Ausgabe ___ |  March 29 2017
14. August 2017
Nordamerika Nachrichten
Dieser Newsletter informiert deutschsprachige Leser über aktuelle Entwicklungen und Trends im Hochschulwesen der USA und Kanada.
Themen dieser Woche:

  • The American Freshman: Zahlen zu Studienanfängern in den USA
  • Lebenshaltungskosten für Studierende
  • Title IX: Hochschulen und sexuelle Übergriffe
  • Kurznachrichten

Liebe Leserinnen und Leser,

in dieser Ausgabe befassen wir uns mit Zahlen zu Studienanfängern und mit Lebenshaltungskosten für Studierende in den USA. Wir werfen zudem einen Blick auf den „Title IX” des „United States Education Amendments of 1972”, der in seinen Ausführungsbestimmungen auch den Umgang von Hochschulen mit sexuellen Übergriffen regelt, und schließlich auf verschiedene Kurznachrichten der Woche.

Ich wünsche Ihnen wie immer eine interessante Lektüre.

Stefan Altevogt

The American Freshman: Neue Zahlen zu Studienanfängern in den USA

Das Higher Education Research Institute (HERI) am Standort der University of California in Los Angeles gibt seit mehr als 50 Jahren Ergebnisse von Umfragen unter Studienanfänger heraus und versetzt eine auf diese Weise in die Lage, Veränderungen bei Einstellungen, Erwartungen und Befürchtungen US-amerikanischer Erstsemester-Studierender zu überblicken.
Die jüngste Ausgabe des Berichts ist Ende April unter dem Titel „The American Freshman: National Norms Fall 2016” veröffentlicht worden und basiert auf Antworten von knapp 140.000 Freshmen (der Begriff wird geschlechtsneutral gleichermaßen für Studienanfängerinnen und -anfänger benutzt) an 184 Colleges und Universitäten des Landes. Als eines der bemerkenswertesten Ergebnisse wird genannt, dass nicht zuletzt als eine Folge des Wahlkampfes das Maß politischer Polarisation der Studierenden im Herbst 2016 das höchste in der 51-jährigen Geschichte der Umfrage gewesen sei. Es heißt in der begleitenden Presseerklärung: „Just 42.3 percent of freshmen characterized their political orientation as middle of the road – the lowest figure since the survey began in 1966. Meanwhile, 35.5 percent considered themselves liberal or far left and 22.2 percent said they are conservative or far right students.”
Die politischen Ansichten der Studienanfängerinnen und Studienanfänger zeigten sich zudem so geschlechtsspezifisch wie nie zuvor in der Geschichte der Umfrage, wobei erstere sich zu 41% als „liberal” oder „far left” charakterisierten und letztere nur zu 29%. Zudem gingen beide Geschlechter in Einzelfragen zum Teil sehr weit auseinander: „Women (...) were more likely than men to agree that addressing global climate change should be a priority of the federal government (82.4 percent versus 77.6 percent) and to favor stricter gun control laws (75.4 percent versus 58.8 percent).”
Die Autorinnen und Autoren des Berichts legen sehr großen Wert auf die politikberatende Funktion der Umfrage und verweisen als ein Beispiel auf ihren Beitrag zur Debatte um Affirmative Action. Es heißt: „Last June, our research helped inform the Supreme Court’s decision in Fisher v. The University of Texas to uphold affirmative action in college admission. Our 2015 research briefs provided evidence linking diverse college campuses with strong academic and co-curricular outcomes.”
Die Ergebnisse der Umfragen spiegelten auf der anderen Seite auch immer die jeweiligen Debatten-Themen bzw. die generellen Stimmungen in der Hochschullandschaft wider, die sich für die jüngste Ausgabe auf drei Bereiche zugespitzt finden: „Polarized politics, mental health concerns, and increased institutional efforts to confront and prevent campus sexual assault represent some of the heated national topics that colleges and universities helped us measure in 2016.”


Sie finden den Bericht hier

Sie finden die Presseerklärung hier .  

Die New York Times arbeitet in einem Beitrag einige der nach ihrer Ansicht nach „telling freshman trends” im Vergleich zur ersten Umfrage 1967 heraus, zum Beispiel, dass vor 50 Jahren sich 43% der Freshmen nur an der einen Hochschule beworben gehabt hätten, die es dann auch geworden sei, wohingegen dies zuletzt nur 11% getan hätten. 1967 endete die Antwortskala der Frage „To how many colleges (other than the one you’re attending) did you apply?” allerdings auch bei „six or more”, was seinerzeit 2% auf sich zutreffend fanden. Heute versammelten sich mit 21% die relativ meisten Antworten bei „seven to ten” und immerhin noch 7% bejahten „eleven or more”.
Bei den Aspekten Stressbelastung und emotionale Gesundheit reichten die Vergleichsdaten nur bis ins Jahr 1985 zurück, doch auch hier sei die Entwicklung bemerkenswert. Hätten sich 1985 lediglich 18% der Freshmen von den Anforderungen des Studiums überwältigt gefühlt, seien es zuletzt 41% gewesen. Gleichzeitig sei der Anteil der Freshmen, die sich als „above average or better than your peers” einschätzten, von 67% auf 75% gestiegen.
Schließlich sei auch die Veränderung in der ethnischen Zusammensetzung der Gegenden bemerkenswert, in denen die Studienanfänger aufgewachsen wären. Hätten 1984 noch 39% ihr Umfeld als „mostly white” und 46% als „all white” beschrieben, seien es zuletzt 48% („mostly white”) bzw. 16% („all white”) gewesen. Der Anteil, der „all nonwhite” angegeben habe, sei zugleich von 4% auf 7% angestiegen.

