen US-Dollar an neuem Kapital zu. Die Mittel sollen den Bau einer Produktionsanlage für Lithiumkarbonat finanzieren – einem zentralen Ausgangsstoff für die Batterieherstellung.


Technologie 


Intel 

Eines der bekanntesten Beispiele für den neuen industriepolitischen Kurs der Trump-Administration ist die im September angekündigte Teilübernahme von Intel. Das US-Handelsministerium (DOC) wandelte dabei sein bestehendes Abkommen mit dem Unternehmen im Rahmen des CHIPS-Programms grundlegend um.


Anstelle einer Zuschussfinanzierung zur Erreichung bestimmter Produktionsmeilensteine verkaufte Intel Unternehmensanteile im Wert von insgesamt 8,9 Milliarden US-Dollar an die US-Regierung. Im Gegenzug erhält das Unternehmen den Betrag unmittelbar, anstatt – wie ursprünglich vorgesehen – über mehrere Jahre gestaffelte Auszahlungen zu erhalten.


Mit dem Erwerb dieser Beteiligung wird der US-Staat zum größten Einzelinvestor von Intel und hält nun einen Anteil von 9,9 Prozent. Präsident Trump und führende Mitglieder seines Wirtschaftsteams haben bestätigt, dass die Administration weitere ähnliche Vereinbarungen in anderen Wirtschaftssektoren plant.


Auflösung von Natcast 

Parallel zu den Neuverhandlungen der CHIPS-Fördermittel hat das US-Handelsministerium (DOC) die Auflösung des National Center for the Advancement of Semiconductor Technology (Natcast) bekannt gegeben. Natcast war von der Biden-Administration als gemeinnützige Organisation gegründet worden, um Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten im Halbleitersektor in Zusammenarbeit mit der Privatwirtschaft und Universitäten zu unterstützen und zu koordinieren.


Die direkte Aufsicht über das öffentlich-private Konsortium aus Unternehmen und Forschungseinrichtungen soll künftig das National Institute of Standards and Technology (NIST) übernehmen, eine dem DOC untergeordnete Behörde. Dadurch erhält die Trump-Administration größeren Einfluss auf das rund 7,4 Milliarden US-Dollar umfassende Budget für Forschung und Entwicklung im Halbleiterbereich.


Nvidia und AMD 

Mehrere Quellen bestätigen, dass die Trump-Administration die Exportbeschränkungen für Hochleistungschips der Unternehmen Nvidia und AMD nach China gelockert hat. Im Gegenzug erhält die US-Regierung 15 Prozent der daraus erzielten Einnahmen.

Im Unterschied zu anderen Fällen staatlicher Beteiligung verzichtete die Administration hierbei auf direkte Eigentumsanteile oder Aufsichtsrechte bei den Halbleiterherstellern. Details des angekündigten Abkommens wurden bislang nicht veröffentlicht.


Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft 

Gemeinsam mit den Aussagen von Präsident Trump und seinen Wirtschaftsberatern skizzieren die zuvor beschriebenen Beispiele die neu entstehende US-Industriepolitik der zweiten Trump-Administration. Unter Trump nimmt die US-Regierung direkten Einfluss auf die Wirtschaft, um die Produktion in kritischen Sektoren ins Inland zu verlagern und neue Einnahmequellen für den Staat zu erschließen. Der Präsident trägt im Weißen Haus zunehmend die alleinige Entscheidungsmacht, und persönliche Beziehungen zu ihm und seinen Beratern gewinnen auch wirtschaftlich an Bedeutung.


Die Trump-Regierung priorisiert dabei folgende Sektoren:


  • Produzierendes Gewerbe, insbesondere Schwerindustrie und verteidigungsrelevante Branchen
  • Rohstoffe und Bergbau
  • Energiegewinnung, vor allem fossile Brennstoffe und Kernenergie
  • Zukunftstechnologien: Halbleiter, KI, Quantencomputing, Biotechnologie
  • Pharmazeutika


Unternehmen in diesen Bereichen können künftig mit verstärkter Aufmerksamkeit durch die US-Politik rechnen. Der Fall Nippon Steel zeigt, dass die Trump-Administration ausländische Direktinvestitionen grundsätzlich willkommen heißt, in bestimmten Fällen jedoch direkte Aufsichtsrechte oder Beteiligungen verlangt.


Da die US-Regierung einen parteiübergreifenden Kurs auf aktive wirtschaftliche Beteiligung einschlägt, sollten ausländische Unternehmen und ihre Tochtergesellschaften in den USA nicht passiv bleiben oder sich ausschließlich auf ihr operatives Tagesgeschäft konzentrieren.


Vor wenigen Jahren galten Nvidias Chips noch als einfache Konsumgüter für Videospieler; heute stehen sie im Zentrum eines geopolitischen Wettkampfs. Ähnliche Entwicklungen zeichnen sich in anderen Sektoren ab und betreffen bereits Teile weiterer Wertschöpfungsketten.


Deutsche Unternehmen und ihre Verbände können ihre Interessen in den USA aktiv vertreten. Nur so lassen sich die zunehmend politisierten US-Wirtschaftsstrukturen mitgestalten. RGIT (das Gemeinschaftsbüro von BDI und DIHK), Industrieverbände und das AHK-USA-Netzwerk bieten dafür eine Vielzahl von Kommunikationskanälen für den direkten Austausch mit US-Entscheidungsträgern auf Bundes- und einzelstaatlicher Ebene. Government-Affairs-Teams sollten ihre Rolle für Unternehmen im US-Markt verstärkt in den Vordergrund rücken.


Ein altes Washingtoner Sprichwort bringt die Lage auf den Punkt: „Wenn man nicht am Tisch sitzt, steht man auf der Speisekarte.“

Informationen des Representative of German Industry and Trade (RGIT) in Washington, DC

Kontakt:
Tel: (001) 202-659-4777


Die Washington News berichten über aktuelle wirtschafts- und handelspolitische Entwicklungen
in den USA.
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This material is distributed by the Representative of German Industry and Trade (RGIT) on behalf of the Federation of German Industries (BDI) and the Association of German Chambers of Commerce and Industry (DIHK). Additional information is available at the Department of Justice, Washington, DC.
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