Sie finden den Beitrag hier

Der Chronicle of Higher Education findet über die politische Polarisation der Studienanfänger hinaus ein hohes Maß an Übereinstimmung im Hinblick auf die Sorgen, das Studium finanzieren zu können, allerdings dies auch sehr geschlechtsspezifisch: „66 percent of women said they were either somewhat or very worried, versus 34 percent of men.” Die Sorgen um die Bezahlbarkeit des Studiums würden sich auch darin niederschlagen, dass Studierende verstärkt wieder näher am Wohnort der Familie studierten („13 percent within 10 miles of home compared with 11 percent last year”) und wieder mehr Freshmen bei ihren Eltern lebten („19 percent compared with 15 percent last year”).
Bemerkenswert seien schließlich auch die Erfolge bei der Integration von Kindern aus noch bildungsfernen Teilen der Bevölkerung in die Hochschulbildung. Hierzu heißt es im Hinblick auf die Latinos: „57 percent of Latino freshmen said they were the first in their families to attend college, a greater proportion than any other ethnic or racial group surveyed.”

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Lebenshaltungskosten für Studierende
Neben den direkten Kosten wie „tuition and fees” spielen bei der Kalkulation eines Studiums indirekte Kosten wie Unterkunft, Verpflegung und „other expenses” auch in den USA eine wesentliche Rolle. Hochschulen drücken Kosten für Unterbringung und Verpflegung direkt als Preisschild für „room and board” aus bzw. sie veröffentlichen sogenannte „cost-of-living estimates”.
Letztere seien laut eines jüngst vom Wisconsin HOPE Lab herausgegebenen und im Journal of Higher Education veröffentlichten Papers oft fehlerhaft und würden die wirklichen Kosten mehrheitlich signifikant falsch einschätzen. Es heißt in der Zusammenfassung: „Results across multiple specifications indicated that nearly half of all colleges provide living-cost allowances at least 20% above or below estimated county-level living expenses.”

Sie finden das Paper hier

Der Chronicle of Higher Education wertet die Daten in mehreren Übersichten aus, die etwa zeigen, dass Hochschulen im Nordosten des Landes häufig ebenso deutlich bei der Einschätzung der Lebenshaltungskosten unterhalb der vom HOPE Lab als „wirklich” bezeichneten Kosten lägen wie Hochschulen zum Beispiel in Florida darüber. Für beide Arten der Fehleinschätzung gäbe es jeweils gute Gründe: „A college that underestimates can appear more affordable, thereby limiting the size of its loans. Conversely, a college that overestimates living costs can expand its pool of potential students, since needier candidates might then be able to borrow enough money to attend.” Selbst bei benachbarten Hochschulen würde die jeweils eigene Interessenlage zu entsprechend deutlich verschiedenen Einschätzungen führen. Es heißt: „For traditional colleges in the Twin Cities region, the University of Northwestern at St. Paul reported almost $8,000 in living costs for an academic year, while Metropolitan State University provided an estimate almost $10,000 higher. Both institutions are in Ramsey County, where the HOPE Lab estimated living costs for a student sharing a two-bedroom apartment or house at $12,231 for nine months.”
Weil aber die Diskussion über Studienkosten einen deutlichen Schwerpunkt auf den direkten Kosten habe und die indirekten Kosten als Angabe der jeweiligen Hochschulen Eingang in Kalkulationswerkzeuge wie den „net-price Calculator” fänden und entsprechend von den Familien nicht weiter hinterfragt würden, sei eine der entscheidenden Fragen: „How well do these assumptions match the realities students might find when venturing out on their own?” Als Antwort auf diese Frage arbeitet der Bericht die Daten des HOPE Labs in einer interaktiven Karte auf und bietet für Interessierte einen direkten Vergleich zu den Angaben der Hochschulen. Für einen Besuch der New York University empfiehlt es sich danach, $2.000 mehr einzuplanen als von der Hochschule angegeben, für die Florida A&M University werden die Angaben der Hochschule um mehr als $2.200 nach unten korrigiert.

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Title IX: Hochschulen und sexuelle Übergriffe

Der Title IX des United States Education Amendments of 1972 verbietet zunächst einmal Hochschulen, die Mittel aus Bundeskassen beziehen (also allen Hochschulen), jegliche Diskriminierung „on the basis of sex”. Title IX ist aber mittlerweile zum Etikett einer Debatte darüber geworden, ob und wie Hochschulen angemessen mit dem Problem sexueller Übergriffe umgehen.
Ein Beitrag des Chronicle of Higher Education zeichnete im Februar dieses Jahres nach, wie ein 20-seitiges „Dear Collegue”-Schreiben des Office for Civil Rights im U.S. Department of Education an die Leitungen von Hochschulen des Landes die knappen Formulierungen des Title IX mit konkreten Erwartungen verband, denen nachzukommen den Hochschulen derzeit einige Kopfschmerzen bereitet und häufig auch negatives Medieninteresse einträgt. Es heißt: „The Dear Colleague letter marked the first time the department’s civil-rights office had issued detailed directions that clearly were meant for all colleges. The guidance pushed institutions to investigate alleged assaults on campus and off, promptly and fairly, whether or not a student had filed a complaint. Much of the letter’s power came from its central argument: that the federal gender-equity law known as Title IX required colleges to do everything within their reach to prevent assaults and punish the perpetrators.”

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Die in der Praxis für Hochschulen oft entscheidende Frage ist die danach, wann ein Übergriff vorliegt und entsprechend ein Täter bestraft werden muss. Die jünste HERI-Umfrage (siehe oben) zeigt, dass weit überwiegend Konsens unter Studierenden darüber besteht, dass ja ja heißt und nein nein. Hochschulen haben (häufiger als ihnen lieb sein kann) über Fälle zu entscheiden, in denen weder das eine, noch das andere klar gesagt wurde und dies nicht nur, weil Faktoren wie Alkohol, jugendlicher Leichtsinn oder Gruppendruck sich gerne dominant verhalten.
Das kann zu auch falschen Anschuldigungen führen, mit deren Folgekosten für die Hochschulen sich ein weiterer Beitrag des Chronicle of Higher Education befasst. Es heißt: „Over the past six years, more students who believe they were falsely accused of sexual assault have sued colleges. And even though those students seldom win in the courts, the costs for colleges to fend them off are adding up. (…) Most of the cases were lawsuits or ‘demand letters,’ another form of legal action. On average, (...) colleges ended up paying $187,000 per case. In 40 percent of the cases, institutions were out more than $200,000.”

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Der Chronicle of Higher Education führt mit einem „Title IX Tracker” Buch über die Fälle, in denen das Bildungsministerium gegen Hochschulen wegen des Verdachts ermittelt, sie seien ihrer Aufgabe, für einen „due process” bei der Handhabung von sexuellen Übergriffen zu sorgen, nicht genügend nachgekommen. Für den Zeitraum von April 2011 bis August 2017 heißt es: „The government has conducted 424 investigations of colleges for possibly mishandling reports of sexual violence.”

Sie finden den Tracker hier .


Kurznachrichten
Inside Higher Education meldet das Ende des Versuchs eines Professors an der University of Georgia, der seinen Studierenden den Stress von Noten habe ersparen wollen und ihnen daher das Recht auf Selbsteinschätzung als Grundlage der Bewertung eingeräumt habe. Es heißt: „Under the policy, students could change their grades if they felt ‘unduly stressed’ by the one they received, and leave group work at any time, without any explanation, if they felt stressed by the situation.” Der Versuch habe viel Kritik einstecken müssen, vor allem aus Medien der politischen Rechten, doch bestehe die Hochschule auf die Feststellung, dass der Versuch lediglich aufgrund akademischer Kriterien nun eingestellt worden sei.

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In Kanada ist unter dem Titel „Shared Perspectives” jetzt eine von fünf Studierendenorganisationen in verschiedenen Provinzen des Landes durchgeführte Untersuchung zum Befinden der Studierenden veröffentlicht worden.

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Laut Pressemitteilung der beteiligten Organisation Students Nova Scotia (SNS) ist eines der zentralen Ergebnisse der Umfrage die Fesstellung: „The publication sheds light on the limited successes and continued challenges that students face accessing mental health-related services on campus and features case studies from each of the participating provinces.”

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Im Vorfeld der von erschreckenden Gewalttätigkeiten begleiteten Demonstration von Rechtsradikalen gegen die Entfernung eines Denkmals für den Südstaaten-General Lee in Charlottesville am Samstag habe es laut Inside Higher Education auf dem dortigen Campus der University of Virginia am Freitagabend eine Kundgebung weißer Nationalisten gegeben. Es heißt dazu: „Hundreds of white nationalists marched and rallied at the University of Virginia Friday night. They carried torches and chanted, ‘You will not replace us’ and ‘Jews will not replace us.’ They also chanted ‘blood and soil,’ a Nazi slogan.”

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Zu einem neu von der School of Journalism der Columbia University angebotenen Master Degree in Data Journalism heißt es in einem Beitrag auf Inside Higher Education: „Dropping just over $106,000 for tuition and fees (…) for a master’s degree in an unstable, layoff-ravaged industry where the median annual salary is less than $40,000 might seem ludicrous, or at least deserving of mockery.” Steve Coll, der Dean der Schule, rechtfertige den hohen Preis allerdings mit den Worten: „You would be a highly literate candidate to participate in the modern newsroom, where you have technologists working alongside journalists to create new engagement with the audience in the digital age.”

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Impressum


Dr. Nina Lemmens
Stefan Altevogt, Katrin Kempiners, Redaktion

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